Da stand sie nun, Angela Merkel und erläuterte im Frühjahr im Kanzleramt den jüngsten deutsch-französischen Kompromiss zur Euro-Krise. Die Kanzlerin referierte und neben ihr lauschte Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy der Übersetzung. Dann machte Merkel eine Pause, schaute hinüber und Sarkozy antwortete auf Deutsch: „Genau!“

Wer die beiden so sah, mochte meinen, es habe nie ernsthafte Differenzen gegeben. Doch es war eine späte Liebe. Der Tag, an dem aus Angela Merkel und Nicolas Sarkozy das Duo Merkozy wurde, war am 18. Oktober 2010. Sarkozy war schon zweieinhalb Jahre im Amt, da trafen sich die beiden im französischen Seebad Deauville. In Luxemburg tagten zeitgleich die Euro-Finanzminister. Mitten in die Beratungen hinein verkündeten Sarkozy und Merkel ihren Kompromiss zum Euro-Streit. Sie verzichtete auf automatische Sanktionen gegen Schuldenstaaten, er billigte eine Änderung der EU-Verträge zu. In Luxemburg schäumte der übergangene EU-Kommissar Olli Rehn: Er könne dazu nichts sagen. Andere warnten vor dem Aushöhlen europäischer Institutionen. Der Kompromiss ist längst überholt. Es gibt einen zeitweisen Rettungsschirm, einen dauerhaften Krisenmechanismus und einen kippeligen Fiskalpakt. Geblieben ist Merkozy, eine zweckmäßige Bindung, gewachsen in der Krise.

Es war ein holpriger Start. Filme mit Louis de Funès soll Merkel geguckt haben, um den ruhelosen Sarkozy besser zu verstehen. Der hatte im Wahlkampf erklärt, die deutsch-französische Achse sei Geschichte, er wolle enger mit Spanien kooperieren. Sarkozy wählt dazu ein Interview in der englischen Financial Times. Nicht eben die feine französische Art.

Sarkozy versprach die rupture – den Bruch. Auch in der Außenpolitik. Sein Vorgänger Jacques Chirac hatte im Irak mit den USA gebrochen, Sarkozy strebte eine engere Bindung an. „Frankreich wird immer an der Seite der USA stehen, wenn sie es brauchen“, versprach er nach seiner Wahl. Auch in die Verteidigungsstrukturen der Nato führte Sarkozy das Land 2009 zurück. Mit Britannien schloss er 2010 einen militärischen Kooperationsvertrag (auch, weil in der Krise das Geld fehlte).

Mit Deutschland fremdelte Sarkozy zunächst. Der von Berlin forcierten EU-Osterweiterung stellte er seine Mittelmeerunion entgegen. Merkel tat, was sie stets tut, wenn ihr was nicht passt. Sie reagierte kühl und abwartend und kassierte den Plan 2008.

Im Jahr darauf erschütterte die Finanzkrise die Welt und das von Sarkozy gepriesene angelsächsische Wirtschaftsmodell war diskreditiert. Der Präsident setzte zunächst auf klassische französische Wirtschaftspolitik: Dirigismus und Eingreifen der Notenbank. Das schreckte Merkel auf. Heftig gerieten die beiden aneinander, Merkels großkoalitionärer Finanzminister Peer Steinbrück wurde von Sarkozy gar angeblafft: „Was fällt Ihnen ein, in diesem Ton mit mir zu reden!“

Der Ton war ruppig - nicht nur in der Euro-Krise. Seit Deauville sind die Differenzen nicht verschwunden, wohl aber gibt es ein gegenseitiges Verstehen. Es gebe nur drei Frauen in Sarkozys Leben, scherzte unlängst sein Berater Alain Minc: Carla Bruni, Tochter Giulia und Angela Merkel.
Ganz uneigennützig ist das nicht. Sarkozy suchte in der Phase der Schwäche die Nähe zum starken Nachbarn. Arbeitsmarktreformen, Mittelstandsförderung, duale Ausbildung – das deutsche Modell diente plötzlich als Vorbild. Auch deshalb wollte er Merkel im Wahlkampf einbinden. Doch hatte er die Stimmung im Land verkannt. Was bleibt von Merkozy? Es war Partnerschaft, nicht die ganz große Liebe. Für die Zeit nach dem 6. Mai ist das aber auch schon was.