Anke Domscheit-Berg, Digitalexpertin der Linken im Bundestag.
Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

BerlinKeine andere Corona-Warn-App ist so erfolgreich wie die deutsche. Nach 100 Tagen nutzen sie rund 15 Millionen Menschen, Tausende wurden bereits über Risikokontakte informiert. Trotz der positiven Bilanz sieht Anke Domscheit-Berg, Digitalexpertin der Linken im Bundestag, noch viel Luft nach oben. Im Interview mit der Berliner Zeitung fordert Sie die Bundesregierung auf, die Menschen besser über die App zu informieren, um die Akzeptanz weiter zu erhöhen. Denn einige Funktionen seien den meisten gar nicht bekannt.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat während einer Pressekonferenz am Mittwoch aktuelle Zahlen zur Corona-Warn-App vorgestellt. Demnach seien bereits mehrere Tausend Menschen über Risikokontakte informiert worden. Ist das aus Ihrer Sicht eine erfolgreiche Bilanz?

Anke Domscheit-Berg: Es ist definitiv eine erfolgreiche Bilanz, vor allem wenn man den Vergleich mit den Apps in anderen Ländern zieht. Da sind wir weit voraus. Aber es ist trotzdem nicht gut genug. Denn es reicht vor allem dann nicht, wenn wir eine zweite Welle haben, die ja offensichtlich im Anrollen ist. Und wie weit sie anrollt und unser aller Leben wieder negativ beeinträchtigt, hängt neben anderen Maßnahmen auch davon ab, wie viele Menschen die App auf dem Handy haben und sie im Falle eines positiven Testergebnisses auch aktiv nutzen.

Laut Spahn haben 5000 Nutzer ihre Kontakte bisher über ein positives Ergebnis informiert. Das ist allerdings nur jeder Zweite, der sein positives Testergebnis vom Labor digital in der App erhalten hat. Warum ist die Meldequote so niedrig?

Die App hat zwar drei Funktionen, aber viele nutzen sie nur, um selbst gewarnt zu werden, und vergessen die anderen beiden, ohne die das ganze System aber nicht optimal funktioniert. Denn eine zweite Funktion ist, dass man das Testergebnis elektronisch in die App bekommt. Wenn ich heute getestet werde, kann ich morgen das Ergebnis in der App sehen und muss nicht vier Tage auf einen Brief warten. Das ist eine enorme Beschleunigung des Prozesses, wie Menschen erfahren, dass sie infiziert sind.

Und die dritte Funktion ist das tatsächliche Melden eines positiven Testergebnisses. Wir haben leider zu oft eine unsolidarische App-Nutzung, wo sich Leute zwar warnen lassen, aber niemand anderen warnen, wenn sie selbst infiziert sind. Dabei erfährt beim Melden eines positiven Ergebnisses kein App-Nutzer, welche Person als infiziert gemeldet wurde. Das weiß selbst der App-Server nicht. Vielleicht weiß das nicht jeder und meldet deshalb nicht. Es ist also viel mehr Aufklärung notwendig, damit die App auch für alle drei Funktionen genutzt wird und ihre Wirkung überhaupt entfalten kann.

Nur wenigen der rund 15 Millionen aktiven Nutzer dürfte bekannt sein, dass sie ihr Testergebnis direkt in die App bekommen können. Ist mangelnde Kommunikation und fehlende Werbung ein Grund dafür, dass nicht deutlich mehr Menschen die App nutzen?

Das ist ganz bestimmt so. Ich bin deshalb auch sehr enttäuscht von der Bundesregierung und insbesondere auch von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Deren Hauptfunktion ist, die präventive Aufklärungsarbeit in der Fläche zu leisten. Ich kann mich nicht erinnern, mal an einem Großplakat an einer Bushaltestelle vorbeigelaufen zu sein oder Erklär-Videos auf YouTube oder Anzeigen in Zeitungen gesehen zu haben. Selbst wenn man die Webseite der BZgA besucht, findet man den Hinweis auf die App erst nach langem Suchen. Es wird nicht dazu aufgerufen, sie zu benutzen. Es werden nicht alle drei Funktionen erklärt. Dass die Bundesregierung nur beim Start der App viel Werbung und Marketing gemacht hat, nach wenigen Wochen aber gar nichts mehr, geht einfach nicht.

Wie könnte die Akzeptanz weiter gestärkt werden?

Ich bin nach wie vor der Meinung, dass wir ein Corona-Warn-App-Gesetz brauchen. Auch das kann zur Vertrauensbildung und einer höheren Akzeptanz beitragen. Denn es gibt immer noch Menschen, die ein gewisses Misstrauen haben, dass die Bundesregierung eine solche App und ihre Funktionen irgendwann für andere Dinge einsetzt. Ein solches Gesetz muss eine absolute Zweckbindung und Befristung auf den Pandemiezustand sowie eine absolute Freiwilligkeit festschreiben. Mit absoluter Freiwilligkeit meine ich auch, dass man Menschen davor schützen muss, dass beispielsweise Restaurantbetreiber den Zutritt nur noch mit App erlauben.

Karl Lauterbach (SPD) hält die App für „unterschätzt“ und fordert, weitere Funktionen zu implementieren. Er schlägt eine Echtzeiterkennung von gefährlichen Menschenansammlungen und eine Art Kontakt-Tagebuch vor. Werden Nutzer nicht durch immer neue Funktionen überfordert?

Ich glaube, in Deutschland leben wir mit einer Bevölkerung, die zu Recht sehr sensibel ist, was Datensammlungen angeht, insbesondere wenn es um Gesundheitsdaten geht. Je mehr wir in diese App einbauen, desto mehr wird deshalb ihre Akzeptanz leiden, selbst wenn wir sagen, es ist freiwillig. Die für Oktober angekündigte freiwillige Zusatzfunktion zur Abfrage von Symptomen halte ich für gerade noch vertretbar, denn diese Daten sollen mit niemandem geteilt und nur auf dem eigenen Handy gespeichert werden. Sie können neben anderen Parametern bei der Einschätzung helfen, wie kritisch eine Risikobegegnung gewesen ist. Das macht insofern Sinn, als dass beispielsweise ein Mensch ohne Husten eine geringere Wahrscheinlichkeit hat, Dritte anzustecken, weil er weniger Aerosole in der Luft verteilt. Alle weiteren Funktionen überfrachten die App und führen dazu, dass Menschen sie nicht mehr überblicken und die Finger davon lassen. Und dann hätte man nicht mehr, sondern weniger erreicht.