Almuth Berger: „In Brandenburg gab es keine jüdische Gemeinde mehr.“
Foto: Benjamin Pritzkuleit

BerlinDie DDR war ein antisemitischer Staat, das schreibt der Historiker Jeffrey Herf in einem neuen Buch. Seine Thesen haben eine große Debatte auch unter unseren Lesern ausgelöst (BLZ 21.1.). Wie israelfeindlich war die DDR? Und wie kam es dazu, dass ausgerechnet die letzte Regierung des Landes sich für die Aufnahme sowjetischer Juden einsetzte? Darüber sprechen wir mit Almuth Berger, der ersten und letzten Ausländerbeauftragten der DDR. Nach der Wiedervereinigung wurde sie Brandenburgs Ausländerbeauftragte, kämpfte gegen den Rechtsextremismus. Die 76-Jährige empfängt in Berlin-Schmöckwitz, wo sie mit ihrer jüngsten Tochter lebt.

Frau Berger, wie kam es dazu, dass die DDR kurz vor ihrem Ende beschlossen hat, sowjetisch-jüdische Flüchtlinge aufzunehmen?

Ende der Achtzigerjahre lebten viele jüdische Menschen in der Sowjetunion in Angst vor einem wieder erstarkenden Antisemitismus. Es herrschte eine Pogromstimmung im Land. Dazu kamen die wirtschaftlichen und sozialen Probleme und oft bürgerkriegsähnlichen Zustände beim Zerfall des großen sowjetischen Imperiums. Bürgerrechtler aus der DDR haben auf diese Entwicklung früh aufmerksam gemacht. Es war ein jüdischer Kulturverein gegründet worden, der vor allem auch für nicht-religiöse Juden offenstand. Im Januar 1990 stellte der Kulturverein zusammen mit der Arbeitsgruppe Ausländer am Runden Tisch den Antrag, dass Juden aus der Sowjetunion aufgenommen werden sollen. Gleichzeitig gab es in dieser Phase den Versuch, dass die DDR mit Israel diplomatische Beziehungen aufnimmt. Das scheiterte vor allem daran, dass Wiedergutmachungsforderungen oder Entschädigungen von der DDR nicht realisiert werden konnten.

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Der Antrag zur Aufnahme der sowjetischen Juden wurde angenommen. Was hatte sich im Denken geändert?

Die DDR hatte bisher jede Mitverantwortung für den Holocaust von sich gewiesen. Sie hat sich als einen antifaschistischen Staat definiert und sozusagen auf der Seite der „Sieger“ gestanden. Das Umdenken nach dem Abtreten des alten Politbüros hatte schon Hans Modrow in Briefen an den Jüdischen Weltkongreß sowie den israelischen Premierminister Anfang 1990 zum Ausdruck gebracht und darin die historische Verantwortung auch der DDR für den Holocaust benannt. Deutliche Worte fand dann die erste frei gewählte Volkskammer in einer Erklärung aller Fraktionen am 12.4.1990. Darin bekannten sich die Abgeordneten nicht nur zur Mitverantwortung für die Ermordung jüdischer Frauen, Männer und Kinder. Sie baten die Juden in aller Welt um Verzeihung – auch für das den Juden in der DDR geschehene Unrecht.

Wie viele Juden lebten in der DDR?

Es gab in der DDR zum Schluss nur noch etwa 400 Juden, die in acht Gemeinden organisiert waren. Diese Gemeinden waren zum Teil kaum noch lebensfähig. Man braucht für einen Gottesdienst zehn Männer, aber die waren oft nicht mehr da oder zu alt. In ganz Brandenburg gab es keine jüdische Gemeinde mehr.

War diese Erklärung auch ein Abrücken vom früheren Antisemitismus der DDR?

Sicher hatte die Erklärung auch diese Zeit mit ihrem Antisemitismus im Blick. Wir hätten in den Achtzigerjahren allerdings nicht gesagt: Die DDR ist ein antisemitischer Staat. Aber es gab Antisemitismus, es fehlte an wirklicher Unterstützung der jüdischen Gemeinden und es gab eine starke Israel-Kritik, unter der sich unter Umständen auch Antisemitismus verbarg. Deshalb war uns wichtig, dass wir uns davon distanzieren. Die Erklärung der Volkskammer endete mit der Zusage, verfolgten jüdischen Menschen in der DDR eine Heimat zu geben. Das hat sich schnell in der Sowjetunion herumgesprochen. Kurze Zeit später stand ein Vertreter der jüdischen Gemeinde Berlin vor meiner Tür und sagte: Frau Berger, morgen stehen 100 Juden bei mir vor der Tür, was soll ich machen? Es waren dann zwar nur sechs, aber in den nächsten Wochen kamen wirklich Hunderte. Sie kamen mit einem Touristenvisum – wenn sie eine jüdische Abstammung nachweisen konnten, durften sie bleiben. Das war eine ganz unkomplizierte Regelung.

Die DDR war wie die BRD kein Einwanderungsland und es gab keine Flüchtlinge. Was war die rechtliche Grundlage für die Aufnahme?

Ich hatte die Aufgabe, für den Ministerrat eine Regelung zu entwerfen. Das war knifflig. Aus der Sowjetunion, dem Bruderland der DDR, konnte es keine Flüchtlinge geben. Die Israelis argumentierten, dass jeder Jude eine Heimat hat: Israel. Mein Argument lautete: Wenn Juden drum bitten, nach Deutschland zurückkommen, können wir das auf keinen Fall ablehnen. Der DDR-Ministerrat unter Lothar de Maizière hat am 11. Juli 1990 einen Beschluss verabschiedet, der ein diplomatischer Balanceakt war. In dem Text kamen die Worte Flüchtling, Sowjetunion und Antisemitismus nicht vor. Aber es wurde festgelegt, dass die Regierung der DDR ausländischen jüdischen Bürgern, denen Verfolgung oder Diskriminierung droht, aus humanitären Gründen Aufenthalt gewährt. Damit war eine Möglichkeit zum Handeln gegeben. Es wurde ein Hilfsfond eingerichtet. Und wir mussten Unterkünfte organisieren, was sehr schwierig war.

