BerlinIn den vergangenen Jahren wurde immer wieder darüber diskutiert, dass es in den Spitzenpositionen des Landes zu wenige Menschen mit ostdeutscher oder migrantischer Herkunft gibt. Die in Templin groß gewordene Kanzlerin Angela Merkel (CDU) überdeckte eher das Problem, als dass sie es löste. Die Debatte wurde oft emotional geführt, eine solide Zahlengrundlage fehlte. Das will eine gemeinsame Untersuchung von Wissenschaftlern des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM), der Hochschule Zittau/Görlitz und der Universität Leipzig nun nachliefern. Es sei die erste repräsentative Befragung zu gesellschaftlicher Vielfalt, sagte einer der Studienleiter, der Politologe Lars Vogel von der Uni Leipzig, bei der Präsentation am Montag. Der Befund sei „hochgradig politisch brisant“.

Die Zahlen, die Vogel und seine Kollegen vorlegen, bestätigen die Wahrnehmung, dass Ostdeutsche und Migranten weniger in Spitzenjobs vertreten sind, als es ihrem Bevölkerungsanteil entspräche. Die Ostdeutschen besetzen zehn Prozent der Führungspositionen, bei einem Anteil von knapp zwanzig Prozent an der Bevölkerung. Bei Menschen mit Migrationshintergrund klafft noch eine größere Lücke: Mehr als jeder vierte Bewohner Deutschlands hat ausländische Wurzeln, bei den Elitepositionen stellen Menschen mit Migrationshintergrund aber weniger als zehn Prozent. Für die Studie wurden die Lebensläufe von 3600 Führungskräften in verschiedenen Sektoren wie Politik, Wirtschaft, Verwaltung, Militär, Wissenschaft und Kultur analysiert. Als „ostdeutsch“ gilt, wer in der DDR oder Ostdeutschland geboren wurde.

Grafik: BLZ/Sabine Hecher, Quelle:  DeZIM Institut, 2020

Je nach Sektor ergeben sich große Unterschiede: In der Politik sind Ostdeutsche mit 19 Prozent Anteil an den Spitzenpositionen gemäß ihrem Bevölkerungsanteil gut vertreten – auch wenn bei dieser Umfrage nur die Bundespolitik berücksichtigt wurde. In der Wirtschaft sind Menschen mit ausländischen Wurzeln (13,8 Prozent) fast dreimal so häufig vertreten wie Ostdeutsche (4,7 Prozent). Allerdings fallen auch Dänen, Engländer und andere Europäer in die Kategorie „mit Migrationshintergrund“. Von den analysierten Spitzenkräften mit Migrationshintergrund haben nur sieben Prozent Verbindung zur Türkei. 50 Prozent sind Westeuropäer.

Die Forscher beließen es bei ihrer Untersuchung nicht bei einer Bestandsanalyse. Sie wandten sich auch der weitaus schwieriger zu beantwortenden Frage zu, inwieweit die unterschiedliche Verteilung von Spitzenjobs als Problem wahrgenommen wird.

Dazu wurden in einem weiteren Schritt im vergangenen Jahr 1800 Menschen zu ihren Wahrnehmungen und ihrem Problembewusstsein befragt. Die Antworten, die man darauf bekommt, hängen erwartungsgemäß auch davon ab, wie man die Fragen stellt. Bei der Einschätzung der Frage, wie problematisch der geringe Anteil an den Eliten ist, wurden verschiedene Hypothesen vorgelegt. Bei vier von fünf Antwortoptionen geht es darum, dass die mangelnde Vielfalt per se ein Problem ist, was beispielsweise Gerechtigkeit und Funktionalität angeht. Eine Antwortoption lautet: „Der geringe Anteil an Eliten ist ein Problem, weil Ostdeutsche damit das Gefühl haben, Bürger zweiter Klasse zu sein.“ Dieser These stimmen 60 Prozent der Befragten zu. Politologe Vogel ergänzt: „Ostdeutsche, die wahrnehmen, dass sie in Eliten unterpräsentiert sind, fühlen sich häufiger als Bürger zweiter Klasse.“ Unter Migranten existiert dieser Zusammenhang nicht so, vielleicht weil es den Zweite-Klasse-Diskurs nicht so gibt.

Andere Kriterien, die für Aufstieg wichtig sind, wie soziale Herkunft und Bildung, wurden bei der Umfrage nicht berücksichtigt. Dass sie auch eine Rolle spielen, deutet der Soziologe Raj Kollmorgen von der Hochschule Zittau/Görlitz an: „In Sektoren wie Wissenschaft oder Kultur ist die soziale Herkunft prägender. Dass die DDR eine arbeiterliche Kultur war, wirkt sich bis heute benachteiligend aus.“

Grafik: BLZ/Sabine Hecher, Quelle: DeZIM Institut, 2020

Auch wenn die Befragten die mangelnde Repräsentanz als Problem wahrnehmen, scheint es keines zu sein, das ihnen besonders dringlich erscheint. Das ist auch ein Ergebnis der Befragung. Die Mehrheit der Befragten sieht keinen dringenden Handlungsbedarf, eine Quote für Ostdeutsche oder Migranten wird mehrheitlich abgelehnt. Nur knapp 29 Prozent würden sich eine Ost-Quote wünschen. Noch weniger befürworten eine Migranten-Quote, 28 Prozent. Höchstens die öffentliche Förderung geeigneter Kandidaten findet Zustimmung.

Die meisten Befragten gehen davon aus, dass keine Gegenmaßnahmen notwendig sind, da sich das Problem mit der Zeit von allein löst, 59 Prozent glauben das für Ostdeutsche, 68 Prozent bei Migranten. Die Skepsis bei der Beurteilung der Aufstiegschancen der Ostdeutschen ist offenbar größer – was auch mit der Erfahrung der vergangenen dreißig Jahre zu tun hat. „Es gibt keine Anzeichen dafür, dass Ostdeutsche von selbst in die Elite hineinwachsen“, sagt Studienleiter Vogel. Sein Kollege von der Hochschule Zittau/Görlitz, Kollmorgen, sieht eher, dass das Problem sich auswachsen oder verändern wird: „In 20 Jahren wird es schwierig werden, von Ost und West zu reden, weil sich die Bevölkerung so sehr mischt.“