„Greta und ich“-Kolumne.

TOCHTER: Ich finde, Kinder sollten stärker in die Politik eingebunden werden. Die sind noch total unverstellt von den ganzen Fakten. Vielleicht können sie deshalb manches klarer sehen als Erwachsene. Wenn ein Erwachsener sagt, ich stelle mir die Zukunft ungefähr so vor, dann hat er direkt im Hinterkopf, was davon in nächster Zukunft realisierbar ist und was nicht. Ein Kind sagt, ich wünsche mir einen sauberen Ozean, und da darf kein Plastikmüll drin herumschwimmen, und es dürfen keine Fische mehr getötet werden. Ein Erwachsener würde sofort an die Fischindustrie denken und an die Schwierigkeiten der Müllentsorgung und erst mal gar nichts unternehmen. Ein Kind hat einen Wunsch und vielleicht auch eine Idee. Natürlich durchschauen Kinder nicht alles, aber sie haben einen anderen Blickwinkel, und den könnte man zur Inspiration nutzen.

MUTTER: Interessant wäre dann aber die Frage, wie man Kinder einbindet. Unsere politische Willensbildung ist exklusiv auf Erwachsene ausgerichtet. Man muss 18 Jahre alt sein, bevor man wählen kann, und dann sind die Konstruktionen mit Parlament, Parteien und Regierung auch zu kompliziert und zu langsam für Kinder. Kinder können gerade mal über ihre Eltern Einfluss nehmen. Das ist aber dann nach den Vorstellungen der Eltern gefiltert. Das ist alles für Kinder undurchschaubar und abschreckend.

Du musst es nicht durchschauen, um beteiligt zu werden. Eine Beteiligung wäre aber auf jeden Fall wünschenswert. Denn die Erwachsenen existieren nicht für die Ewigkeit. Es ist ein Problem, wenn Kinder nicht gefragt werden, aber dann mit 18 von ihnen erwartet wird, jetzt sollen sie sich plötzlich einbringen. Ich finde, die besten politischen Ideen hat man so im Alter von vielleicht zehn Jahren.

Weil man radikal und unbeeinflusst von Prozessen und Schwierigkeiten ist?

Ja. Manches ist natürlich naiv und nicht umsetzbar. Aber manche Ideen von Erwachsenen funktionieren auch nicht. Man sollte das als Denkanstoß nehmen und weiterdenken. Kinder, einfach, weil sie Kinder sind, nicht zu beachten und dann später zu sagen, aber jetzt müsst ihr Verantwortung übernehmen für das, was Erwachsene gemacht haben, funktioniert nicht.

Nee, da sind sie dann schon abgetörnt. In deinem Jahrgang in der Schule interessieren sich doch auch nur wenige für Politik. Das liegt sicher an den Prozessen, an diesen schwierigen, verkopften Strukturen. Dafür interessieren sich ja auch viele Erwachsene nicht. Aber wie kriegt man es dann hin, Kinder und Jugendliche besser einzubeziehen?

Man sollte im Grundschulalter und auch schon im Kindergarten damit anfangen. Es müssten alle Lehrinhalte für die Schulen verändert werden. Überall müssten viel stärker Gesellschafts- und Umweltthemen behandelt werden. Auch in den Lehrbüchern. Man kann Projekte und Wandertage machen und zum Beispiel den Wald aufräumen, aber man kann auch im Unterricht viel mehr diskutieren.

Mehr Debatten würden den Schulalltag ordentlich durcheinanderwirbeln.

Ja, und das wäre doch gut. Vieles ist in der Schule total abgehoben von der Realität. Im Mathe-Unterricht soll man anhand einer Formel Kurven berechnen. Aber das Einzige, was ich behalten werde, ist, wie exponentielles Wachstum funktioniert, weil wir das am Beispiel von Corona-Infektionen gemacht haben. In den Fremdsprachen funktioniert es schon ganz gut. Im Englisch-Unterricht geht es um Umwelt und Rassismus und in Französisch um sexistischen Sprachgebrauch. Aber Deutsch und Mathe sind absolut weltfremd. Das Wichtigste ist heutzutage aber nicht Fachwissen, sondern eine Vorbereitung auf gesellschaftliche Streitfragen.