Merkels Neujahrsansprachen werden regelmäßig von mehr als fünf Millionen Menschen im Fernsehen verfolgt.
Fotos: dpa, Grafik: VisualDriven.by

BerlinFernsehansprachen gehören in der Bundesrepublik gewöhnlich nicht zum Repertoire der Regierungschefs. Nur in seltenen Situationen haben sich Bundeskanzler auf diese Weise an die Bürger gewandt. Zuletzt tat dies Gerhard Schröder 1999 zu Beginn des Nato-Angriffs auf Serbien, als zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg deutsche Soldaten an einem Kampfeinsatz beteiligt waren. Angela Merkel hat in ihren bald 14 Regierungsjahren noch nie aus einem politischen Anlass direkt zu den Bürgern gesprochen, obwohl sie häufig dazu aufgefordert worden ist, zum Beispiel auf dem Höhepunkt der Finanz- oder der Flüchtlingskrise.

Nur am letzten Tag des Jahres ist das anders. Die Neujahrsansprache der Kanzlerin gehört zum Silvesterfernsehprogramm vieler Bürger wie „Dinner for One“ mit Miss Sophie. Angela Merkel erzielt dabei erstaunliche Einschaltquoten. Jede ihrer Ansprachen haben seit 2005 allein bei ARD und ZDF immer deutlich mehr als fünf Millionen Bürger verfolgt. Das ist fast Tatort-Niveau. Angela Merkel war damit immer die zweite Quotenqueen des Abends, hinter Miss Sophie, versteht sich.

Wie die Analyse zeigt, die wir in „Wortwolken“ dargestellt haben, bietet Merkel kein reines Wohlfühlprogramm. Sie spricht in den fünf bis sechs Minuten ihrer Rede die Probleme des vergangenen Jahres offen an, bezieht auch Stellung. Dabei versucht sie aber stets, einen optimistischen Ausblick zu geben. Ihr „Wir schaffen das“ aus dem Flüchtlingsjahr 2015 ist ein Gedanke, der alle Reden durchzieht, er ist Ausdruck einer Grundhaltung.

Grafiken mit den häufigsten Wörtern aus den Neujahrsansprachen von 2005 bis 2018 in der Galerie – bitte klicken

Legende

Schon ihre erste Neujahrsansprache 2005 (Rede im Volltext) folgt dieser Regel. „Was kann man alles in einem Jahr erreichen? Es ist eine ganze Menge!“, beginnt sie. „Wie wäre es, wenn wir uns heute Abend das Ziel setzen, im kommenden Jahr überall noch ein wenig mehr als bisher zu vollbringen?“ Das sei auch das Konzept der neuen Regierung. „Viele kleine Schritte gehen, die aber in die richtige Richtung.“ Das gelte auch für das „Problem Nummer eins, die erschreckend hohe Arbeitslosigkeit“. Wichtig ist der Kanzlerin aber auch die Fußballweltmeisterschaft, die 2006 in Deutschland unter dem Motto „Die Welt zu Gast bei Freunden“ stattfindet. „Lassen Sie uns alle gemeinsam Freunde unserer Gäste werden“, fordert sie die Bürger auf.

In der „Wortwolke“ ist klar zu erkennen: Arbeit und Deutschland spielen eine wichtige Rolle in ihrer Rede. Ein Jahr später meldet sie sozusagen Vollzug: Die Zahl der Arbeitslosen ist um fast eine halbe Million Menschen zurückgegangen, das Wirtschaftswachstum doppelt so hoch wie 2005. Und es gab ein Sommermärchen: Die deutsche Mannschaft hat den dritten Platz bei der Fußball-WM belegt, „wir Deutschen haben das Mitreißende von Schwarz-Rot-Gold gespürt“ (Rede im Volltext und im Video). Auch 2007 geht es aufwärts, am Jahresende kann die Kanzlerin ihre letzte fast sorgenfreie Neujahrsansprache halten (Volltext, Video).

2014 werden die Flüchtlinge zum Thema

2008 erreicht die Finanzkrise Deutschland, und von jetzt an zieht sich der Krisenmodus durch alle weiteren Neujahrsansprachen (Volltext, Video). Die Lage des Landes steht im Mittelpunkt, das zeigt auch die Analyse ihrer Worte. Der Finanzkrise folgt die Eurokrise. Für 2012 sieht Merkel die schwerste Bewährungsprobe Europas heraufziehen, doch sie bleibt optimistisch: „Am Ende dieses Weges wird Europa stärker aus der Krise hervorgehen, als es hineingegangen ist“ (Volltext, Video). 2011 ist aber auch das Jahr, in dem die Mordserie des rechtsradikalen NSU entdeckt wird. Die Kanzlerin ruft zur Verteidigung der offenen und freiheitlichen Gesellschaft auf, ein Thema, dem sie fortan treu bleiben wird (Volltext, Video).

