Die britische Königin Elizabeth II. (l.) und ihre Tochter, Prinzessin Anne, bei den schottischen Highland Games 2018.
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Berlin/LondonEs gibt eine Folge in der dritten Staffel der britischen Serie „The Crown“, die es in sich hat. Darin wird eine turbulente Liebesgeschichte erzählt: Prinz Charles beginnt eine Beziehung mit Camilla Shand, der Freundin von Andrew Parker Bowles, der wiederum ein Affäre mit Prinzessin Anne hat. In einer recht eindeutigen Szene liegt Anne in Dessous im Bett, während Andrew mit nacktem Oberkörper vor ihr auf und ab stolziert und darlegt, dass er Spaß gehabt habe. 

Moment mal: Prinzessin Anne, die Tochter der Queen, liebte den Offizier Andrew Parker Bowles, den späteren Ehemann der Geliebten und späteren Ehefrau ihres Bruders Prinz Charles? Nun ja, den Wahrheitsgehalt dieses amourösen Bäumchen-wechsle-dich-Spielchens im Hause Windsor kennen wir nicht, und doch wirft diese Szene ein hübsch beobachtetes Schlaglicht auf das Wesen von Anne Elizabeth Alice Louise, Princess Royal – so ihr offizieller Titel. Anne ist zwar Mitglied der britischen Königsfamilie, aber als zweites Kind und einzige Tochter von Queen Elizabeth II. (94) und Prinz Philip (99) spielt sie keine dynastische Rolle. Sie kann sich eine spitze Zunge und eine gewisse Lässigkeit leisten. 

Szene aus „The Crown“.

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An diesem Sonnabend (15. August) wird Anne 70 Jahre alt – und ihre Rolle als zuverlässige Stütze ihrer Mutter dürfte gerade jetzt besonders gefragt sein. Denn bei aller Lässigkeit und Burschikosität: Prinzessin Anne spielt bei der Vertretung der Queen in der Öffentlichkeit eine zentrale Rolle. Seit Jahren schon ist sie diejenige, die die meisten Termine der königlichen Familie wahrnimmt, seit 1970 arbeitet sie für die Kinderrechtsorganisation Save the Children. Auch wegen ihres Pflichtbewusstseins gehört die Prinzessin in Rankings inzwischen zu den beliebtesten britischen Royals.

Ihr mag vielleicht der Glamourfaktor fehlen, aber dass sie bescheiden ist und den royalen Rummel meidet, das schätzen die Briten. In den letzten Jahren gewann Anne immer mehr Anerkennung im Vereinigten Königreich. In Zeiten von Krisen und abtrünnigen Prinzen kann die Monarchie jeden stabilen Anker gebrauchen. Besonders, dass Annes jüngerer Bruder Andrew (60) in den Missbrauchsskandal um den US-Geschäftsmann Jeffrey Epstein verwickelt sein soll, lastet schwer auf der Familie.

Da kommt so ein 70. Geburtstag gerade recht. Zwar sind die ursprünglichen Pläne für eine Feier in Schottland wegen der Coronavirus-Pandemie geplatzt. Der Buckingham-Palast hat sich dennoch etwas einfallen lassen und kündigte auf Instagram an, eine Woche lang täglich ein vergangenes Jahrzehnt in Annes Leben zu beleuchten.

Bei ihrer Geburt im Jahr 1950 war noch ihr Großvater Georg VI. König, als ihre Mutter Elizabeth drei Jahre später gekrönt wurde, stand Anne nach ihrem Bruder Charles sogar auf Platz zwei der Thronfolge. Erst mit den Geburten ihrer Brüder Andrew und Edward sowie ihrer Neffen und Nichten rutschte die Prinzessin immer weiter nach hinten. 

Doch Anne bewies Willensstärke und suchte sich ihren eigenen Weg. Ihre Reitsport-Karriere sei ein Mittel gewesen, schon früh Abstand zum royalen Rummel zu gewinnen, berichtete sie einmal. „Es war für mich sicher ein Weg zu zeigen, dass man etwas hatte, was nicht von der Familie abhing.“ 1971 wurde sie Europameisterin im Military-Reiten, 1976 nahm sie sogar an den Olympischen Spielen in Montreal teil. 

