Es gibt noch keine offiziellen Erkenntnisse dazu, inwiefern sich der Rechtsextremismus in der Truppe seit der Aussetzung der Wehrpflicht entwickelt hat.
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BerlinGegen den Vorschlag der Wehrbeauftragten Eva Högl, die Wehrpflicht als Mittel gegen Rechtsextremismus in der Truppe wieder einzuführen, gibt es heftigen Widerstand. Aber würde das überhaupt helfen? Die Ethnologin Marion Näser-Lather erforscht seit Jahren die sozialen Strukturen in der Truppe. Ein Gespräch über forcierte Homogenität, elitäres Bewusstsein und die Vorteile von Diversität in der Bundeswehr.

Frau Näser-Lather, war die Bundeswehr zu Zeiten der Wehrpflicht ein Spiegel der Gesellschaft?

Nein. Auch damals gab es ja schon viele, die den Wehrdienst verweigert haben. Und diejenigen, die zum Bund gegangen sind, haben die Idee unterstützt, dass Deutschland notfalls mit der Waffe verteidigt werden muss – es waren also keine Pazifisten. Was nicht heißen soll, dass die Bundeswehr aus Personen mit rechter Gesinnung besteht. Ich würde eher sagen: Insgesamt ist die Bundeswehr etwas konservativer als der Durchschnitt der Gesellschaft. Hinzu kommt, dass die Bundeswehr schon deshalb kein Spiegelbild der Gesellschaft sein konnte, weil es dort bis auf Sanität und Musikkorps bis 2001 keine Frauen gab. Mittlerweile macht der Frauenanteil zwölf Prozent aus, und es gibt auch immer mehr Menschen mit Migrationshintergrund und queere Personen. Dennoch ist die Bundeswehr immer noch sehr homogen, im Sinne von: männlich, weiß, heterosexuell.

Vorausgesetzt, die Rückkehr zur Wehrpflicht wäre finanziell und organisatorisch umsetzbar – würde sie vor Rassismus und Rechtsextremismus schützen, so wie die Wehrbeauftragte der Bundesregierung, Eva Högl, suggeriert?

Es gibt noch keine offiziellen Erkenntnisse dazu, inwiefern sich der Rechtsextremismus in der Truppe seit der Aussetzung der Wehrpflicht entwickelt hat. Es gibt aber auch Stimmen in der Bundeswehr, die sagen, dass die Wehrpflicht genau in diesem Punkt eher kontraproduktiv wäre. Denn damit würden ja auch Menschen mit rechtsradikaler Gesinnung rekrutiert. Man könnte gar nicht alle Personen, die man einziehen müsste, in dieser Hinsicht überprüfen. Die Bundeswehr muss für breitere Gesellschaftsschichten attraktiv werden. Da aber beißt sich die Katze in den Schwanz: Die Bundeswehr hat den Ruf, konservativ und autoritär zu sein. Das heißt, sie müsste sich selbst erst mal ändern, um für mehr Leute attraktiv zu sein, die dabei helfen könnten, sie zu ändern.

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Zur Person

Marion Näser-Lather wurde 1977 geboren. Sie studierte Psychologie, Europäische Ethnologie, Kulturwissenschaft und Philosophie in Marburg. 2010 promovierte sie über die spezifische Familiensituation von Bundeswehrfamilien. Die Reserveoffizierin ist seit 2007 Lehrbeauftragte am Institut für Europäische Ethnologie und Kulturwissenschaft der Universität Marburg. 2008 leitete sie eine Arbeitsgruppe bei der Bundeswehr im Isaf-Hauptquartier in Kabul, Afghanistan. Derzeit forscht sie zur Diversität in der Bundeswehr.

Befeuert denn die derzeitige Struktur der Bundeswehr so etwas wie rechtes Gedankengut?

