Alles muss raus: Beim Autogipfel im Kanzleramt will die Autobranche über Subventionen verhandeln.
Foto: Julian Stratenschulte/dpa

BerlinWer wissen will, was in der deutschen Automobilindustrie grundsätzlich falsch läuft, der muss sich nur die Bilder aus der vergangenen Woche noch mal ansehen, als Tesla-Gründer Elon Musk die Union-Fraktion bei ihrer Klausur im Westhafen besuchte.

Geräuschlos fahren ein weißer und ein schwarzer Tesla vor dem Gebäude vor. E-Autos, keine Verbrenner. Dennoch, nein gerade deshalb, folgen dem schnittigen Wagen viele bewundernde Blicke. Dann schwingen die Türen, nein, nicht schnöde einfach zur Seite, sie schwingen nach oben. Als sei gerade ein Adler gelandet, der nun seine mächtigen Flügel einzieht. Dann steigt Musk aus, und die folgenden zwei Stunden sind die Spitzenpolitiker der Union, abgesehen von der Kanzlerin, vor allem darum bemüht, mit ihm auf ein Foto zu gelangen. Ein Gespräch hinter verschlossenen Türen gab es natürlich auch. Soweit bekannt ist, hat Musk die deutsche Regierung nicht um Subventionen gebeten, um damit den Verkauf seiner Autos anzukurbeln.


Grafik: BLZ/Galanty; Quelle:  KBA, AFP

Wie anders dagegen die deutsche Automobilindustrie. Vor wenigen Monaten erst scheiterten ihre Forderungen nach Kaufprämien für ihre Autos mit Benzin- und Dieselmotoren. Es schien selbst der Bundeskanzlerin, die für die Branche stets ein offenes Ohr hat, ein bisschen zu viel verlangt, mit großen Summen Steuergeld in die Vergangenheit zu investieren. Was aber macht die Autolobby? Sie versucht es einfach nochmal. Am Dienstagabend lud Angela Merkel wieder zum Autogipfel ins Kanzleramt.

Offiziell ist die Videokonferenz ein „Mobilitätsgipfel“, auf dem es um Zukunftsfragen wie Digitalisierung, Vernetzung und autonomes Fahren gehen soll. Aber es spricht viel dafür, dass die Autobranche ihre eigene finanzielle Zukunft ansprechen wird und das in sehr begrenztem visionären Rahmen. Die Kernfrage lautet: Wie kriegen wir unsere Produkte von gestern an den Mann und an die Frau von heute? Und könnte die Politik dabei vielleicht ein bisschen nachhelfen? Denn, hey, wir sind schließlich die Schlüsselindustrie dieses Landes.

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) brachte es am Dienstag unverblümt auf den Punkt. Es seien nun mal Autos auf Halde produziert worden, und die müssten jetzt vom Hof, erklärte er. Er hat das wirklich so gesagt: „Die müssen vom Hof.“ Von allein fahren sie nicht weg, und abholen will sie offenbar auch kaum einer, also gibt es nur eine Lösung: die Abwrackprämie 2.0.

Das ist gleich auf mehreren Ebenen so kurzsichtig, dass es zum Himmel schreit. Die Abwrackprämie war schon beim ersten Mal vor gut zehn Jahren ein veritabler Misserfolg, jedenfalls für die einheimische Autoindustrie. Die meisten Käuferinnen und Käufer, die die Prämie nutzten, schafften sich nämlich lieber einen ausländischen Kleinwagen an als einen einheimischen Spritschlucker. Wie können die Zuständigen das vergessen haben? Viel tragischer aber ist, dass die Abwrackprämie offiziell eigentlich Umweltprämie hieß. Aus heutiger Sicht ist das vor allem zynisch, weshalb der offizielle Name vermutlich schnell in Vergessenheit geraten ist.

Denn natürlich hat die „Umweltprämie“ für die Umwelt gar nichts gebracht. Im Gegenteil. Fahrfähige Autos wurden verschrottet, zur Kohlendioxid-Minderung aber trugen die Neuwagen kaum bei, weil es zahlenmäßig einfach zu wenige waren und auch die neuen Autos immer noch zu viel Schadstoffe in die Luft pusten. Denn dies ist das Fazit der Automobilbranche der letzten Jahrzehnte: Es gab so gut wie keine Emissionsminderung durch den Autoverkehr.

Spritverbrauch bleibt trotz Effizienz gleich

Die Verbrennungsmotoren wurden zwar effizienter, doch weil die Branche immer größere und schwerere Autos baut, verbrauchen Neufahrzeuge heute im Schnitt nicht weniger Sprit als vor zehn Jahren. Dabei ist es das erklärte Ziel der Bundesregierung, bis zum Jahr 2030 den Ausstoß an Kohlendioxid um 40 Prozent gegenüber 1990 zu vermindern. Wie soll das gelingen, wenn ein so wichtiger Bereich wie die Automobilbranche nur geringste Anstrengungen unternimmt, um den eigenen Bereich in die Zukunft zu transformieren?

Die große Gefahr ist nun, dass die Vertreter der Branche den politisch Verantwortlichen einreden, dass es die Pandemie sei, die ihre Branche in Bedrängnis gebracht habe. Die Ministerpräsidenten der „Autoländer“ Baden-Württemberg, Bayern und Niedersachsen haben sich in dieser Hinsicht im Sommer ja sofort für die Branche ins Zeug gelegt, wenn auch zunächst erfolglos. Die Wahrheit aber ist, dass die Autoindustrie zu lange auf ihre eigene Bedeutung für die nationale Wirtschaft gesetzt hat und den technologischen Wandel nur widerstrebend angeht.

Die Autoliebhaber haben inzwischen längst neue Helden gefunden.