Entführungsversuch in London

Ihre Nervenstärke wurde 1974 bei einem Entführungsversuch in London deutlich. Ein bewaffneter Mann brachte damals ihr Fahrzeug zum Stehen, setzte sich in das Auto und sagte: „Ich will, dass Sie mich ein bis zwei Tage begleiten, denn ich will zwei Millionen Pfund. Steigen Sie aus?“ Anne erwiderte spöttisch: „Aber sicher! Und ich habe auch keine zwei Millionen.“ Nach einem weiteren Wortwechsel sprang sie auf der anderen Seite aus dem Auto heraus, wie 30 Jahre später freigegebene Unterlagen belegen. Der Täter schoss mehrmals und verletzte vier Menschen, Anne kam nicht zu Schaden. Sie habe sich zwingen müssen, den Mann nicht zu ohrfeigen, sagte die Prinzessin später.

Zuletzt machte die Princess Royal im Dezember 2019 nach dem Nato-Gipfel in London von sich reden. Beim Empfang der Staats- und Regierungschefs im Buckingham-Palast fiel Anne nicht nur durch ihre charakteristische toupierte Frisur auf. Im Internet kursierten Videos, in denen die Prinzessin mit einer Gruppe Politiker zusammensteht, unter ihnen Kanadas Regierungschef Justin Trudeau. Man steckte die Köpfe zusammen und mache sich offensichtlich lustig über US-Präsident Donald Trump.

In einem anderen Video begrüßt Königin Elizabeth II. gerade Trump und schaut zu Anne – manche glauben, dass die Queen ihre Tochter verärgert auffordern wollte, den Präsidenten doch auch zu begrüßen. Tatsächlich sah die Königin aber nur nach weiteren Staatsgästen. „Ich bin’s nur“, sagte Anne lachend und hob ihre Hände in die Luft.

Prinz Charles und seine Schwester Prinzessin Anne 1970 auf Schloss Sandringham. 
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Die britischen Medien würdigten die Prinzessin daraufhin als eine Art „Royal der Woche“. „Wird Anne zum populärsten Mitglied des Königshauses?“, fragte der Guardian und konstatierte, nur ihre Mutter könne ihr in Sachen Beliebtheit das Wasser reichen. Auch der Telegraph würdigte, dass die Prinzessin nicht mehr so mürrisch sei wie früher und eine sehr gute Beziehung zu ihrer Mutter pflege.

In der Liebe erlebte die Prinzessin Hochs und Tiefs. 1973 heiratete sie den Vielseitigkeitsreiter Mark Phillips. Vier Jahre später kam Sohn Peter zur Welt. 1981 folgte Tochter Zara, die im Reiten noch erfolgreicher wurde als die Mutter. Später gab es hässliche Gerüchte über Ehebruch, 1992 wurde das Paar geschieden. Kurz darauf heiratete die Prinzessin den fünf Jahre jüngeren Bürgerlichen Timothy Laurence. Es war die erste Wiederheirat eines geschiedenen britischen Royals seit mehr als 450 Jahren.

Anlässlich ihres Geburtstags zeigt der Fernsehsender ITV eine Dokumentation, dafür haben die Macher mit Annes Kindern, ihrem Mann und Weggefährten gesprochen. „Sie war die erste Monarchen-Tochter, die zur Schule ging, die erste königliche Olympionikin – und der erste royale Nachwuchs, der darauf bestand, dass die eigenen Kinder mit ‚Mr.‘ und ‚Miss‘ angesprochen werden“, heißt es in der Ankündigung. 

Anne wird dieser Tage wieder in den Fokus der Öffentlichkeit rücken. Ob ihr das recht ist? Schon der Welterfolg von „The Crown“ und Szenen wie die oben beschriebene hatten ihr eine Menge Aufmerksamkeit beschert und die Prinzessin vielen überhaupt erst wieder ins Bewusstsein gebracht. Von manchen wird Anne, der es schon um nachhaltige Mode ging, als dies noch kein medienwirksames Thema war, gar als Stilikone gefeiert. Zeigt die Serie Anne doch als moderne junge Frau, die der Queen selbstbewusst entgegentritt und gänzlich unsentimental über ihre Affären plaudern kann. Prinzessin Anne weiß davon nichts. Ihr nahestehende Quellen berichten, sie ignoriere die Serie und habe „kein Interesse daran, zu sehen, wie jemand anders ihr Leben auf dem Bildschirm nachspielt“.