Warum?

Weil es in der DDR keine Infrastruktur für Flüchtlinge gab. Zur gleichen Zeit kamen Tausende Flüchtlinge aus Rumänien und Bulgarien. Da kamen in mancher Nacht tausend Leute am Bahnhof Lichtenberg oder dem Ostbahnhof an. Und wir mussten sehen, dass wir die Menschen unterbringen und versorgen. Es gab keine Sozialhilfe, keine Sozialarbeiter. Das war auch für die Kommunen, in die die Flüchtlinge kamen, eine große Herausforderung.

Weil sie vorher mit Ausländern wenig in Berührung gekommen waren?

Ja, das spielte sicher auch eine Rolle. Aber darüber hinaus war es damals für viele mental eine schwierige Situation. Sehr viele Menschen wurden arbeitslos, die Betriebe waren weg, sie verloren ihre Existenzgrundlage – und dann kamen auch noch Flüchtlinge. Da haben sich viele Bürger gewehrt. Ich habe viele sehr emotionale Einwohnerversammlungen mit heftigen Diskussionen mitgemacht, 2015 hatte ich dann durchaus Deja-vu-Erlebnisse. Da kam vielleicht auch Unbearbeitetes wieder hoch, auf jeden Fall erlebte ich ähnliche Ängste und Abwehrhaltungen wie 1990.

Wurde in der DDR der Holocaust verschwiegen, wie immer mal wieder behauptet wird?

Das stimmt so nicht, da gab es Bücher, Filme. Es gab die Möglichkeit, sich zu informieren. Aber man musste sich dafür interessieren. Ich habe jetzt vor einigen Jahren zum Beispiel mal ein Projekt mit Jugendlichen gemacht über die Sängerin Lin Jaldati, eine aus Holland stammende jüdische Kommunistin, die Auschwitz und Bergen-Belsen überlebt hatte und bewusst in die DDR gezogen war, weil sie auf den Antifaschismus dort vertraute. Sie war viel unterwegs, gab Konzerte in der DDR und auch im Ausland und erzählte auch ihre Lebensgeschichte.

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Heute leben viele Juden wieder in Berlin. Aber damals war das nicht so. Welche Gefühle löste die Ankunft der sowjetischen Juden in der noch existierenden DDR bei Ihnen aus?

Ich erinnere mich da an den Sommer 1990: Es kamen so viele Flüchtlinge. Ich hatte mein Büro in der Klosterstraße beim Ministerrat, das wurde zu klein. Da bekam ich zwei Räume im Haus der Ministerien in der Wilhelmstraße in Berlin-Mitte, das früher das Reichspropagandaministerium von Goebbels war. Diese Räume richteten wir als ein Kontakt- und Beratungsbüro für jüdische Menschen aus Osteuropa ein. Für mich war das sehr symbolträchtig: In dem Haus, von dem früher die Rassenpropaganda ausgegangen war, wurden jetzt jüdische Menschen empfangen.

Ist die unkomplizierte Regelung der letzten DDR-Regierung zur Aufnahme der Sowjetischen Juden im Einheitsvertrag übernommen worden?

Wir haben sehr darum gekämpft, konnten uns aber nicht durchsetzen. Im bundesrepublikanischen Gesetzeswerk gab es keine entsprechende Regelung. Während der Verhandlungen saßen viele Menschen in der Sowjetunion auf gepackten Koffern und wollten kommen. Es hat bis Anfang 1991 gedauert, bis sich die Innenminister darauf geeinigt haben, bei den sowjetischen Juden das sogenannte Kontingentflüchtlingsgesetz anzuwenden. Da hat auch der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Heinz Galinski, sehr drum gekämpft. Sein wichtigstes Argument war, dass mit dieser Zuwanderung die kleinen jüdischen Gemeinden in Deutschland gestärkt würden.

Wie wurden die jüdischen Einwanderer Anfang der Neunzigerjahre in den neuen Bundesländern aufgenommen? Damals gab es viel Rassismus, und Ausländerheime brannten. War der Antisemitismus auch schon so stark wie heute?

Es gab zwar Neid-Debatten, nach dem Motto: Uns geht es schlecht und die bekommen alles hinterhergeschmissen. Aber es äußerte sich nicht in massiven antisemitischen Angriffen. Am Anfang der Neunzigerjahre wurden vor allem Asylbewerberheime angegriffen, später standen dann einzelne Personen im Fokus. In Brandenburg wurde einmal ein junger Mann attackiert, weil er von einer Gruppe von Jugendlichen für einen Juden gehalten wurde. Da merkte man, dass dort viel schwelt. Der Antisemitismus war aber nicht so offen und so massiv wie heute.

Das Gespräch führte Sabine Rennefanz.

Zur Person

Almuth Berger wird 1943 in Tangermünde als Tochter in einen Theologen-Haushalt geboren. Sie studiert in Berlin Theologie, arbeitet später als Pfarrerin, engagiert sich für Ausländerarbeit. Sie gehört 1989 zu den Mitbegründern von „Demokratie Jetzt“ und nimmt als deren Delegierte an den Gesprächen am Runden Tisch teil. Im März 1990 wird sie Ausländerbeauftragte der Regierung de Maizière. Mit der Wiedervereinigung endet ihre Amtszeit. 1991 wird sie Ausländerbeauftragte Brandenburgs. Sie ist seit 2006 pensioniert.