BerlinImmer wieder hagelt es Kritik an der Corona-Warn-App. Sehnsuchtsvoll blicken viele Kritiker nach Südkorea und preisen die dortige Tracking-App, die Bewegungsprofile von Infizierten erstellt. Was bei all der Kritik jedoch vergessen werde, ist, dass die Warn-App kein Allheilmittel, sondern nur ein Baustein in der Bekämpfung der Corona-Pandemie sei, meint Anke Domscheit-Berg, Digitalexpertin der Linken im Bundestag.

Berliner Zeitung: Ende Oktober sagten Sie der Berliner Zeitung, dass jetzt, wo die Gesundheitsämter überlastet sind, die Sternstunde der Corona-Warn-App schlägt. Dennoch befinden wir uns in einem teilweisen Lockdown und sind von einer Lockerung der Maßnahmen weit entfernt. Warum ist dem so, wo doch die App nun ihr Potenzial entfalten könnte?

Anke Domscheit-Berg: Unter anderem, weil 22 Millionen Downloads nicht 83 Millionen Einwohnern entsprechen. Solange dann auch nur 20 Millionen Menschen die App aktiv nutzen, kann sie ihr Potenzial nicht komplett entfalten. Die Erwartungshaltung, sie allein könnte die Pandemie bekämpfen und einen Lockdown verhindern, ist völlig überzogen. Tatsächlich muss man erreichen, dass mehr der 53 Millionen Smartphone-Besitzer in Deutschland, die die App laden könnten, dies auch tun. Jeder zusätzliche Nutzer bringt besonders viel, weil der Effekt überproportional ist.

Müssten nicht auch neue Funktionen hinzukommen?

Das ist geplant. Man will sie stringenter machen, die Formulierungen präzisieren. Viele Menschen verstehen zum Beispiel nicht, was die Aussage „niedriges Risiko“ bedeutet. Auch der Meldeprozess, also die Weitergabe eines positiven Testergebnisses an den zentralen Server, ist einigen zu kompliziert und soll vereinfacht werden. Häufig vergessen Menschen auch, ihr Ergebnis zu melden, weil sie es erst einmal selbst verarbeiten müssen. Hier sind Push-Nachrichten geplant, die daran erinnern sollen. Denn bisher geben nur 60 Prozent ihr positives Ergebnis überhaupt weiter. Die übrigen 40 Prozent sind ein wichtiges Potenzial, das man noch heben muss.

Der Chaos Computer Club (CCC) und der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach kritisierten, die App basiere auf dem wissenschaftlichen Stand des Frühjahrs. Infektionsclustern würde nicht ausreichend Rechnung getragen. Braucht es eine Funktion zur Cluster-Erkennung?

Mit jeder zusätzlichen Funktion steigt das Risiko, dass die Akzeptanz sinkt. Die Cluster-Erkennung halte ich aber für eine interessante Idee, wenn man sie klug umsetzt. So hat der CCC ein dezentrales und datensparsames Open-Source-Tool vorgeschlagen. Hierfür scannt man beispielsweise in einem Restaurant einen bestimmten QR-Code. Wenn dann später festgestellt wird, dass sich dort eine infizierte Person aufgehalten hat, wird diese Information an den zentralen Server gemeldet. Der sendet sie an die Handys der Nutzer, wo sie mit den gescannten QR-Codes verglichen wird und gibt bei einem Treffer eine Warnung aus.