Persönlicher Kontakt in der Pflege ist wichtig - aber wegen der Corona-Krise derzeit nur sehr eingeschränkt möglich.
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BerlinDie ohnehin angespannte Lage in Alten- und  Pflegeheimen wird durch die Corona-Pandemie zusätzlich belastet. Pflegekräfte und Bewohner leiden unter der Situation. Ulrich Lilie, Präsident der Diakonie, appelliert an die Verantwortlichen, die Einrichtungen auch nach der Krise nicht aus dem Blick zu verlieren. 

Herr Lilie, was sind in der Corona-Krise die größten Probleme für die Pflegeeinrichtungen?

Es gibt mehrere Aspekte. In vielen Altenpflegeeinrichtungen darf die Familie nicht mehr zu Besuch kommen. Das ist sehr belastend für die Bewohner – aber auch für das Pflegepersonal. Denn es fällt die regelmäßige Ansprache durch die Angehörigen weg. Das müssen die Mitarbeiter dann auch noch leisten – und die Personaldecke ist ohnehin sehr dünn. Dazu kommt: Es gibt in der Altenpflege eine dramatische Unterversorgung mit Schutzkleidung. Das erklärt in einigen Altenheimen auch die hohen Ansteckungszahlen. Wir haben es mit den vulnerabelsten Gruppen zu tun: Die Menschen in den Einrichtungen sind alt und oft mehrfach erkrankt. Damit sind sie besonders anfällig für das Virus.

Was ist mit den Menschen, denen man die Lage kaum verständlich machen kann, mit Demenzkranken etwa? 

Menschen mit Demenz ist die Situation sehr schwer vermittelbar. Ein zusätzliches Problem ist das Abstandhalten: Oft gehen diese Menschen intuitiv aufeinander zu, suchen Körperkontakt – und davon muss man sie jetzt möglichst abhalten. Das zu verhindern ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe. Gerade an diesen Stellen braucht es unbedingt Schutzkleidung. Aber die führt natürlich dazu, dass Menschen mit demenziellen Veränderungen noch desorientierter sind, weil sie eben nicht die ihnen bekannten Gesichter sehen.

Wie kann unter all diesen Umständen Seelsorge funktionieren?

Wir müssen unbedingt dafür sorgen, dass Seelsorger Zugang zu Krankenhäusern und Einrichtungen der Altenpflege haben – mit entsprechender Schutzkleidung. Seelsorge ist ja nicht nur für Patienten oder Alte wichtig, sondern auch für die Mitarbeiter, die jetzt noch viel mehr dem Leid und der Verunsicherung ausgesetzt sind als vorher schon. Sie müssen begleitet werden, sonst sehen wir noch lange die Folgen dieser Krise, weil Menschen mit psychischen Begleiterscheinungen ausfallen werden. Das darf nicht passieren. Das schulden wir diesen Menschen.

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Zur Person

Ulrich Lilie, geboren 1957, studierte evangelische Theologie in Bonn, Göttingen und Hamburg. 1989 wurde er zum Pfarrer ordiniert. Seit 2014 ist er Präsident der Diakonie Deutschland. Lilie ist verheiratet und hat vier Kinder.

In diesen Zeiten wird viel über die Aufwertung der Pflegeberufe debattiert. Haben Sie die Hoffnung, dass die Debatte über die Corona-Krise hinaus Bestand hat?

Da bin ich skeptisch. Ich hoffe, dass wir als Gesellschaft lernen, dass wir die Menschen in den sogenannten systemrelevanten Berufen nachhaltig besser bezahlen müssen. Es wäre gut, wenn wir nach Corona nicht nur Lagerhallen voller Schutzkleidung hätten, sondern endlich die Pflegeversicherung reformiert würde.

Es wurde ja gerade eine Sonderprämie vereinbart: Pflegekräfte bekommen eine Einmalzahlung von 1500 Euro …

Dass das Engagement der Beschäftigten in der Pflege jetzt besonders gewürdigt wird, ist wunderbar. Eine spürbare materielle Anerkennung für diese Alltagsheldinnen und Alltagshelden, die in allen Bereichen der sozialen Dienstleistungen Außerordentliches leisten, ist notwendig. Ob in der Altenpflege, der Kinder- und Jugendhilfe oder etwa in den Behinderteneinrichtungen - sie alle sollten berücksichtigt werden. Dafür brauchen wir jetzt eine bundeseinheitliche Regelung und eine verbindliche Refinanzierungszusage durch die öffentlichen Kostenträger. Es kann nicht sein, das die Wertschätzung für diese Mitarbeitenden vom jeweiligen Bundesland abhängt. Außerdem dürfen die zu erwartenden Mehrkosten, die ohnehin schon in der Krise finanziell stark belasteten Einrichtungen nicht in die Knie zwingen oder am Ende gar auf die hilfsbedürftigen Menschen abgewälzt werden. Eine Einmal-Prämie darf nicht dazu führen, dass das Thema Bezahlung in der Altenhilfe von der Tagesordnung verschwindet. Das wäre fatal. Wir brauchen eine Strukturreform der Pflegeversicherung, weil im Moment jede Tariferhöhung auf den Eigenanteil der Heimbewohner aufgeschlagen wird. Das können viele Menschen gar nicht mehr bezahlen. Das ist ein strukturelles Thema, das wird man nicht durch eine Einmal-Prämie lösen.

Die meisten Menschen werden irgendwann in ihrem Leben auf Pflege angewiesen sein. Warum werden die entsprechenden Berufe immer noch so wenig wertgeschätzt?

Dafür gibt es eine einfache Erklärung: Weil es Berufe sind, in denen zum großen Teil Frauen arbeiten. Es ist also auch ein Thema der gleichen Bezahlung von Männern und Frauen. Alles, was mit Kümmern zu tun hat, scheint in Deutschland immer noch ein Frauenthema zu sein. Andere Länder wie zum Beispiel Norwegen sind da viel weiter. Dort haben Menschen, die in der Pflege arbeiten, eine viel höhere gesellschaftliche Stellung und werden entsprechend bezahlt. Man kann diese Dinge also verändern. Aber dafür braucht es den gesellschaftlichen Willen. Ich kann nur hoffen, dass die Corona-Krise ein Anlass ist, diese Fragen dringender zu verhandeln.