Berlin - Der Internationale Währungsfonds (IWF) drängt Deutschland zu stärkeren Lohnerhöhungen. In ihrem aktuellen Länderbericht schreiben die Experten aus Washington, dass sich die Wirtschaft in dem größten Euroland zwar insgesamt gut entwickle. „Doch obwohl Kapazitätsauslastung und offene Stellen bereits hoch sind und weiter steigen, bleiben das Lohnwachstum und die Kerninflationsrate schwach“, heißt es in der Stellungnahme. Bei der Präsentation in Berlin appellierte Encrica Detragiache von der Europaabteilung des Fonds an die Bundesregierung, sich in der öffentlichen Debatte für kräftigere Gehaltssteigerungen einzusetzen. Vor allem aber sei es  Aufgabe der Tarifparteien, die jahrelange Zurückhaltung zu beenden und zu korrigieren.

Wirtschaftliche Stabilität als Ziel

Dem IWF geht es bei seinen Empfehlungen nicht in erster Linie um mehr Gerechtigkeit für Arbeitnehmer, sondern um mehr wirtschaftliche Stabilität in Deutschland und in Europa. Nach seiner  Prognose werden die Löhne zwar in den nächsten Jahren zulegen. Doch die Steigerungen seien angesichts der zunehmenden Knappheit an Fachkräften zu langsam. Sie seien insbesondere zu gering, um die Inflation in der Eurozone wieder auf das gewünschte Ausmaß zu heben. Aus Sicht des IWF  können die Deutschen selbst am besten die Grundlage schaffen, um die von ihnen beklagte Phase der extrem lockeren Geldpolitik und der niedrigen Zinsen zu beenden. Wenn sie die Löhne anheben, würden die Preise schneller steigen. Und die Europäische Zentralbank könnte die Rückkehr zur Normalität einleiten – so das Kalkül des IWF.

Damit sieht er einen zweiten großen Vorteil verbunden:  Deutschland könnte so auch seinen sehr hohen Leistungsbilanzüberschuss reduzieren. Kein anderes Land der Welt habe 2016 ein so hohes Plus im Wirtschaftsaustausch mit dem Ausland erzielt wie die Bundesrepublik. Zwar sei der Überschuss im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt leicht von  8,6 Prozent auf 8,3 Prozent gesunken. Doch in den kommenden Jahren werde er nur sehr langsam  -  um einen Prozentpunkt bis 2022 – schrumpfen. Hohe Handelsüberschüsse gefährden nicht nur Arbeitsplätze in den Importländern, sondern sind ein Risiko für die Stabilität des Handelssystems. Für vertretbar hält der IWF Werte von maximal zweieinhalb bis fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die Grenzen reißt Deutschland deutlich.

Rentenreformen gefordert

Der Fonds, der sich auf die Vorbeugung von Wirtschaftskrisen spezialisiert hat, rät daher neben zu deutlichen Lohnsteigerungen zu einer Förderung von privaten und öffentlichen Investitionen. Außerdem sollte die Politik mit Rentenreformen Anreize zu setzen, länger zu arbeiten. Dann müssten die Bundesbürger weniger fürs Alter sparen. Die Sorge, zu wenig vorgesorgt zu haben, treibt laut dem Bericht die Spartätigkeit und dämpft die Binnennachfrage.

Mit zu dem Empfehlungskatalog für die Berliner Politik gehört eine Senkung der Steuern auf Arbeit. Auch das Ehegattensplitting sei ein Hindernis, meinte Detragiache. Denn es nehme den Partnern der Hauptverdiener die Motivation, sich  ebenfalls um Beschäftigung zu bemühen. Der nächsten Bundesregierung legt der IWF nahe, sich von der Schwarzen Null im Bundeshaushalt zu verabschieden. Stattdessen sollte Deutschland die Spielräume nutzen, die ihm das Grundgesetz und der europäischen Stabilitätspakt ließen. Die Schuldenbremse in der Verfassung erlaubt dem Bund ein strukturelles Defizit von 0,35 Prozent   des Bruttoinlandsprodukts. In diesem Zusammenhang üben die Fachleute des IWF Kritik an den hiesigen Steuerschätzern, die regelmäßig die staatlichen Einnahmen zu niedrig ansetzten. Daher sei die Finanzpolitik immer zu sparsam angelegt und schöpfe die Möglichkeiten nicht aus. Die Fehleinschätzungen führt der Fonds darauf zurück, dass die offiziellen Prognosen das Beschäftigungswachstum systematisch unterschätzten. 

Sorge bereitet beim Blick von außen der Immobilienmarkt. Zwar sei der Anstieg der Haus- und Wohnungspreise angesichts der ökonomischen Stärke gerechtfertigt. In einigen Ballungszentren laufe der Markt aber heiß. Die deutsche Aufsicht tappe im Dunkeln, weil ihr Daten über die Kreditrisiken der Käufer in diesen Gegenden fehlten.