Auch für den offiziellen Spielball der Bundesliga gibt es Hygieneregeln.
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BerlinDie Jungs vom Wuhlesyndikat haben einen Entschluss gefasst. Und diesen zu Beginn dieser Woche in knackigen Sätzen über die eigene Homepage in die Öffentlichkeit gespielt. „Maximal 5000 Menschen dürfen in Berlin zu Großveranstaltungen. Somit kann nur ein Bruchteil von uns Unionern ins Stadion. Wir haben uns lange damit beschäftigt, wie wir mit dieser Situation umgehen, und uns letztlich entschieden: Wir und die weiteren aktiven Gruppen gehen erst wieder sichtbar ins Stadion, wenn die Zustände normal sind und der Stadionbesuch ohne Einschränkungen stattfindet“, war da unter anderem zu lesen. Verbunden mit der Empfehlung, dass man sich als Union-Fan am Sonnabend, wenn die Eisernen mit dem Heimspiel gegen den FC Augsburg in ihr zweites Bundesligajahr starten, doch bitte in Vereinsfarben beim Bäcker, in der Kaufhalle oder in der Kneipe zeigen solle. Lieber Straße statt Stadion. Alle oder keiner.

Das ist bemerkenswert konsequent. Doch können die Jungs vom Wuhlesyndikat auch gar nicht anders. Sie sind Ultras, müssen, um sich treu zu bleiben, personalisierte Tickets und den Zwang zur Abstandsregel ablehnen, müssen sich zudem solidarisch zeigen mit den Ultras anderer Klubs, die vor dem Saisonstart der höchsten deutschen Spielklasse reihum ähnliche Überzeugungen postuliert haben wie die Jungs vom Wuhlesyndikat.

Dieses Ganz-oder-gar-Nicht ist für die Klubs selbst und damit auch für den Ligaverband (DFL) natürlich keine Option. Schon einer ist besser als keiner, lautet hier nicht nur aus wirtschaftlichen Nöten die Maxime, die man – der eine Verein freilich offensiver als der andere – nun schon seit Wochen, ja Monaten verfolgt und damit im europäischen Klubfußball eine viel beachtete Vorreiterrolle eingenommen hat. Die Tribünen müssen wieder gefüllt werden, Schritt für Schritt, auch auf die Gefahr hin, dass eine nur sporadisch gefüllte Fankurve wie die legendäre Gelbe Wand im Dortmunder Westfalenstadion, die Waldseite im Stadion An der Alten Försterei oder die Ostkurve im Berliner Olympiastadion womöglich noch gespenstischer wirkt als eine total verwaiste. Leben und Leidenschaft müssen wieder ins Rund, weil den Verantwortlichen natürlich bewusst ist, dass der Fußball nicht auf Dauer ein Fernseh- beziehungsweise Streamingdienst-Sport sein darf. Im Besonderen wenn dies auch noch eine kostspielige Angelegenheit ist. Denn wer macht da auf lange Sicht mit, wenn man Fußball nicht im Kollektiv fühlen und spüren kann? Wenn man gleich mehrere Abonnements abschließen muss, um zumindest vorm Bildschirm live dabei sein zu können?

Dahingehend haben diejenigen, die sich mit einer wilden Entschlossenheit und teils mit einem mutigen und letztlich vielleicht auch wegweisendem Konzept für eine Rückkehr der Fans eingesetzt haben, nun einen wichtigen Teilerfolg erzielt. Seit Dienstag ist es den Profiklubs in Deutschland nämlich per flächendeckendem Beschluss der Länder erlaubt, ihre Arenen in einer sechswöchigen Testphase bei einer Auslastungsgrenze von maximal 20 Prozent mit Zuschauern zu füllen. Was im speziellen Fall des 1. FC Union allerdings ein Dilemma zur Konsequenz hat. Denn bei 20 Prozent kommen die Eisernen gerade mal auf 4400 Zuschauer, während in Berlin derzeit Großveranstaltungen mit bis zu 5000 Personen zulässig sind. Die Köpenicker haben ihre Absicht, am Sonnabend auf die in der Hauptstadt geltenden Regeln zurückzugreifen, bereits kundgetan. Ein kleines Stadion mit hohem Stehplatzanteil als Nachteil – das geht einfach nicht. Das ist unfair.

Grundsätzlich lässt die soeben geschilderte Divergenz zwischen dem Unwillen der leidenschaftlichsten Supporter und dem Willen der Verantwortlichen im Zusammenhang mit den aktuellen Rahmenbedingungen für den Spielbetrieb im Moment aber nur einen Schluss zu: Die Bundesliga startet in ihre bis dato wohl aufregendste Spielzeit. Weil der Ausgang nicht nur aus sportlicher Sicht total offen ist. Weil nicht nur zählt, was auf dem Platz ist, sondern womöglich auch die Entwicklung der Infektionszahlen entscheidenden Einfluss auf den Verlauf der Spielzeit hat. So viel ist jedenfalls klar: Eine weitere, vielleicht sogar längere Phase mit Geisterspielen würde dem Profifußball einen erheblichen Schaden zufügen. Einen Schaden, der zwar erst mal durch den hoch dotierten Medienrechtevertrag eine Absicherung erfahren würde. Aber Geld, das hat die Corona-Krise uns gelehrt, ist langfristig eben nicht alles.