Wie viele Infizierte gibt es neben Donald Trump und Ehefrau Melania im Weißen Haus?
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Nach dreieinhalb Jahren der Präsidentschaft Donald Trumps sind die USA einiges an Überraschungen gewohnt. Doch die Nachricht, die noch vor dem Frühstückskaffee am Freitag in den Wohnzimmern zwischen San Francisco und New York eintraf, sorgte selbst in diesen turbulenten Zeiten für Aufruhr. Trump und seine Frau Melania waren um etwa 1 Uhr früh Ortszeit von den Ärzten des Weißen Hauses davon unterrichtet worden, dass sie sich mit dem Coronavirus angesteckt haben.

Noch während die Trumps sich in den Nordwestflügel der Nummer 1600 Pennsylvania Avenue zur Quarantäne zurückzogen, versuchten sie per Twitter das amerikanische Volk zu beruhigen. „Wir fühlen uns gut“, ließ Frau Trump wissen, und ihr Mann fügte hinzu: „Wir stehen das gemeinsam durch.“ Auch der Arzt des Weißen Hauses, Sean Conley, verfasste rasch eine Mitteilung, die Spekulationen und Ängsten Vorschub leisten sollte. Der Präsident, so hieß es, sei bestens dazu in der Lage, wie gewohnt seinen Geschäften nachzugehen.

Doch die Meldungen schafften es nicht, die Diskussionen zu unterbinden, die am Freitag im ganzen Land losbrachen. „Was nun?“, titelte das Atlantic-Magazin und sprach dabei die Frage aus, die der Nation zurzeit auf der Seele brennt.

Selbst bei den härtesten Trump Gegnern hielt sich vorerst die Schadenfreude in Grenzen, auch wenn viele Medien es sich nicht verkneifen konnten, darauf hinzuweisen, dass Trump die Gefahr des Virus immer wieder heruntergespielt hat. Noch am Abend vor seiner Diagnose hatte Trump bei einem Dinner das nahe Ende der Corona-Krise deklariert und prophezeit, dass das kommende Jahr eines der besten in der jüngeren amerikanischen Geschichte werde.

Doch aller Häme zum Trotz wünschen sich die USA nichts weniger, als noch mehr Chaos in einer Zeit, in der man sich kaum mehr daran erinnern kann, was geordnete politische Verhältnisse eigentlich sind. Trumps Diagnose bringt einem Land, das zutiefst instabil ist, eine weitere, massive Unwägbarkeit.

Die unmittelbare Frage, die Amerika beschäftigt, ist, wie das Land regiert wird, wenn Trump tatsächlich ernsthaft krank wird. Das Protokoll dafür ist eindeutig, Trump kann vorübergehend die Geschäfte an Vizepräsident Mike Pence übertragen und die Autorität reklamieren, sobald er sich wieder dazu imstande sieht.

Dennoch ist die Sorge um die unmittelbare Funktionstüchtigkeit der US-Regierung groß. Niemand weiß, wie viele Offizielle sich im Weißen Haus angesteckt haben könnten, zumal der Präsident dafür bekannt ist, die Sicherheitsempfehlungen der Gesundheitsbehörden nicht sonderlich ernst zu nehmen.

Trump, so nimmt man an, hat das Virus von seiner Beraterin Hope Hicks bekommen, die kurz vor Trump mit Covid-19 diagnostiziert wurde. Es war jedoch nicht der erste positive Test in höchsten Regierungskreisen. Im August hatte Sicherheitsberater Robert O’Brien eine milde Form von Covid-19. Kurze Zeit später steckte sich Kimberly Guilfoyle, die Lebensgefährtin von Trumps Sohn Donald Jr., an. Zudem wurden der Pressesprecher von Vizepräsident Pence positiv getestet, mehrere Sicherheitsbeamte im Weißen Haus und ein Hubschrauberpilot des Präsidenten.

Beinahe noch dringender als die Regierungstüchtigkeit brannte Amerikanern am Freitag jedoch die Frage auf der Seele, welche Auswirkungen diese Neuigkeit auf die anstehende Wahl haben könnte. Da Trump seines Alters und seines Gewichtes wegen eindeutig zu einer Risikogruppe gehört, ist die Gefahr, dass er schwer krank wird, groß. Im schlimmsten Fall könnte dies den Wahlvorgang komplett auf den Kopf stellen.

Theoretisch können beide Parteien einen neuen Kandidaten benennen, doch die Tatsache, dass der Wahltermin nur einen Monat entfernt ist, macht dies kompliziert. Unter anderem würde die Frage auftauchen, was mit den vielen Stimmen passiert, die jetzt schon per Briefwahl abgegeben worden sind.