Alle Visualierungen der Jahre 2005 bis 2018 finden Sie oben in der Galerie.
Grafik: VisualDriven.by

2014 werden die Flüchtlinge zum Thema. „Es ist selbstverständlich, dass wir ihnen helfen und Menschen aufnehmen, die bei uns Zuflucht suchen.“ Der Umgang mit Menschen und unsere Werte stehen im Fokus ihrer Worte. Merkel wendet sich entschieden gegen die fremdenfeindlichen Pegida-Aufmärsche: „Heute rufen manche montags wieder: Wir sind das Volk. Aber tatsächlich meinen sie: Ihr gehört nicht dazu – wegen eurer Hautfarbe oder eurer Religion. Deshalb sage ich allen, die auf solche Demonstrationen gehen: Folgen Sie denen nicht, die dazu aufrufen!“ (Volltext, Video)

Ein Jahr später widmet sich die Kanzlerin fast ausschließlich der einen Million Flüchtlinge, die 2015 nach Deutschland gekommen sind. Sie dankt den vielen freiwilligen Helfern, aber sie nimmt das allgegenwärtige Wort von der Flüchtlingskrise nicht in den Mund. Im Gegenteil: Angesichts der heftigen Kritik an ihrem Umgang mit dem Problem wiederholt sie fast provozierend ihren umstrittensten Satz des Jahres: „Wir schaffen das.“ Ihr „Danke“ aber ist, wie in der Wortwolke deutlich zu sehen, der zentrale Begriff der Rede. (Volltext, Video)



In ihrer bisher letzten Ansprache Silvester 2018 klingt sie nicht mehr so optimistisch. Sie setzt, das zeigt auch die „Wortwolke“, keine wirklichen thematischen Schwerpunkte (siehe Galerie oben). Sie spricht von einem schwierigen politischen Jahr, in dem viele mit der Bundesregierung gehadert hätten. „Erst haben wir lange gebraucht, um überhaupt eine Regierung zu bilden, und als wir sie hatten, da gab es Streit und viel Beschäftigung mit uns selbst.“ Doch: „Wir ringen um die besten Lösungen in der Sache. Immer häufiger aber auch um den Stil unseres Miteinanders, um unsere Werte: Offenheit, Toleranz und Respekt. Diese Werte haben unser Land stark gemacht. Für sie müssen wir uns einsetzen, auch wenn es unbequem und anstrengend ist.“ (Volltext, Video)

Sie kehrt an diesem Abend zu einer Grußformel zurück, die sie anfangs immer und dann viele Jahre nicht benutzt hat: Sie wünscht ein „gesegnetes Jahr 2019“ – und nicht „Gottes Segen“ (vgl. Tabelle oben). Warum sie das mal so und mal so handhabt, bleibt ein Geheimnis der praktizierenden Christin.

Auch wenn die Neujahrsansprache der Regierungschefin etwas Patriarchalisches, aus der Zeit Gefallenes an sich hat – Angela Merkel zeigt in diesen kurzen Reden, dass sie durchaus verstanden hat, was die Menschen umtreibt. Wer ihre Reden nachliest, erlebt ein Stück Zeitgeschichte.

Die neue Serie der Berliner Zeitung: Merkels Vermessung

2005 wurde Angela Merkel zum ersten Mal zur Regierungschefin gewählt. Sie hat angekündigt, nach Ende der Legislaturperiode 2021 das Amt der Bundeskanzlerin nicht mehr anstreben zu wollen.

Wir befinden uns also in den letzten Jahren der Kanzlerschaft Merkels. Zeit für eine Bilanz. Die Berliner Zeitung will in einer großen Serie, die durch das kommende Jahr führt, die Kanzlerschaft Merkels vermessen und datenjournalistisch aufbereiten. Wir starten mit der Analyse von Merkels Neujahrsansprachen – wie hat sie über die Jahre versucht, ihre Politik zu vermitteln? Welche Themen waren ihr wichtig?

Das Institut für Spielanalyse aus Potsdam hat im Auftrag der Berliner Zeitung die Daten ermittelt, die Agentur Visualdriven hat sie gemeinsam mit Annette Tiedge, der Art-Direktorin der Berliner Zeitung, optisch aufbereitet. Eric Beltermann, Datenjournalist der Berliner Zeitung, und Holger Schmale, politischer Autor der Berliner Zeitung, haben das Material analysiert, eingeordnet und bewertet. Die Politik-Redakteurin Tanja Brandes hat die Ereignisse der Jahre zusammengestellt. Dieses Team wird auch in Zukunft gemeinsam mit weiteren Kolleginnen und Kollegen die große Daten-Serie präsentieren.

Die nächste Folge im Januar beschäftigt sich mit Merkels Dienstreisen in den vergangenen Jahren: Wo und wann war sie warum? Und was sagt uns das über ihre Politik?