Deutschland hat kein Gasproblem: Wir haben ein Problem mit Selbstgerechtigkeit

Unter unseren Füßen schlummern 800 Milliarden Kubikmeter Gas. Aber wir wollen uns die Hände nicht mit Fracking schmutzig machen, das sollen die Amerikaner tun.

Eine Fracking-Pumpe in North Dakota: lieber Gas von hier als aus Niedersachsen.
Eine Fracking-Pumpe in North Dakota: lieber Gas von hier als aus Niedersachsen.PantherMedia / Christopher Boswell

Deutschland hat eigentlich kein Gasproblem. Wir leisten uns nur eines. Während Wladimir Putin mit dem Gashahn spielt, Politiker Täuschung und Betrug schreien, das ganze Land in den Sparmodus geht, schlummern unter unseren Füßen nach Einschätzung von Geologen mindestens 800 Milliarden Kubikmeter Erdgas. Mit diesen Reserven ließe sich die Hälfte des aktuellen Bedarfs Deutschlands bis weit ins nächste Jahrhundert hinein decken. So hat es kürzlich das britische Magazin „The Economist“ ausgerechnet.

Doch auch nach Beginn des russischen Angriffskriegs, Drosselung der Liefermengen und dem Heckmeck um Turbinen macht die Bundesregierung keine Anstalten, die vorhandenen Reserven, die uns kurzfristig so viel unabhängiger machen würden, zu erschließen. Dabei sagen deutsche Gasproduzenten, sie könnten die Förderung in anderthalb bis zwei Jahren verdoppeln. Das könnte die Gasimporte aus Russland um Mengen im Wert von etwa 15 Milliarden Dollar jährlich, also gut die Hälfte, reduzieren. Doch sie dürfen nicht.

Im Jahre 2017 verabschiedete Angela Merkels schwarz-rote Koalition ein Gesetz, das kommerzielles Fracking faktisch verbot. Und in Deutschland lässt sich Erdgas nur mittels der Fracking-Methode gewinnen, bei der chemische Gemische unter Hochdruck in den Boden gepumpt werden.

Anfang der 2000er-Jahre wurden jährlich noch um die 20 Milliarden Kubikmeter Gas hierzulande gefördert, was circa ein Viertel des nationalen Bedarfs deckte. Seitdem ist die Förderung eingebrochen. Heute werde nur noch rund sechs Milliarden Kubikmeter gefördert. Das macht kaum zehn Prozent des Gases aus, das wir aus Russland Jahr für Jahr importieren.

Statt deutsches Erdgas zu gewinnen, schweift Wirtschaftsminister Robert Habeck in die Ferne. Er will Flüssiggas aus Katar und den Vereinigten Staaten importieren. Dafür müssen nicht nur Flüssiggasterminals gebaut werden, was Zeit, Geld und CO2 kostet. Jedes einzelne Schiff, das Gas transportiert, stößt natürlich seinerseits Treibhausgase aus. Aus Klimaschutzperspektive eine Milchmädchenrechnung; aus der Perspektive einer unabhängigen Energieversorgung und sicherer Lieferwege auch. Wir sollten uns nach der Abhängigkeit von Russland nun nicht direkt in andere Abhängigkeiten begeben.

Doch wieso ist Deutschland so gern abhängig? Wie kann es sein, dass wir auf einem Großteil der Lösung unseres Problems sitzen und doch den Hintern nicht hochkriegen? Gerade beim Gas aus den USA ergibt die komplizierte Konstruktion nicht einmal aus klimapolitischer Sicht Sinn. Denn hier wie dort muss das Gas mittels Fracking gewonnen werden. Wieso wollen wir Frackinggas aus dem Mittleren Westen der USA an die dortige Küste, dann auf Schiffe und dann zu deutschen LNG-Terminals transportieren lassen? Anstatt es einfach selbst zu fördern und nicht dafür bezahlen zu müssen.

Die Antwort ist so simpel wie erschütternd: In Deutschland wird zwar immer gern mit den Interessen der ganzen Welt argumentiert, aber eigentlich denkt man nur an sich selbst. Windkraft ja, aber bitte nicht in meinem Dorf, Frackinggas gerne aus Amerika, aber bitte nicht aus Niedersachsen.

Wie hieß es in der Finanzkrise immer: Risiken würden vergemeinschaftet und Gewinne privatisiert. Ganz ähnlich halten es die Regierungen im Bund und den Ländern immer noch. Trotz Zeitenwende: Andere sollen sich die Hände schmutzig machen, damit wir warm duschen können.