Berlin - Es wäre wirklich viel schöner, wenn die Kanzlerkandidatin der Grünen Schneidermeisterin von Beruf wäre oder Zahnarzthelferin. Leider gibt es nur wenige Personen dieses Berufs, die sich den Mühen eines derart exponierten Wahlkampfes aussetzen, der im günstigsten Fall mit dem Spitzenjob im Kanzleramt endet. Deshalb muss man sich im Fall der Grünen-Chefin Annalena Baerbock nun mit der Recherche über Studiengänge auseinandersetzen, die mit komplizierten Titeln abgeschlossen werden.

Baerbock hat in Hamburg und London studiert und in Großbritannien ihren Abschluss als LL.M. gemacht. Das bedeutet Legum Magister oder auch Master of Laws, zu deutsch Meister der Gesetze. Allerdings heißt das nicht, dass sie deswegen Juristin ist – auch wenn sie ihren Titel als Völkerrechtlerin angibt. Für Nicht-Master, also die meisten von uns, ist das zumindest verwirrend. Sie selbst hat es mit den Angaben nicht so genau gemeint und musste daher mehrmals nachbessern, nachdem ihr Journalisten fehlerhafte Angaben vorwarfen. Kann ja mal passieren. Aber gleich mehrfach?

Denn auch mit den Mitgliedschaften hat sie es leider nicht so genau genommen. Für Außenstehende ist es im Grunde egal, ob Frau Baerbock Mitglied beim German Marshall Fund ist oder im Beirat sitzt oder eine Fördermitgliedschaft inne hatte. Dennoch fällt auf, wenn es bei den Korrekturen darum geht, dass zuvor ein bisschen angegeben wurde. Das ist so, wie wenn ein Kellner mehrfach falsch abrechnet, aber eben immer zu seinem Gunsten. Es kann schon sein, dass er es nicht absichtlich macht, verdächtig ist es aber doch. Man rechnet dann im Geiste lieber selbst mit. Ähnlich geht es einem jetzt ein bisschen mit Annalena Baerbock.

Das ist ein echtes Problem für die Grünen, denn der Wahlkampf wird noch Monate dauern, und es zeigt sich schon jetzt, dass er fies werden könnte. Nach der Klatsche in Sachsen-Anhalt ist vor allem vonseiten der SPD damit zu rechnen, dass es doch etwas populistischer werden könnte. Olaf Scholz hat dafür in den letzten Tagen schon ein recht schönes Beispiel geliefert. Erst beim Co2-Preis mitbestimmen und die Folgen für einen höheren Spritpreis dann den Grünen anzukreiden, das ist für ihn offenbar eine mühelose Pirouette. Hinterlistig, aber immer wieder erfolgreich.

Die Grünen können das beklagen, aber sie müssen sich klarmachen: Wer gewählt werden will, darf sich keine Fehler erlauben. Das gilt für alle, aber vor allem für die Herausforderer. Sie müssen ja beweisen, dass sie besser sind. Es sollte daher besser nicht zu viele Missgeschicke im Wahlkampf geben. Wie etwa die Sache mit den Billigflügen, über die die grüne Spitzenkandidatin erklärte, dass es sie bald nicht mehr geben soll. Ein Mini-Detail in der Klimawende und sicherlich den Ärger nicht wert, den die Sache nach sich zog. Hat das Wahlkampfteam wirklich nicht bedacht, wie die Äußerung in einem Land wirkt, das nach den Pandemie-Monaten nichts wie raus in den Urlaub will?

Baerbock: Lapsus wegen der Sozialen Marktwirtschaft

Später erklärte Annalena Baerbock, die Soziale Marktwirtschaft in Deutschland sei eine Errungenschaft, die man der SPD zu verdanken habe. Die Union antwortet sofort und mit nicht unbeträchtlicher Häme, dass das ja wohl eindeutig das Werk des CDU-Kanzlers Ludwig Erhard gewesen sei. Die Wahrheit ist etwas komplizierter, wie selbst die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb. Dennoch hatte Baerbock hier Glück, dass sie keine Ostdeutsche ist. Dann hätte man ihr sofort attestiert, dass sie noch gar nicht in der Bundesrepublik angekommen ist. So hielt sich der Aufschrei in Grenzen.

Doch man kann es drehen oder wenden, wie man will: Der grüne Höhenflug ist erst einmal zu Ende. Das war abzusehen, weil es immer so ist. Wer in den Himmel gelobt wird, bekommt dennoch später unweigerlich Kritik ab. Beunruhigend für die Grünen ist aber, dass es in diesem Fall ihr eigener Fehler war.

Womöglich ist die Partei gar nicht so professionell, wie die minutiöse Vorbereitung der Kanzlerkandidatur Glauben machte?

Ganz schlecht wäre es, wenn sich die Grünen jetzt in einer Art Wagenburg verschanzen und alle Kritik an Annalena Baerbock als frauenfeindlich und ungerechtfertigt abwehren würden. Dass sie der Deutschen Presse-Agentur jetzt deutlich erklärte, die Sache mit dem Lebenslauf sei Mist gewesen, ist ein guter Anfang.

Viel mehr Mist sollte nun aber auch nicht mehr kommen.