Berlin - Wenn man an die Einschränkungen für Feiern im Corona-Winter denkt, dann hat man vielleicht Geburtstagsfeiern im Kopf, die WG-Party im Haus, einen Rave von Jugendlichen im Park. Ich habe in der vergangenen Woche gelernt, dass auch Beerdigungen und Trauerfeiern wie Partys behandelt werden. Ist das ungerecht?

Es gibt diesen Satz in diesem Jahr, den man immer wieder hört: „Das holen wir nach, das machen wir später.“ Und für all die Kindergeburtstage oder 40. Geburtstage, die nicht gefeiert wurden, ist das vielleicht sogar denkbar. Es wird noch einen Geburtstag geben und noch einen, aber eine Beerdigung kann man nicht nachholen. Als ich zum ersten Mal von den Regeln hörte, die wir bei der Beerdigung unserer Mutter im Dorf in Ostbrandenburg würden einhalten müssen, war ich erschrocken.

Es musste ein Veranstalter der Feier bestimmt werden, der Veranstalter wird verpflichtet, eine Anwesenheitsliste zu erstellen. So wurde mein Vater, der jeglichen größeren Feiern nach Möglichkeit aus dem Weg gegangen war, zum Feierveranstalter.

Auf dem gesamten Friedhof gilt Maskenpflicht, in der Trauerhalle dürfen nur fünf Angehörige Platz nehmen, bei einem Meter fünfzig Abstand. Später wird die Zahl noch einmal auf sieben hochkorrigiert. Ich kann mir das nur schwer vorstellen. Warum dürfen Leute dicht an dicht im Shoppingcenter einkaufen, Glühwein trinken, aber nicht trauern? Normalerweise kommt man sich bei Beerdigungen nahe, Umarmungen, Händeschütteln, Küsse, das soll es diesmal alles nicht geben. Auch das, was sie im Dorf „Leichenschmaus“ nennen, das Kaffeetrinken danach in größerer Runde, ist illegal. Das, was nicht verboten ist, steht im Netz: „Höchstens fünf Personen aus zwei Haushalten, Kinder unter 14 Jahren nicht eingerechnet, dürfen sich zum Feiern im öffentlichen und privaten Raum treffen.“ Wie soll das gehen, wenn ein Vater drei erwachsene Kinder hat, die jeweils auch Familie haben? Wer denkt sich so was aus? Ich bin traurig, wütend und verfluche das Corona-Jahr.

Andererseits sind wir privilegiert, dass wir eine Beerdigung ausrichten können. Im Mai las ich den Text eines Mannes im amerikanischen Magazin New Yorker, der von dem Covid-19-Tod seines Vaters erst Tage später erfahren hatte, weil das Krankenhaus so überlastet war. Der Vater war in der Zwischenzeit anonym beerdigt worden.

Entgegen aller Erwartungen wurde es eine würdevolle Beerdigung. Der Himmel war grau, es hatte geschneit, der Boden und die Bäume waren wie mit Puderzucker bestäubt. Alle trugen dunkle Mäntel, Mützen und Masken, weiße, schwarze, blaue, bunte, selbst genähte, aus der Drogerie, aus der Apotheke. Es war wie im Film oder wie in Venedig, es bekam etwas sehr Theatralisches, Geheimnisvolles. Und das passte gut zur Toten, einer Frau, die viel redete und dadurch viel verbarg.

Außer der Familie waren nur eine Handvoll Trauergäste gekommen, die Entschlossensten. Die Nachbarn und Bekannten standen draußen, sie nickten uns zu, sie sagten das, was sie zu sagen hatten, mit den Augen. Vielleicht war das für viele, die nicht so gern sprechen, genau der richtige Wortanteil. Mehr musste nicht gesagt werden, wir verstanden auch so.

Wir standen am Grab und schnieften still in unsere Masken, die langsam von innen feucht wurden. Wenn es kälter wäre, würden sie zu Eis gefrieren.