Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD).
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BerlinGreenpeace fordert die Bundesregierung auf, den durch die Corona-Pandemie bedingten Trend zum Homeoffice zu fördern. Denn eine von der Berliner Denkfabrik IZT veröffentlichte Studie im Auftrag der NGO zeigt: Sollten dauerhaft 40 Prozent der Arbeitnehmer zwei Tage pro Woche von zu Hause aus arbeiten, würde das den CO2-Ausstoß im Verkehr um 5,4 Millionen Tonnen pro Jahr senken. Mit dieser Forderung findet Greenpeace bei der SPD ein offenes Ohr. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil kündigte bereits Ende April an, im Herbst einen Gesetzesentwurf zum Recht auf Homeoffice vorlegen zu wollen.

„Jeder, der möchte und bei dem es der Arbeitsplatz zulässt, soll im Homeoffice arbeiten können – auch wenn die Corona-Pandemie wieder vorbei ist“, sagte Heil damals der Bild am Sonntag. Sowohl ein kompletter als auch ein teilweiser Umstieg aufs Homeoffice soll möglich sein. „Faire Regeln“ sollen eine zu starke Vermischung von Arbeit und Privatleben verhindern. Der Minister betont bei seinem Vorschlag die Freiwilligkeit. „Wir wollen mehr Homeoffice ermöglichen, aber nicht erzwingen.“

Ein Recht auf Homeoffice würde die Arbeitnehmer spalten

Kritik an Heils Vorstoß kommt seitens der CDU. Peter Weiß, Sprecher für Arbeit und Soziales der CDU-Fraktion im Bundestag, sieht im Vorschlag des Ministers lediglich den Versuch, Themen zu besetzen, die gerade im Trend liegen. Er rechnet nicht damit, dass der Minister tatsächlich einen Gesetzesentwurf vorlegt. Denn ein allgemeines Recht auf Homeoffice könne es gar nicht geben. „Dann würden wir die Arbeitnehmerschaft spalten, in die, bei denen Homeoffice möglich ist und die, bei denen das nicht der Fall ist. Das würde gegen den Gleichheitsgrundsatz des Grundgesetzes verstoßen“, sagt Weiß der Berliner Zeitung. „Denken Sie an die vielfältigen Dienstleistungen, an die Pflege, Krankenhausmitarbeiter und Arbeitskräfte in der Logistik.“ So simpel wie zum Teil öffentlich über ein Recht auf Homeoffice diskutiert werde, sei das Thema nicht. Fragen des Arbeits- und Gesundheitsschutzes im heimischen Büro müssten mitgedacht werden. „Der beste Weg ist es, wenn in den Betrieben entsprechende Betriebsvereinbarungen dazu getroffen werden.“

Wir brauchen klare Regeln für das Arbeiten im Homeoffice noch in dieser Legislatur. Wer sich diesen verwehrt, überlässt die Ausgestaltung den Arbeitgebern nach Gutsherrenart. 

Susanne Ferschl, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag

Anders als die CDU pocht die Linke auf ein Gesetz. „Wir brauchen klare Regeln für das Arbeiten im Homeoffice noch in dieser Legislatur. Wer sich diesen verwehrt, überlässt die Ausgestaltung den Arbeitgebern nach Gutsherrenart“, sagte Susanne Ferschl, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag und Sprecherin für „Gute Arbeit“, der Berliner Zeitung. Sie verweist auf eine Reihe von Risiken, die im Homeoffice liegen. „Die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben verschwimmen leicht. Dieser Entgrenzung der Arbeit muss im Sinne der Beschäftigten und deren Gesundheit Einhalt geboten werden.“ So zeigt die Arbeitszeitbefragung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin von 2017 beispielsweise, dass Arbeitnehmer im Homeoffice häufig mehr als fünf Überstunden pro Woche machen. 28 Prozent der Befragten mit Homeoffice-Vereinbarung berichten von verkürzten Ruhezeiten, gut die Hälfte kritisiert ein Verschwimmen der Grenzen von Arbeit und Freizeit.

„Zwingend wäre eine Aufzeichnungspflicht der Arbeitszeit sowie mehr Mitsprache der Beschäftigten, was den Arbeitsumfang angeht.“ Wichtig sei zudem, dass sich der Arbeitgeber um die Einrichtung des Arbeitsplatzes kümmere, denn „Arbeiten am Küchentisch geht gar nicht“. Wichtig ist ihr wie Heil vor allem die Freiwilligkeit. Arbeitgeber müssten immer auch einen entsprechenden Büroarbeitsplatz vorhalten, der einen flexiblen Wechsel zwischen Heim- und Präsenzarbeit ermögliche.

Homeoffice drängt Frauen in ein altes Rollenbild

Ähnlich wie Weiß sieht auch Ferschl im Recht auf Homeoffice die Gefahr einer gespaltenen Arbeitnehmerschaft. Sie warnt vor einer Polarisierung von Gutverdienern mit ausreichend Platz zu Hause auf der einen und Beschäftigten mit Präsenzjobs auf der anderen Seite. „Für Beschäftigte, die Homeoffice nicht in Anspruch nehmen können, braucht es einen adäquaten Ausgleich. Denkbar ist ein finanzieller Ausgleich für die Wegezeiten zur Arbeitsstätte oder eine Anrechnung als Arbeitszeit.“

Daneben birgt der Trend zum Homeoffice auch gesellschaftliche Risiken, wie Soziologin und Präsidentin des Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, Jutta Allmendinger, im Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland sagt. Sie sieht in der Heimarbeit „immensen gesellschaftlichen Sprengstoff“. „Die Erwerbsarbeit hat uns bislang alle irgendwie zusammengebracht – und sei es nur in der S-Bahn oder in der Cafeteria.“ Es verändere ein Land, wenn sich Menschen nicht einmal mehr beiläufig treffen. „Wo soll da das gegenseitige Verständnis in der Gesellschaft herkommen?“ Auch Frauen seien durch den Trend zum Homeoffice vermehrt dem Risiko ausgesetzt, wieder verstärkt die Organisation der Familie zu übernehmen und damit einem alten Rollenbild zu entsprechen.

Ob Homeoffice noch in dieser Legislatur gesetzlich geregelt wird und ob es womöglich trotz aller Bedenken einen Rechtsanspruch geben kann, wird der Herbst zeigen. Neben Arbeitsminister Hubertus Heil kündigte auch die Linke an, einen Antrag mit eigenen Vorschlägen zur Regelung des Homeoffice in den Bundestag einzubringen.