Berlin - Bundesweit sind die Impfungen gegen das Coronavirus angelaufen. In Berlin wurde am Sonntagmorgen die 101 Jahre alte Gertrud Haase, Bewohnerin eines Seniorenheims in Berlin-Steglitz, geimpft. Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) begleitete den Berliner Impfauftakt. „Ich bin sehr erleichtert, dass das Impfen in den Pflegeheimen einen guten Start hatte“, sagte Kalayci anschließend. 

In den nächsten Wochen werden mobile Impfteams weitere Pflege- und Altenheime in ganz Deutschland besuchen, um Bewohnerinnen und Bewohner und das Pflegepersonal zu impfen. Die bundesweit rund 440 Impfzentren, die inzwischen für die Impfkampagne vorbereitet wurden, sollen im Januar ihren Betrieb aufnehmen.

Der 27. Dezember ist das offizielle Startdatum für die Impfungen, auf das sich die Europäische Union geeinigt hatte, doch nicht alle hielten sich daran. So wollte man in Sachsen-Anhalt nicht bis zum Sonntag warten. Edith Kwoizalla, Bewohnerin eines Seniorenzentrums in Halberstadt im Harzer Vorland, war die Erste, die in Deutschland die Spritze mit dem schützenden Vakzin bekam – oder zumindest die Erste, die es in die Schlagzeilen schaffte. Der Impfstoff des Mainzer Unternehmens Biontech und des US-Konzerns Pfizer war am Sonnabend in Halberstadt angekommen, Heimleiter Tobias Krüger hatte nach eigener Aussage keine Zeit verlieren wollen. Dafür sei die Lage zu dramatisch. „Jeder Tag, den wir warten, ist ein Tag zu viel“, sagte Krüger der Nachrichtenagentur dpa.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) wurde von dem Schritt der Halberstädter offenbar überrascht. Spahns Sprecher sagte der Zeitung Bild am Sonntag, der Minister freue sich mit Edith Kwoizalla und wünsche ihr alles Gute. „Allerdings hatten wir mit allen Partnerländern der EU und mit den 16 Bundesländern vereinbart, ab Sonntag gemeinsam mit den Impfungen zu beginnen.“

Durch den Frühstart wurde das Ziel eines symbolträchtig einheitlichen Starts von Sachsen-Anhalt durchkreuzt – allerdings waren vorher bereits andere EU-Mitgliedstaaten vorgeprescht: In Ungarn wurden am Sonnabend die ersten Ärzte und Pflegekräfte geimpft, auch die Slowakei begann am Abend des zweiten Weihnachtstages mit den Impfungen.

Politiker und Politikerinnen aus verschiedenen Parteien äußerten sich am Sonntag zum Impfstart in Deutschland. „Der Impfstart ist eine Hammer-Nachricht am Ende dieses für uns alle schwierigen 2020“, schrieb der Grünen-Politiker Cem Özdemir bei Twitter. „Ich lasse mich impfen, sobald ich an der Reihe bin. Denn ein Impfstoff führt erst dann aus der Pandemie, wenn wir uns auch impfen lassen.“

Auch Jens Spahn nutzte die Plattform, um Optimismus zu verbreiten. „Der Impfstart heute macht Hoffnung und gibt Zuversicht“, schrieb der CDU-Politiker. „Die Impfung ist der Schlüssel raus aus der Pandemie. Dass dieser Impfstoff in Deutschland für uns und die Welt entwickelt wurde, erfüllt mich mit Stolz.“

Sachsens Gesundheitsministerin Petra Köpping (SPD) nannte den Impfstoff „ein Weihnachtsgeschenk“. Sachsen war zuletzt besonders heftig von der Pandemie getroffen worden. Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) erklärte, sie werde sich „sehr gern“ impfen, sobald sie an der Reihe sei.

Verantwortliche in Bundesregierung und Verwaltung gehören nach den besonders gefährdeten und hochbetagten Menschen und den Beschäftigten mit großem Expositionsrisiko zur dritten Bevölkerungsgruppe, die sich wird impfen lassen können. Für die breite Masse wird der Impfstoff voraussichtlich im Sommer zur Verfügung stehen.

Die Statements aus der Politik sollen für die Corona-Impfung werben und im besten Fall diejenigen überzeugen, die einer Impfung bisher skeptisch gegenüberstehen. Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der dpa wollen sich derzeit 65 Prozent der Bundesbürger impfen lassen – allerdings nur 32 Prozent so schnell wie möglich. Auch sagten 57 Prozent, dass sie Angst vor Nebenwirkungen hätten. Um eine sogenannte Herdenimmunität zu erreichen, müssten 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung geimpft sein.

Die gesundheitspolitische Sprecherin der FDP-Fraktion, Christine Aschenberg-Dugnus, kritisierte, die Akzeptanz- und Informationskampagne für die Impfungen komme zu spät. „Die Bevölkerung hätte längst auf Basis transparenter wissenschaftlicher Informationen über mRNA-Impfstoffe informiert werden müssen, um eigenverantwortlich entscheiden zu können,“ sagte Aschenberg-Dugnus der Berliner Zeitung. So handele es sich bei dem Biontech-Impfstoff gerade nicht um eine Gentherapie, wie von Verschwörungstheoretikern verbreitet werde.

Um alle Menschen in Deutschland sofort zu immunisieren, steht derzeit allerdings ohnehin noch nicht genügend Impfstoff zur Verfügung; bis Ende Januar erhält Deutschland voraussichtlich vier Millionen Impfdosen, im ersten Quartal 2021 sollen elf bis 13 Millionen Impfdosen bereitstehen. Um einen effektiven Schutz zu erreichen, sind pro Person zwei Impfdosen nötig.

Sonderrechte für Geimpfte, etwa bei Reisen, soll es nach dem Willen von Bundesinnenminister Horst Seehofer nicht geben. „Eine Unterscheidung zwischen Geimpften und Nicht-Geimpften kommt einer Impfpflicht gleich“, sagte der CSU-Politiker der Bild am Sonntag. „Wir alle stecken in dieser Krise. Und wir sollten uns gemeinsam und solidarisch herauskämpfen.“

Zum Impfstart gab es auch warnende Stimmen. Tedros Adhanom Ghebreyesus, Chef der Weltgesundheitsorganisation, sagte am Sonnabendabend, die aktuelle Corona-Krise werde nicht die letzte Pandemie gewesen sein. „Die Geschichte lehrt uns, dass dies nicht die letzte Pandemie sein wird und dass Epidemien eine Tatsache des Lebens sind“, sagte Tedros in einer Videobotschaft. Die Pandemie habe aber gezeigt, wie eng die Gesundheit der Menschen mit dem Zustand des Planeten zusammenhänge. „Alle Versuche, die Menschheit zu schützen, sind zum Scheitern verurteilt, solange diese Verbindung nicht ausreichend berücksichtigt und nicht ausreichend gegen den Klimawandel vorgegangen wird, der unseren Planeten bedroht“, sagte der Immunologe.