Alice Weidel hat vielleicht ein Logik-, aber kein Glaubwürdigkeitsproblem

Sat.1 hatte in einer Umfrage wissen wollen, ob man Alice Weidel gerne zur Nachbarin hätte. Knapp neunzig Prozent der Befragten sagten: Nein. Klar, das war eine Retourkutsche. Gauland hat mal gesagt, er wolle nicht neben dem Fußballnationalspieler Jérôme Boateng wohnen; die Botschaft war dennoch eindeutig. „Das war ein superunsympathisches Bild von mir, das da gezeigt wurde, da muss ich dran arbeiten“, sagt sie. „Es konnte bisher keine Person Alice Weidel aufgebaut werden, das kann man auch in der kurzen Zeit nicht aufholen. Aber ich gebe mir Mühe.“ Nur: Wie baut man eine Person auf, deren Werdegang, deren Privatleben, deren politische Überzeugung kein Bild ergeben will, das stimmig ist, weder in sich noch im Abgleich mit dieser Partei?

Alice Weidel ist mit zwei Geschwistern und einem Dackel in Harsewinkel aufgewachsen, einer Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen. „Ich bin voll vom Land“, sagt sie, „wie vom Trecker gefallen.“ Der Vater war Handelsvertreter, die Mutter Hausfrau. Sie geht nach Bayreuth, studiert Volks- und Betriebswirtschaftslehre, arbeitet danach kurz bei Goldman Sachs in Frankfurt, promoviert dann bei Peter Oberender, einem der Mitbegründer der Wahlalternative 2013, der Vorläuferorganisation der AfD; sie lebt eine Zeit lang in China, berät Banken, Hedgefonds und große Konzerne. Sie lernt Mandarin, um chinesische Bilanzen lesen zu können.

Zurück in Deutschland arbeitet sie für Allianz Global und dann als Beraterin von Start-ups, unter anderem bei Rocket Internet, wo sie Foodora mit aufbaut. Sie sagt, sie begleite bis heute Start-ups in Steuer- und Rechtsfragen. Namen will sie nicht nennen. Sie weiß, dass es keine gute PR ist, mit einer Rechtspopulistin zusammenzuarbeiten.

Zwischen Opferrolle und Obrigkeitsschelte

Sie will auch nicht über ihre Familie reden, eigentlich. Sie hat das Interview unter der Bedingung zugesagt, dass es um ihre Politik gehen wird, nicht um Persönliches. Wenn man sie trotzdem nach ihren Kindern fragt, hellt sich ihr Gesicht auf, das sonst so hart wirkt, wenn sie über Asylpolitik redet. Zwei Jungen hat sie, der jüngere ist noch nicht mal ein Jahr alt, der ältere ist vier.

Aber sie will keine Homestorys liefern. Ein Plakat wie das, das Frauke Petry mit ihrem Baby zeigt, werde es von ihr nicht geben. „Niemals“, sagt sie. „Meine Kinder wird niemand zu Gesicht bekommen.“ Es falle ihr nicht leicht, in der Öffentlichkeit zu stehen. „Ich bin eher der schüchterne Typ.“ Wie sie also das Problem mit dem Bekanntheitsgrad lösen will, zeigt sie ein paar Tage später: Sie stapft aus einer Fernsehsendung.

Und es ist am Ende egal, dass das geplant wirkt, dass sie pampig, beleidigt, unsouverän und feige rüberkommt – also wieder alles andere als sympathisch. Sie veröffentlicht auf Twitter und Facebook eine Erklärung, in der sie Marietta Slomka, die ZDF-Moderatorin der Sendung, für parteiisch erklärt und gegen die Rundfunkgebühren wettert. Das wird tausendfach geteilt und kommentiert. Und das ist es, was für die AfD zählt. Es ist genau die Art Provokation, die ihre Anhänger lieben, diese Mischung aus Opferrolle und Obrigkeitsschelte. Einen Auftritt bei Maybrit Illner sagt Alice Weidel danach ab. Ein Interview mit einer Lokalzeitung lässt sie nach nur einer Minute platzen, weil ihr die Fragen nicht passten.

Bier statt Wein

Die AfD hat in den sozialen Netzwerken ihre eigene Öffentlichkeit geschaffen. Mitte August besucht Alice Weidel in Italien die wilden Flüchtlingscamps an der französischen Grenze, die seit ein paar Monaten geschlossen ist. Sie postet Videos auf Facebook, in denen sie wie eine Reporterin die Zustände kommentiert. Natürlich geht es ihr dabei nicht um das Elend in diesen Camps. „Ich wollte da rein, dann liefen zwei Typen an mir vorbei und haben mich lasziv angeschaut“, erzählt sie. „Ich war froh, dass ich nicht alleine abends im Dunkeln da war. Ich fand das extrem unangenehm.“ Da ist sie wieder, die Angst.

