Bettina Jarasch in Kreuzberg.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinErst mal kommt Bettina Jarasch kräftig zu spät. Gar nicht ihre Art, sagt ihre Mitarbeiterin und läuft vor der Markthalle Neun in Kreuzberg nervös auf und ab. Blick aufs Handy. Nichts zu sehen. Dabei ist es ganz einfach: Seit Montag ist sehr viel los im Leben von Bettina Jarasch.

Bettina Jarasch ist 51 Jahre alt, in Augsburg geboren und aufgewachsen. Sie hat Politik und Philosophie studiert, sie ist Katholikin und früher war sie mal Journalistin. Sie kam aus Protest gegen die „Das Boot ist voll“-Kampagnen in den 90er-Jahren in die Politik und zu den Grünen. Sie hat in der Bundestagsfraktion gearbeitet und auch schon mal den Berliner Landesverband der Grünen geführt. In den letzten Jahren war sie als Religions- und Migrationsexpertin der Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus.

Bettina Jarasch im Café Neun.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

Plötzlich will Bettina Jarasch Regierende Bürgermeisterin in der Bundeshauptstadt werden. Wow!

Mit diesem einen Wort lassen sich ausnahmslos alle Reaktionen auf die Nachricht am vergangenen Montag zusammenfassen. Die Medienbranche staunt. Nicht die beiden bekanntesten Frauen an der Berliner Parteispitze, Ramona Pop und Antje Kapek, weder die Wirtschaftssenatorin noch die Fraktionschefin, sondern Bettina Jarasch soll es werden. Es hagelt negative Kommentare. Bettina Jarasch sei der lebende Kompromiss, die Notlösung, der Friedensschluss zwischen Realos und dem linken Kreuzberger Flügel. Zu unbekannt. Verwaltungsunerfahren. Es sind eine Menge Schubladen aufgegangen, in die Bettina Jarasch reingedrückt wird.

Mit kräftigen Schritten im grünen Kleid

Wie lebt es sich denn so als Kompromiss, ist also eine der Fragen an Bettina Jarasch, als sie dann endlich da ist. Sie knurrt. Sie hat sich geärgert. Klar. Und natürlich ist sie auch gar nicht so, wie man sie erst mal mit groben Strichen gezeichnet hat: still, zurückhaltend, zufrieden in der dritten Reihe. Sie ist die Frau mit schwarzen Haaren, kräftigen Schritten und großen Stiefeln. So läuft sie im grünen Kleid am Fenster des Cafés vorbei, in dem wir uns zum Gespräch verabredet haben. Jemand, der weiß, was er will, das ist der erste Eindruck, den sie hinterlässt. Es sieht so aus, als ob sie sich für den Fotografen schnell das grüne Kleid angezogen hat. Das zeugt auch noch von Realitätssinn, Kalkül und Erfahrung. Denn es ist doch so: Worte verwehen vielleicht, man kann sie interpretieren oder zurücknehmen. Bilder bleiben.

Jetzt geht es erst mal jeden Tag rund für Bettina Jarasch: Absprachen, Termine, Interviews. So wird es weitergehen bis zum Nominierungsparteitag im November. Sie hat nichts dagegen. Sie will bekannter werden. „Ich liebe den Trubel in Berlin“, sagt Bettina Jarasch. Das passt zu der Art, wie sie diskutiert: schnell, nachdrücklich, engagiert. Sie lacht viel. Ihre Hände sind ständig in der Luft, um die Worte zu unterstreichen.

Es ist der Donnerstag in dieser Woche und sie hat nicht ganz zufällig das Café Neun in der Markthalle an der Eisenbahnstraße für das Treffen vorgeschlagen. Denn sie wohnt in der Nähe und der Ort des Gesprächs soll etwas mit ihr zu tun haben, findet sie. Bettina Jarasch lebt mit ihrer Familie – einem Mann, zwei Söhnen, 13 und 16 Jahre alt – in einer Wohnung um die Ecke. Schon seit Studientagen. 1993 ist sie eingezogen und geblieben. Verwurzelt in Kreuzberg, soll das heißen.

Die Familie hat eine Datsche in Straußberg. Kein Luxusobjekt offenbar, denn es gibt ein Außenklo im Schuppen, das man mit einer Gießkanne spülen muss. Es ist nicht hektisch dort. Sie mag das. Sie beobachtet sich dort selbst. Kommt runter. So schildert sie es.

Ich kann Menschen dazu bringen, dass sie sich hinter einem Ziel versammeln und das gemeinsam umsetzen, und dann wird das auch getragen von diesen Menschen.

Bettina Jarasch

Es ist eine Geschichte, mit der Bettina Jarasch etwas über sich sagen möchte und über das, was sie vorhat: Gewohnheiten kann man verändern. Die Schwierigkeit bestehe vor allem darin, es auch wirklich zu tun. Etwas anders zu machen. Wenn es erst mal passiert ist, erkenne man schnell die Vorteile. Sagt sie und leitet dann direkt zu einem grünen Herzensthema über: die Verkehrswende.

