Deutschland seit 29 Jahren wiedervereint: Was bedeutet uns der 3. Oktober?

Der 3. Oktober, vielleicht sehen Sie das auch so, ist ein eher lebensferner und bürokratischer Feiertag der Deutschen Einheit. Nur wenige Deutsche in Ost und West verbinden einen historischen Moment oder gar umstürzende Weltgeschichte mit diesem Herbsttag.

Ganz anders geht es den meisten mit dem 9. November, dem Tag des Mauerfalls. Das ist der Tag, an den sich jeder erinnert. Denn jeder weiß, wo er damals war, an jenem Abend, als die Welt sich trotz allem änderte. Für den Osten und auch für den Westen, wenngleich in einem sehr unterschiedlichen Maß.

Der 3. Oktober - ein eher zufälliges Datum

Und warum wurde dann nicht dieser 9. November der Tag der Deutschen Einheit? Ganz einfach, weil das Datum des 9. Novembers noch für viele andere deutsche Tage steht. Für die Novemberrevolution zum Ende des Ersten Weltkriegs im Jahr 1918. Für den ersten Putsch Adolf Hitlers im Jahr 1923. 

Und vor allem für die Reichspogromnacht im November 1938. Für das Morden und Plündern. Wer wollte an diesem Tag schon die Einheit Deutschlands feiern, auch wenn die Geschichte den Mauerfall zufällig auf dieses Datum spülte? 

Also nahm man den 3. Oktober, ein, nun ja, eher zufälliges Datum. Und vergab damit die Chance, vor allem die Leistung der Ostdeutschen zu würdigen, ihre Revolution.

Beim Mauerfall war noch alles offen

Doch man sollte den 3. Oktober nicht unterschätzen. Denn dieser Tag legte fest, wie wir, die Deutschen, nun seit fast 30 Jahren zusammenleben. Das ist der Unterschied zum 9. November, auch in der Bedeutung. Beim Mauerfall war noch alles offen, am Tag der Vereinigung knapp elf Monate später im Herbst 1990 aber war längst alles klar: Es würde für die DDR keinen dritten Weg geben, sondern eine westdeutsch geführte Treuhand, eine Abwicklung.

Nicht die Bürgerrechtler, sondern Helmut Kohl würde Politik für den Osten machen. Günther Krause, der mit Wolfgang Schäuble den Einigungsvertrag unterschrieb, würde danach nie wieder eine wichtige Rolle spielen. Wolfgang Schäuble würde die Politik, seine Welt, die es vor 1989 und nach 1989 gab, nicht mehr verlassen. Bis zum heutigen Tag, allen persönlichen Schicksalsschlägen zum Trotz.

Die Ostdeutschen hatten das Unmögliche einfach getan

Eine neue Verfassung für das neu vereinte Deutschland hat es nie gegeben, das Grundgesetz der alten Bundesrepublik gilt seither für alle. Das klingt ernüchternd, aber ist dieses Grundgesetz nicht auch eine tragbare, ziemlich offene Verfassung, auf die sich jetzt selbst diejenigen berufen, die große Wohnungsgesellschaften in Berlin enteignen wollen? Die Verfassung, sie ist sicher das geringste Problem. Sie steckt voller Möglichkeiten.

Viel größer war in den Tagen zwischen dem 9. November 1989 und dem 3. Oktober 1990 die Frage, ob und wie man eine Revolution, die niemanden das Leben gekostet hatte, in ein westdeutsches Staatswesen integrieren sollte, das mit Revolutionen nichts anfangen konnte, sich die Wiedervereinigung aber in das erwähnte Grundgesetz geschrieben hatte.

Die Ostdeutschen hatten, nicht besonders gut vorbereitet für den historischen Moment, das Unmögliche einfach getan. Die Westdeutschen, die den Kalten Krieg eigentlich ohne eigenes Zutun gewonnen hatten, fanden darauf eine eher ängstliche Antwort: Lasst uns gemeinsam mit den Ostdeutschen jetzt einfach das Mögliche weiter tun. Dann wird das schon. 

So entstand eine größere Version der Bundesrepublik mit all ihrer Wirtschaftskraft und einem erhofften „Weiter so“. Das ging so weit, dass aus dem eingeschmolzenen Stahl des Palastes der Republik in Ost-Berlin bei Volkswagen Motoren für den Golf gegossen wurden. Besser ließe sich das „Weiter so“ gar nicht versinnbildlichen.

Erinnern wir uns – um in die Zukunft zu blicken

Doch ist dieses „Weiter so“ des Westens war wahrscheinlich eines der größten Missverständnisse der Vereinigung, und dieses Missverständnis wirkt bis heute fort. Weil das Versprechen der persönlichen Freiheit zwar eingelöst wurde, ja doch, aber die einen vor allem lernen sollten, was die anderen schon immer so gemacht hatten. Das kann nicht funktionieren, nicht in Familien, nicht in Firmen, nicht in einem Staat.

Und deshalb ist es gut, noch einmal daran zu erinnern, dass der 9. November ein Anfang und der 3. Oktober ein früher Schlusspunkt einer Entwicklung war. Vielleicht sollte dieser 3. Oktober 2019 uns dazu bringen, bis zum kommenden Jahr, bis zum 30. Jahrestag der Vereinigung, noch einmal zu erkennen, was dazwischen lag: zwischen dem Mauerfall und einer größeren Bundesrepublik. Denn da war so viel mehr als ein „Weiter so“. Erinnern wir uns – um in die Zukunft zu blicken.