Protest in Wroclaw/Breslau gegen den Termin für die Präsidentenwahl. 
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WarschauVor 75 Jahren kapitulierte Deutschland im Zweiten Weltkrieg. Polen war das erste Opfer des NS-Vernichtungskrieges. Der langjährige Breslauer Oberbürgermeister Rafal Dutkiewicz, 60 Jahre alt, spricht im Interview über die bilateralen Beziehungen, polnische Reparationsforderungen, die Lage der EU und den wachsenden Nationalismus in Europa.

Herr Dutkiewicz, in der Corona-Krise ist oft von Krieg die Rede. Was denken Sie, wenn Sie diese Vergleiche hören?

Ich wäre vorsichtig mit der Wortwahl. Die gegenwärtige Situation ist eine Katastrophe, aber kein Krieg. Vielleicht funktioniert es eher umgekehrt: Der Corona-Shutdown, in dem die Welt den Atem anhält, erinnert uns an unsere Vergänglichkeit und führt uns zugleich vor Augen, dass wir Krisen nur gemeinsam bewältigen können, mit einer globalen Kooperation und niemals durch Krieg.

Wegen der Pandemie können die Feiern zum Weltkriegsgedenken nicht wie geplant stattfinden. Was bedeutet das für die Erinnerungspolitik?

Man sollte das Beste daraus machen und die neuen Möglichkeiten des Gedenkens im virtuellen Raum nutzen. Wichtiger als das Wie des Erinnerns ist aber, dass wir die vielfältigen Botschaften, die vom Mai 1945 ausgehen, im Sinn behalten. Für mich ist das Kriegsende trotz all der vorangegangenen Tragödien ein Symbol der Hoffnung und des Aufbruchs. Nehmen Sie meine Heimat Breslau. Dort gab es einen brutalen Bruch in der Kontinuität der Stadt, aber heute blüht die gesamte Region.

Sie sagen Breslau, nicht Wroclaw?

Wenn ich Deutsch spreche, sage ich Breslau, im Polnischen Wroclaw. Das hat seinen Grund eben in der Geschichte. Breslau ist die einzige Großstadt der Welt, in der die Bevölkerung innerhalb kürzester Zeit zu 100 Prozent ausgetauscht wurde. Die Deutschen wurden bei Kriegsende 1945 vertrieben, und stattdessen kamen Polen, die ebenfalls Vertriebene waren, aus dem Osten. Wir polnischen Breslauer haben diese Geschichte als Ganzes angenommen. Deswegen haben beide Namen ihre Berechtigung. Schließlich haben wir die Versöhnung vollzogen.

Die rechtskonservative PiS-Regierung  fordert dennoch von Deutschland Kriegsreparationen. Zu Recht?

Ja und nein. Einerseits stimmt es: Polen hat keine Reparationen bekommen, und das war eine historische Ungerechtigkeit. Andererseits leben wir in einem geeinten Europa. Deutschland hat uns auf dem Weg in die EU enorm unterstützt. Deswegen ist das 21. Jahrhundert nicht mehr die Zeit, Reparationen zu fordern. Damit stärkt man nur Rechtsextremisten und Nationalisten.

In Zeiten der Corona-Pandemie ziehen sich die Nationen wieder auf sich selbst zurück. Wie steht es um die EU?

Das ist das schönste Projekt, das es auf dem Kontinent gibt. Es stimmt: In der Corona-Krise haben viele EU-Staaten anfangs ungeschickt reagiert, insbesondere bei den Grenzschließungen. Die Regionen zu beiden Seiten von Oder und Neiße sind dafür ein besonders bitteres Beispiel. Polen und Deutschland sind dort schon so stark miteinander verwoben, dass die Grenzschließung die Pendlerströme brutal unterbrochen und vieles zerstört hat. Trotzdem: Wir haben tausend Probleme, aber die EU ist großartig.

Rechtspopulismus und Nationalismus sind allerdings auf dem Vormarsch. Wie gefährdet ist die europäische Einigung?

Jeder Mensch, der arbeitet, schwitzt. Der Schweiß muss abgewaschen werden, sonst beginnt der Mensch zu stinken. Der Nationalismus ist der nicht abgewaschene Schweiß, den Gesellschaften hervorbringen, die voranschreiten. Anders gesagt: Nationalismus stinkt. Deswegen sollte Europa eine Dusche nehmen. Im Ernst: Wir müssen die EU auf eine neue Grundlage stellen. Menschen sind soziale Wesen und brauchen eine breitere Gemeinschaft. Das war lange die Nation, aber im 21. Jahrhundert erreichen wir eine neue Etappe der Zivilisation. In diesem Sinn glaube ich, dass Rechtspopulismus und Nationalismus so etwas wie Todeskrämpfe sind, die das Ende des nationalen Zeitalters kennzeichnen. Das tut weh. Aber die nationalistische Welle wird vorübergehen.

Die EU-Kommission hat ein Rechtsstaatsverfahren eingeleitet. Wie können beide Seiten zusammenfinden?

Wir haben derzeit in Polen keine unabhängige Justiz mehr, und das ist schrecklich. Genauso schlimm ist die antieuropäische Dynamik, die damit einhergeht. Es ist nicht so, dass die PiS einen Polexit anstrebt, einen Austritt aus der EU nach britischem Vorbild. Aber die abfällige Art, wie führende PiS-Politiker über Europa sprechen, setzt in der Gesellschaft etwas in Gang, und das ist auf Dauer gefährlich. Die Lösung ist einfach: Die PiS muss abgewählt werden. Und irgendwann wird die PiS abgewählt. So funktioniert Demokratie, und daran wird auch die PiS nicht rütteln. Da bin ich mir sicher. Polen ist nicht Russland.

Die PiS will mitten in der Corona-Krise die Präsidentenwahl abhalten und ihre Macht zementieren.

Ja, die Wahl muss verschoben werden. Es gab keinen demokratischen Wahlkampf. Der Versuch von PiS-Chef Jaroslaw Kaczynski, die Abstimmung als reine Briefwahl abhalten zu lassen, verstößt gegen die Verfassung, die demokratischen Prinzipien und die guten Sitten von Fairness und Miteinander. Sollte die Wahl dennoch stattfinden, dann wird das früher oder später hart bestraft werden. Kaczynski wird bestraft. Man wird ihn verurteilen und vergessen.

Das Gespräch führte Ulrich Krökel.