Der Autor ist der Meinnung: Der Erde ist es wurst, was man auf und mit ihr veranstaltet.
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Bei alledem sollte man das Usutuvirus nicht vergessen. Diese Mikrobe rafft Amseln dahin. Blackbird singing in the dead of night. Keine Ahnung, ob in Amselkreisen die Hintergründe der Plage erörtert werden. Falls, dann sollten die Vögel in Betracht ziehen, dass der Heimatplanet ihnen damit einen Ordnungsgong erteilt, weil ihm ihr Getriller auf den Weltgeist geht.

Ich schreibe das nicht infolge eines Lockdown-induzierten Vollrauschs, sondern weil die Corona-Ursachenforschung in diese Richtung zu driften scheint: die Krankheit als Erziehungsmaßnahme eines Himmelskörpers an seinen Besetzern. Also spricht der Filmregisseur Detlev Buck: „Die Erde will ihre Ruhe haben. Das entnehme ich dieser Krise ganz deutlich.“ Der Nationalsportinstrukteur Joachim Löw entnimmt der Krise „das Gefühl, dass sich die Erde gegen die Menschen stemmt.“

Gott ist eine Kugel

Allenthalben ist zu lesen, die Erde „atme auf“, könne „sich jetzt erholen“, und es gehe ihr „gerade richtig gut“. Richtig gut ist auch: „Die Natur zeigt uns Rot“. Denn „Rot“ bedeutet Platzverweis und führt zu einem gut abgehangenen Jutetaschenträgerwitz: Treffen sich zwei Planeten. „Oh, du siehst aber schlecht aus.“ – „Ich habe Homo sapiens.“ – „Keine Angst, das geht vorüber.“

So etwas gemahnt mich an Zeiten, als bei Gewittern noch Götter zürnten – nur dass der grimmige Gott jetzt nicht auf einer Wolke sitzt, sondern eine riesige Kugel ist. Wenigstens hat noch niemand vorgeschlagen, dem Globus jetzt ein paar Jungfrauen zu opfern. Fast ist es schade, dass diese Seuchenselbstschuldgefühle erst bei Covid-19 so fulminant ausbrechen. Ich hätte gern schon früher mal einen Hautarzt zum Tripper-Patienten sagen hören: „Klarer Fall, die Erde wehrt sich.“

„Menschen sind die Seuche“

In den Siebzigerjahren entwarfen Wissenschaftler die Gaia-Hypothese; Kreuzworträtsler wissen um jene griechische Erdgöttin mit vier Buchstaben. Diese Theorie beschrieb den Planeten als eine Art sich selbst organisierenden Organismus. Ich kann folgen, soweit damit ein Öko-System gemeint ist. Leider wurde das Modell alsbald von Esoterikern gekapert, die die Erde als ein Lebewesen verstehen wollen, mitsamt Bewusstsein und begrenzter Leidensfähigkeit. Diese Denkungsart kulminiert letztlich in Sprüchen wie: „Menschen sind die Seuche. Corona ist die Heilung.“

Ich bin da eher prosaisch gestrickt. Nein, der Mensch muss seine Umwelt nicht schützen, um ihr eine Freude zu machen, sondern um seiner selbst willen, aus purem, weitsichtigem Egoismus.

Viren suchen Eier

Glaub mir, Jogi, der Erde ist es wurst, was man auf und mit ihr veranstaltet. Es war auch nicht so, dass sich im Jahr 2011 ein Ozean und zwei Kontinentalplatten verabredet hätten, um mit dem Fukushima-Tsunami gegen die Kernkraft zu protestieren. Die Erde stemmt sich gegen niemanden. Sie wird nach unserem Verschwinden nicht mal fünf kosmische Minuten unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden. Der wüste Mars hat ja auch keine Depressionen, obwohl es dort nicht mal Amseln gibt.

Die Bundeskanzlerin hat ihr treues Volk gerade vor österlichem Übermut gewarnt: „Eine Pandemie kennt keine Feiertage.“ Dieser Einschätzung folge ich zu 99,9 Prozent. Was den Rest betrifft: Sollte die Erde jetzt tatsächlich wegen der von ihr erfolgreich eingebremsten Menschheit erleichtert sein, dann suchen die Viren garantiert am Sonntag Eier.