Alice Weidel ist mal wegen der Wirtschaftspolitik in die AfD eingetreten. Sie redet noch immer viel über den Euro, auch in Chemnitz, manchmal versteht man dann minutenlang gar nichts, „periodischer Ausgleich“, „Target 2“, „Verrechnungskonten“. Aber das macht hier, vor ihren Anhängern, nichts. Das hat den gleichen Effekt wie ihr Doktortitel und ihre Professorenuniform: Chinos, Hemd, Jackett, dazu Brille und Turnschuhe: Sie ist die Fachfrau, die das Köpfchen hat, die da oben zu durchschauen und den Menschen zu erklären, was sie von der komplexen Welt zu halten haben. Dazu müssen sie gar nicht alles verstehen.

Es reicht, wenn Alice Weidel das tut. Sie ist jung, erst 38 Jahre alt, und zupackend. Sie bestellt Bier, wenn Gauland Weißwein trinkt. Und dann ist sie auch noch lesbisch. Sie lebt in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft mit der Filmemacherin Sarah Bossard, die aus Sri Lanka stammt und in der Schweiz lebt.

Abgrenzen will sie sich nicht

Wer jetzt rätselt, wie das zu dieser Partei passen soll, die als Familie nur das Modell Vater, Mutter, Kind anerkennt, ist auf der falschen Fährte. Alice Weidel hat deswegen vielleicht ein Logik-, aber kein Glaubwürdigkeitsproblem. Im Gegenteil. Sie ist das Feigenblatt einer Partei, die gerade die Abgrenzung nach rechts nicht vollziehen will. Sie ist die kosmopolitische Vorzeigelesbe: Es gibt Alice Weidel, also kann die AfD nicht homophob und rassistisch sein.

Wenn sie gegen den Islam wettert, wenn sie Kopftücher verbieten will und alle Moscheen unter Extremismusverdacht stellt, wenn sie Aydan Özoguz entsorgen will – wenn auch nur als Integrationsbeauftragte –, weil sie Kinderehen toleriere, dann tut sie das auch im Namen von Frauen und Homosexuellen, die – so sieht Alice Weidel das – im Islam unterdrückt und verfolgt werden.

Drei Stunden nach dem Auftritt in Chemnitz redet Alice Weidel in Leipzig. Durch die geschlossenen Bleiglasfenster der Alten Handelsbörse dringen Trillerpfeifen, draußen auf dem Naschmarkt stehen Demonstranten mit Plakaten: „AfD wählen ist so 1933.“ Leipzig ist eine Studentenstadt, es gibt eine linke Szene, hier bekommt die AfD Gegenwind. Selbst von den eigenen Leuten: „Sie werden doch von Goldman Sachs bezahlt“, rufen ein paar, als sie Alice Weidel sehen.

Die Fassade bröckelt

Der Saal ist voll, ein paar Menschen werden nicht reingelassen. Sie stehen noch eine Weile draußen und diskutieren: Eine Frau will nicht glauben, dass Millionen Juden im Holocaust ermordet wurden, eine andere fürchtet sich vor den zehn Millionen Flüchtlingen, die kommen werden, ein Mann sieht darin die geplante Vernichtung des deutschen Volkes, ein anderer seufzt, dass in der DDR sowieso alles besser war. Alice Weidel kann all diesen Menschen gar nicht geben, was die sich von ihr und ihrer Partei erhoffen. Abgrenzen will sie sich aber auch nicht so richtig. Sie sagt nur: „Wir haben unser Wahlprogramm und dafür stehen wir.“

Im Café am Wittenbergplatz fällt es ihr schwer, sich zu konzentrieren. Sie kommt ins Stocken, als sie herunterbetet, was die AfD denn nun tun will gegen all die Männer mit den Messern. Sie reibt sich die Nasenwurzel. Man möchte sie erlösen, man weiß ja schon, was jetzt kommt: Grenzen schließen, kriminelle Ausländer abschieben, die Strafmündigkeit auf zwölf Jahre herabsetzen.

Ihr straffes Programm zerrt an ihr. Ihre Familie sieht sie gerade gar nicht. Sarah Bossard hat das Filmprojekt, das in die Wahlkampfzeit gefallen wäre, abgesagt, nachdem Alice Weidel zur Spitzenkandidatin gekürt wurde. Sie passt jetzt auf die Kinder auf.

Alice Weidel faucht ihre Begleiter an, die während des Gesprächs immer mal wieder aufstehen. „Ihr stört mich, echt, macht mal weniger Bewegung hier, und dann raus, bitte.“ Da bröckelt sie kurz, die Fassade der vernünftigen Ökonomin, und man hat das Gefühl, dass ihr dieser ganze irre Zirkus über den Kopf wächst. Dass es alles zu viel ist. Das Rampenlicht, die Erwartungen, die ständige Wut.