Die Bundeswehr ist organisationssoziologisch keine monolithische Struktur. Es gibt zahlreiche Binnenkulturen und sehr vielfältige Berufsbilder. Der kämpfende Soldat ist da ja nicht mal in der Mehrheit. In den unterschiedlichen Einheiten gibt es dementsprechend sehr verschiedene Auffassungen. Mir selbst sind bei der Truppe zum Beispiel nie Nazidevotionalien begegnet – allerdings würde man sie mir als Wissenschaftlerin vermutlich auch nicht zeigen. Ich habe allerdings erlebt, dass in einem Kraftraum ein Soldat mit einem Böhse-Onkelz-Tattoo beim Bankdrücken bei jedem Stoß „Deutschland!“ geschrien hat. Das sind Einzelerlebnisse. Untersuchungen zeigen aber, dass es in der Bundeswehr Tendenzen dazu gibt, einen anderen Wertekanon zu entwickeln als die Zivilgesellschaft, auch verbunden mit Erfahrungen im Gefecht. Das führt zu einem elitären Bewusstsein – dass man als Kämpfer bereit ist, sein Leben zu geben. Dazu kommt in Teilen der Bundeswehr eine gewisse Frustration aufgrund fehlender Anerkennung durch die Gesellschaft. Auch der Militärhistoriker Klaus Naumann nennt ein Ursachenbündel, das zu möglichen rechtsextremen Einstellungen beitragen könnte. Hinzu kommt die forcierte Homogenität in der Truppe, die dazu führen kann, Diversität und eine multikulturelle Gesellschaft eher negativ als positiv zu bewerten. Bei den Gesprächen, die ich jetzt gerade zur Diversität in der Bundeswehr führe, hat sich übrigens gezeigt, dass Soldaten mit niedrigerem Dienstgrad eher zu Homophobie oder Fremdenfeindlichkeit neigen als etwa Offiziere.

Handelt es sich also - wie in vielen gesellschaftlichen Gruppen – um eine Bildungsfrage?

Die Ergebnisse meiner Forschung sind an dieser Stelle noch nicht repräsentativ, deshalb muss man das mit Vorsicht betrachten. Aber es deutet einiges darauf hin, dass es einen Zusammenhang gibt. Man muss sich hier genau anschauen, in welchen Binnenkulturen es entsprechende Probleme gibt, und dann ein alternatives Leitbild schaffen: Weg vom Ideal des Kämpfers, der ein Volk als homogenes Gebilde verteidigt, hin zu dem Ideal, das die Innere Führung der Bundeswehr eigentlich vorsieht: die Verteidigung von Vielfalt, von einer offenen, toleranten Gesellschaft.

Das Argument gegen mehr Individualität in der Armee ist doch immer, dass das nicht mit potenziellen Kampfeinsätzen zu verbinden wäre. Nach dem Motto: Wenn es um Leben und Tod geht, kann nicht jeder das machen, was er will …

Im Gefechtsfall müssen vor allem antrainierte Automatismen funktionieren, die es erlauben, in so einer Ausnahme- und Stresssituation handlungsfähig zu bleiben. Das hat wenig damit zu tun, wie divers eine Truppe aufgestellt ist, sondern damit, dass sie entsprechend ausgebildet und als Team eingespielt ist. Andererseits kann man sehr gut argumentieren – und das tut die Bundeswehr zum Teil ja auch – dass Diversität ein großer Vorteil für die Auftragserfüllung sein kann: Man denke an die Kompetenzen, die etwa Menschen mit Migrationshintergrund haben, wenn es darum geht, mit der Bevölkerung in den Einsatzländern zu kommunizieren. Beim Thema Gender zeigen Forschungen ja längst, dass gemischte Teams erfolgreicher sind. Und was das Gemeinschaftsgefühl angeht: Da zeigen neuere Forschungen, dass es eher auf gemeinsame Erlebnisse und Ziele als auf die Homogenität einer Gruppe ankommt.

Sie haben gesagt, dass in der Truppe Frustration herrscht, weil sie in der Bevölkerung nicht anerkannt wird. Wie äußert sich diese Nicht-Anerkennung?

Was die Soldaten vor allem stört, ist das, was oft als „freundliches Desinteresse“ beschrieben wird. Also die Nicht-Anerkennung, dass man als Soldat potenziell sein Leben aufs Spiel setzt – ob das nun objektiv so sein mag oder nicht. In der Bundeswehr werden auch nach wie vor Werte wie Opferbereitschaft und Heldentum vermittelt – auch wenn es nicht so genannt wird. Einige Soldatinnen oder Soldaten, die verwundet wurden, trauen sich in der Öffentlichkeit nicht, den wahren Grund für ihre Verletzung zu nennen. Weil sie Sorge haben, dass es dann heißt: Selber schuld, du machst es ja freiwillig. Darin zeigt sich die tiefe Skepsis vieler Bevölkerungsgruppen, gerade was die Auslandseinsätze der Bundeswehr angeht. Innerhalb der Truppe ist das anders: Da genießen diejenigen, die im Kampfeinsatz waren, mehr Ansehen als die, die das Camp nie verlassen haben.

Das heißt, der kämpfende Soldat hat innerhalb der Truppe immer noch einen besonderen Stellenwert?

Es gibt schon teilweise so eine Art Reorientierung auf den Kämpfersoldaten. In Teilen der Bundeswehr wird das auch gefordert: Dort heißt es, das Bild vom Entwicklungshelfer in Uniform sei ein schiefes Bild. Was man brauche, sei eben dieser Kämpfertyp. Ob das wünschenswert ist, ist eine ganz andere Frage.