Für viele Frauen ist die 30 Stunden Woche bereits Realität.
Foto: imago images/Cavan Images

BerlinArbeiten von Montag bis Donnerstag, dann drei freie Tage und das Ganze bei gleichem Gehalt – der Vorschlag von Katja Kipping, Co-Chefin der Linken, klingt nicht nur für viele Beschäftigte verlockend, er könnte nach Ansicht von Experten auch die Gleichberechtigung auf dem Arbeitsmarkt fördern.

„Studien zeigen, dass Männer vergleichsweise viele Überstunden leisten, während Frauen überdurchschnittlich mit Sorgearbeit wie Kindererziehung oder Pflege von Angehörigen belastet sind“, sagt Nils Backhaus, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Forschungsgruppe Arbeit im Wandel der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, im Gespräch mit der Berliner Zeitung. Wenn in einer Familie aber beide Partner nur je vier Tage arbeiteten, stünden theoretisch zwei Extratage pro Woche zur Verfügung, die für Kinderbetreuung, Pflege oder auch ehrenamtliche Arbeit genutzt werden könnten. Schon jetzt zeigten Untersuchungen, dass jeder Zweite die Arbeitszeit gerne verkürzen würde, sagt Backhaus.

Als Anschubfinanzierung für die flächendeckende 30-Stunden-Woche hatte Kipping vorgeschlagen, den Unternehmen, die die Arbeitszeit entsprechend verkürzten, ein Jahr lang einen staatlichen Lohnzuschuss zu zahlen. Danach müsse ein Tarifvertrag beziehungsweise eine Betriebsvereinbarung über ein entsprechendes Arbeitszeitmodell ohne weitere staatliche Finanzierung abgeschlossen werden, sagte Kipping der Rheinischen Post. „Die Vier-Tage-Woche macht Beschäftigte glücklicher, gesünder und produktiver“, so die Linke-Politikerin. Insofern profitierten auch die Arbeitgeber.

Unternehmen experimentieren bereits in diese Richtung. Im vergangenen Jahr etwa hatte die Softwarefirma Microsoft ihren Angestellten in Japan einen Monat lang testweise freitags freigegeben. Nach Unternehmensangaben stieg die Produktivität in diesem Zeitraum um 40 Prozent. Auch verschiedene Studien zeigen, dass mit sinkender Arbeitszeit nicht nur die Zufriedenheit, sondern auch die Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter steigt.

Forscher Backhaus warnt in diesem Zusammenhang vor einer Umverteilung der Arbeit. „Eine Vier-Tage-Woche ist nur dann sinnvoll, wenn sie wirklich auf 30 Stunden beschränkt ist und nicht zur Folge hat, dass die Beschäftigten dann vier Tage je zehn Stunden arbeiten, um das Pensum zu schaffen“, sagt Backhaus. Das sei aus Sicht des Arbeitsschutzes sehr bedenklich.

Tatsächlich ist die 30-Stunden-Woche vor allem für Frauen in Deutschland bereits Realität – allerdings als Teilzeitmodell und mit den entsprechenden finanziellen Nachteilen: Einer Studie der Bundesagentur für Arbeit aus dem Jahr 2019 zufolge arbeiten im Durchschnitt 48 Prozent der Frauen in Teilzeit, bei den Männern sind es 11 Prozent.

Auch Andreas Peichl, Leiter des Zentrums für Makroökonomie und Befragungen beim Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung, glaubt, dass eine flächendeckende Regelarbeitszeit der Ungleichbehandlung von Männern und Frauen auf dem Arbeitsmarkt entgegenwirken würde.

In anderen europäischen Ländern sei der Arbeitsmarkt hier schon weiter: „In Schweden kommt es zum Beispiel viel häufiger vor, dass in einer Familie beide Partner je 30 Stunden arbeiten. Das ist aber auch dort nicht gesetzlich geregelt, sondern eine kulturelle Entwicklung“ sagt Peichl. Um dorthin zu kommen, müsse sich in Deutschland vorher einiges andere verändern. Der Ökonom plädiert als ersten Schritt für die Abschaffung des Ehegattensplittings: „Diese Praxis setzt ja gerade steuerliche Anreize dafür, dass ein Ehepartner besonders viel, der andere besonders wenig arbeitet.“

Von einer gesetzlichen Regelung hält der Wirtschaftswissenschaftler hingegen wenig. „Unternehmen wie Microsoft, die entsprechende Gewinne machen, können sich das vielleicht leisten. In vielen Branchen ist das aber nicht möglich, zumal nicht überall die Produktivität der Arbeitsabläufe einfach so erhöht werden könnte.“ Für die Umsetzung einer 30-Stunden-Woche wären dementsprechend in vielen Bereichen mehr Arbeitskräfte nötig, um die Reduzierung auszugleichen. „Allerdings herrscht in Deutschland in vielen Branchen ohnehin Fachkräftemangel“, gibt Peichl zu bedenken. Auch führten mehr Mitarbeiter zu höheren Lohnkosten. „Gerade im Mindestlohnsektor ginge das nur dann, wenn auch die Preise entsprechend erhöht würden.“

Der Vorschlag Kippings komme einer de facto Lohnerhöhung von einem Drittel gleich. „Das würde in vielen Branchen zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit führen“, warnt Peichl. „Gerade in einer Wirtschaftskrise, so wie wir sie jetzt gerade erleben, ist so eine Vorgehensweise grundsätzlich der falsche Weg.“

Das bedeute wiederum nicht, dass man nicht in einzelnen Unternehmen entsprechende Modelle mit weniger Arbeitszeit verhandeln könne, sagt Peichl. „Wenn es die Zufriedenheit und die Produktivität der Mitarbeiter steigert: Wieso wird das dann in den Firmen nicht freiwillig dauerhaft umgesetzt?“ Peichl sieht die Ursache hier auch in der deutschen Führungskultur. „Da sitzen nun mal hauptsächlich alte weiße Männer in den Führungsetagen, die eine andere Vorstellung von Arbeitszeit und Anwesenheit haben, als das in jüngeren oder weiblich geprägten Unternehmen der Fall ist.“