Die Rettung? Zum ersten Mal Facetime mit dem Enkel.
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"Luluchen, nicht zu Großvater gehen!“ Das vielleicht dreijährige Mädchen hält inne. Gerade wollte sie ihr Spielzeug dem Großvater in den Schoß legen, nun legt sie es unschlüssig ein Stück vor ihm ab. Sie waren – mit einigem Abstand zueinander - über die Wiese geschlendert, der junge Vater, seine grauhaarigen Eltern und seine beiden Kinder. Nun machen sie auf den Paletten des leeren Biergartens eine Pause.

Familienspaziergang auf dem Tempelhofer Feld. Und der Versuch, das Unvereinbare doch irgendwie zusammenzubringen: Kinder, die vieles „aufschnappen“, auch Viren, sollen ihre Großeltern nicht anstecken. Sollen verstehen, dass deren Leben in diesen Wochen gefährdeter ist denn je. 

Lulu erklärt ihrem Großvater wortreich ihr Spiel. Die Großmutter läuft mit dem älteren Enkel in Richtung Basketballplatz, ein Meter Abstand ist zwischen ihnen. Der Vater der beiden Kinder redet in alle Richtungen. Er tut sein Bestes, um die angestrengte Übung unangestrengt aussehen zu lassen und an diesem schönen Frühlingstag so viel Familienleben unterzubringen wie möglich. Von außen betrachtet, scheint das zu klappen. Vermutlich, weil die Erwachsenen das Abstandsgebot freundlich und gelassen vermitteln. Als die lockere Fünfergruppe sich voneinander entfernt, wirken die Großeltern dankbar, dass ihr Sohn dieses Treffen mit den Enkeln ermöglicht hat.

Winken, aber im Auto bleiben

Petra Fietzek, 65, im Münsterland lebende Schriftstellerin, hat vier Enkelkinder und volles Verständnis dafür, dass die Familien ihrer beiden Töchter sich für den radikalen Rückzug entschieden haben. Als aktive Großmutter hat sie pro Woche jeweils einen Tag in der einen und der andern Familie verbracht; um die jungen Eltern zu entlasten und ihre Enkel besser kennenzulernen. Zu ihrem Geburtstag neulich kam die eine Tochter zwar zu Besuch, blieb aber im Auto. Die beiden kleinen Jungs winkten und gratulierten durchs Autofenster. Mit der Familie der anderen Tochter haben sie am Handy „virtuell Kuchen gegessen“. Aber digitale Kreativität hin oder her: „Ich vermisse sie alle sehr“, sagt Fietzek. Auch wenn ihr „Isolation als Schriftstellerin vertraut“ sei und sie die Schutzmaßnahmen richtig findet, sei der Alltag doch „innerlich anders“.

Das findet auch Katie Vogel (Name geändert), 60, die als Betreuungsfachkraft in der Altenpflege aktuell stark gefordert ist. Zwar sei sie eine „arbeitende Oma“, doch die Enkel wohnen in demselben Berliner Kiez, sehen sich sonst zweimal pro Woche und bleiben am Wochenende oft über Nacht. „Anfangs habe ich mich schwer getan zu akzeptieren, dass diese Kontaktsperre einem von außen so aufgedrängt wird“, sagt sie.

Auch wenn sie sonst sozial gut eingebunden sei, habe die physische Trennung von Kindern und Enkeln die Macht, ein Gefühl der Isolation auszulösen. „Die Enkelkinder sind schon das Kostbarste, was ich hier in Berlin so habe“, sagt Vogel, die vor vier Jahren der Familie wegen in die Hauptstadt zog. Das Telefon ist jetzt wieder ganz wichtig geworden – um mit der Schwiegertochter zu lachen, sich auszumalen, wie man sich Ostern vielleicht doch als Familie wieder treffen kann.

Silvia und Thomas Höfer sind mit ihren 63 und 67 Jahren gerade in der Phase, in der sie ihre Berufe als schreibende Hebamme und Biochemiker langsam loslassen. Es ist eine große Freude für sie, den vierjährigen Enkel regelmäßig bei sich zu haben, und außerdem sehen sie sich in der Pflicht, ihre alleinerziehende Tochter zu entlasten. Aktuell ist das nicht mehr möglich: „Wir hören, dass unsere Tochter mit Kurzarbeit und finanziellen Problemen kämpft, hören, dass unser kleiner Quirl das Ausmalen und Lego-Bauen inzwischen gründlich satt hat und nach vier Einheiten Alba-Kindersport noch immer nicht müde ist“, sagt Silvia Höfer.