Auch hier steht erst mal eine Geschichte am Anfang. Sie dreht sich um das Familienauto, das es immer noch weiter gab, obwohl sie lange schon darüber nachgedacht hatte, es abzuschaffen. Weil man als Familie in der Berliner Innenstadt gar kein Auto brauche. Aber es musste erst im Urlaub zusammenbrechen. Dann wurde es abgeschafft. „Mein Alltag ist jetzt ohne Auto viel entspannter. Aber um Gewohnheiten zu verändern, muss man sich ’nen Ruck geben“, sagt sie.

Über ihr Auto hat Bettina Jarasch schon öfter gesprochen. Man kann die Geschichte natürlich kontern, zum Beispiel mit der eines Handwerkers aus Köpenick, der die Verkehrswende ablehnt, weil ihn auf dem Weg zu seinen Baustellen in der Innenstadt die enormen Stauzeiten viel Geld kosten. Er muss seine Angestellten auch bezahlen, wenn sie nur im Auto sitzen. Dafür macht er Pop-up-Radwege und andere grüne Verkehrsprojekte verantwortlich. Bettina Jarasch erkennt die Probleme an, aber die Verkehrswende ziele ja gerade darauf ab, Staus zu beseitigen. Ohne überflüssigen Individualverkehr komme eben auch der Handwerker besser durch. Sie nennt das: die Verkehrswende von ihrem Ende her denken.

Beim Verkehr scheint die Stadt gerade in Lager zu verfallen. Kreuzberger Fahrradpolitik gegen Menschen, die das Auto zur Arbeit nehmen. Wie will Bettina Jarasch den Handwerker überzeugen? Bettina Jarasch sieht es als Prozess. Erst mal ein Ziel formulieren: weniger Verkehr. Dann aber unterschiedliche Lebenssituationen anerkennen, miteinander reden und gemeinsam einen Weg entwickeln. „Ich glaube, in dieser Stadt sind viele Themen ideologisch aufgeladen, wo das eigentlich nicht sein müsste. Wenn wir es schaffen, das zu versachlichen, und über Ziele reden, was wir gemeinsam wollen, und dann über den Weg dahin, wird es vielleicht leichter“, sagt sie. Speziell die Kreuzberger handelten ja im Sinne eines erheblichen Teils ihrer Bewohner, weil die mit dem Fahrrad unterwegs seien. Gefährlich an der Diskussion findet Bettina Jarasch, wenn so getan werde, als ob die Kreuzberger gegen den Handwerker aus Treptow-Köpenick Politik machten. Das sei sicher nicht der Fall.

„Ich habe vielfach erprobt, wie es gelingen kann, auch bei kontroversen Themen miteinander ins Gespräch zu kommen. Ich will immer erst mal herausfinden, was der jeweilige Standpunkt ist, und dann, was das eigentliche Problem ist“, sagt sie.

Gläubig, und das darf jeder wissen

Bettina Jarasch engagiert sich in ihrer katholischen Gemeinde und im Zentralkomitee der Katholiken. Sie stellt ihren Glauben heraus, und das in einer weitgehend säkularen Stadt wie Berlin. Sie sagt, sie halte nichts von Versteckspielen. Jeder darf das wissen. Es gehe nicht darum, Menschen zu bekehren, sondern um Grundwerte. Im übrigen findet sie, es tue der Kirche gut, dass sie in Berlin nicht den Ton angeben kann.

Augsburg war Bettina Jarasch zu langsam. Wie die Menschen sprechen, wie sie denken. Ihre Eltern leben dort. Wenn sie zu Besuch kommt, genießt sie die Ruhe. Aber dann ist sie schnell wieder weg. „Das Berliner Tempo passt zu mir. Es ist anstrengend, aber ich mag das“, sagt sie.

An den Kommentaren zu ihrer Spitzenkandidatur hat Bettina Jarasch vor allem eine Idee geärgert. Dass nur jemand, der bereits Funktionen und Ämter hat, Macht haben könne. Das sei eine veraltete, patriarchale Vorstellung, sagt sie, ein Männerspiel. „Ich verstehe unter Führung, Leute für ein Ziel zu begeistern und mitzunehmen. Das ist eine Methode. So mache ich Politik. Ich kann Menschen dazu bringen, dass sie sich hinter einem Ziel versammeln und das gemeinsam umsetzen, und dann wird das auch getragen von diesen Menschen. Es ist ein veraltetes Bild, dass man jemand sein muss, der durch ein Amt bestimmen kann, und dann müssen alle spuren. Das ist keine Politik, die man im 21. Jahrhundert noch machen kann“, sagt sie. Sie findet die Vorstellung abwegig, die Grünen-Entscheidung als Beleg dafür zu sehen, dass Frauen keine Machtbündnisse schließen können. Genau das Gegenteil sei der Fall. Pop-Kapek-Jarasch, ein Trio für ein gemeinsames Ziel. Das sei ein Machtbündnis. Und zeitgemäß.