Allianzen deutscher Unvernunft auf einer Demonstration in Düsseldorf
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BerlinVor ein paar Tagen, es war kurz nach den Corona-Protesten, wachte ich mitten in der Nacht auf. Der Lärm der Demos klang mir noch in den Ohren. Er war wie ein Dröhnen, wie ein Schrei nach Freiheit aus der Sehnsucht nach Unfreiheit. Die Demonstranten fühlten sich vereint aus den vielen Wurzeln deutscher Befindlichkeit. Ob Reichsfahne oder ein im Lautsprecher plärrendes Ommmmm alternativer Heilkünstler, das war nicht bunt, sondern eine gefühlte Gemeinschaft. Ganz im Sinne der deutschen Tradition von Heidegger, Steiner, Jünger, die heute wieder modern sind. Schon damals vermochten sie mühelos, das Anthroposophische mit dem Militanten zu verbinden.

Den vielen Aktionen und Fortbildungen gegen Verschwörungstheorien und der Verstrickung der „Querdenker“ mit der rechtsextremen Szene zum Trotz waren 38.000 Menschen nach Berlin gekommen. Aufklärung hilft nicht immer, dachte ich noch vor dem Einschlafen.

Der Lärm war in meine Träume gekrochen. Deshalb wachte ich auf. Manchmal, wenn die Träume hartnäckig sind, mache ich den Fernseher an. Meistens suche ich dann alte Gerichtssendungen, bei denen ich dann sofort wieder einschlafe. Stattdessen stieß ich auf ein Tor zu einer anderen Zeit. Es lief das Livekonzert im Central Park von Simon & Garfunkel im Jahr 1981.

Ich kam mir vor wie jemand, der per Knopfdruck in einem anderen Universum gelandet war. Da saßen eine Million Menschen friedlich im Park, und diese Jungs sangen so süß, so harmonisch, und ihr allerdüsterster Song war „The Sound of Silence“. Ich sah in dieser Nacht vor dem Fernseher hinein in den Central Park – wie bei einer Zeitreise.

Der Fall der Mauer, das Ende der bipolaren Welt, der 11. September mit seinen Folgen, das Internet, die Globalisierung, die sozialen Netzwerke, Klimakrise und Flüchtlinge – das alles war noch nicht passiert. Und doch existierten die Konflikte schon, sie waren nur für die weiße Welt noch nicht relevant. Denn Schwarze wurden auch damals schon in den USA erschossen und in Deutschland rassistisch diskriminiert, Frauen schamlos benachteiligt, Homosexualität nicht toleriert. In Asien gab es kaum Arbeit, die Lebenserwartung in Afrika war sehr viel niedriger als heute, und Deutschland lag da, geteilt und gelähmt von altbackenem Denken, direkt zwischen den Weltmächten.

Es ist so viel geschehen seitdem. Dieses Damals erscheint fast wie Idylle und das Heute wie überfüllt von Konflikten. Doch war und ist es eine Illusion zu glauben, dass wenn Konflikte weniger sichtbar sind, die Welt besser wäre. Ganz im Gegenteil.

Als ich am Morgen erwachte, waren die letzten Demonstranten verschwunden, und mein Unbehagen über die Allianzen deutscher Unvernunft lösten sich langsam auf. Zum Frühstück las ich eine neue Studie, in der festgestellt wird, dass der Populismus in Deutschland stark abgenommen hat. Nach den Tagen mit den aggressiven Verschwörungstheoretikern, Russlandfreunden, Trumpanhängern und Antisemiten war das eine Überraschung. Der Populismus geht zurück! Menschen in der Gesellschaft sind lernfähig. Also hilft Aufklärung doch. Und Bildung und Aktionen und Engagement. Nicht immer und nicht bei allen. Aber immerhin. Jedenfalls kann ich besser schlafen, wenn die Vernunft wach ist.