Vorlesen via Facetime

Immerhin: Abends wird von Oma eine halbe Stunde via Facetime vorgelesen. „Der Junge stellt dann das Handy der Mutter so auf, dass wir uns gegenseitig sehen können. Das ist ihm ganz wichtig“, ergänzt Thomas Höfer. „Danach schauen wir ihm beim Salto auf dem Bett zu, den er seit kurzem kann.“ Ein kreativer Ausweg, doch Silvia Höfer fügt hinzu:  „Wenn er mir dann erzählt, dass er lieber richtig bei uns wäre, muss ich ganz tief durchatmen.“

„Wir Menschen sind eben soziale Wesen und wir sind Körperwesen,“ sagt die  die Leiterin eines ambulanten Hospizdienstes in Süddeutschland. „Wir brauchen unser leibhaftiges Gegenüber, um mit Sehnsucht, Angst und Schmerz, die wir ja körperlich erleben, fertig zu werden.“ Über die psychosozialen Faktoren, die mit den teils drastischen Schutzmaßnahmen einhergehen, werde zu wenig gesprochen, kritisiert die Hospizleiterin.

Wir sind Körperwesen. Und wir brauchen unser leibhaftiges Gegenüber, um mit Sehnsucht, Angst und Schmerz fertig zu werden. 

Die Leiterin eines Hospizdienstes

„Stellen Sie sich den bettlägerigen alten Menschen vor, einen Pflegefall, 24 Stunden liegend. Seine Kinder und Enkel kommen – sofern vorhanden - seit einer Weile nicht mehr. Und dann betritt eine vermummte Pflegeperson den Raum, die ihn mit Gummihandschuhen berührt.“ Sie berichtet, dass unter den Ehrenamtlichen, die Schwerstkranke und Sterbende begleiten, viele dennoch bereit wären, ihre Hilfe zur Verfügung zu stellen.  „Die meisten haben weniger Angst um sich selbst, als davor jemanden anzustecken.“

Um das riesige Loch an persönlicher Begegnung, das in dieser Zeit des umfassenden social distancing gerade um die alten Menschen herum entsteht, wenigstens punktuell zu füllen, hofft sie, dass der Antikörpertest, an dem ja geforscht wird, bald verfügbar ist. „Egal, ob Enkelin oder Ehrenamtliche, dann wüsste man, wer immun und also einsatzfähig wäre“, meint die Leiterin. Ihren Ehrenamtlichen hat sie ein Zitat des Theologen Gerhard Begrich weitergeleitet: „Wir vergessen, dass (…) das Höchste nicht das Leben ist. Das Schlimmste ist auch nicht der Tod. Das Höchste ist die Liebe und das Schlimmste ist die Einsamkeit.“

Telefonieren als Rettung

„Einsam sind wir alle“, sagt meine eigene Mutter, die 82-jährig in einer Wohnung in Münster lebt, und sich notgedrungen von Verwandten und Freunden ihres Alters fernhält. Und jetzt ist sie noch einsamer. Weil sie schweren Herzens den Besuch von Tochter und Enkeltochter für diese Wochen abgesagt hat, der wöchentliche Literaturkreis ausfällt und sogar die winzigen Sozialkontakte in den Geschäften fehlen, weil sie zum Einkaufen nicht mehr nach draußen geht. Mit den digitalen Medien weitgehend unvertraut, wird das Telefon zum einzigen Rettungsring.

Wenn man danach noch greifen kann. Angela Braun (Name geändert), die auf einer Berliner Demenzstation arbeitet, erzählt, dass nur ein einziger Bewohner noch selbstständig telefoniert. Alle anderen haben seit der Besuchersperre gar keinen Kontakt mehr zu ihren Angehörigen. Manche leiden sehr darunter wie der Mann, der aus dem Zittern nicht mehr herauskommt, wenn seine Frau nicht da ist. Andere nehmen es kaum zur Kenntnis. Denn ausnahmsweise ist ihre Vergesslichkeit fast so etwas wie ein „Glück im Unglück“.

Lang hat keine kollektive Situation uns so viel Improvisationskunst abverlangt, uns mit der Frage konfrontiert, welche Spielräume wir haben, um die schwierige Lage besser zu machen – oder sie wenigstens in hellerem Licht zu sehen. Gerlinde Wolf, 76, die ihre Enkel mitversorgt und im Erziehungsalltag nach wie vor ständig im Einsatz ist, kann die momentane „Zwangspause“ sogar genießen. „Mir fehlen die beiden schon. Aber die Eltern haben jetzt mehr Zeit. Und für mich ist ein bisschen Erholung gar nicht so übel.“