Somalia: Kinder stehen für Essen in einer Schlange.
Foto: dpa/Dai Kurokawa

BerlinEr sei Berufsoptimist, sagt Mathias Mogge am Telefon. Als solcher glaube er daran, dass das Ziel der Vereinten Nationen, den Hunger in der Welt bis zum Jahr 2030 zu besiegen, noch zu erreichen ist. Aber er sagt auch: „Die Zeit drängt. Wenn alle so weitermachen wie bisher, wird es nicht gelingen.“

Berliner Zeitung: Herr Mogge, was genau muss man sich vorstellen, wenn von Hunger die Rede ist?

Mathias Mogge: Wenn man über einen längeren Zeitraum zu wenige Kalorien zu sich nimmt, führt das zu einem Hungergefühl und in der Konsequenz zu einer Verringerung des Körpergewichtes und einer Schwächung des gesamten Körpers. Das kann so weit gehen, dass ein Mensch dann an einer leichten Infektion stirbt, etwa an Malaria. Im schlimmsten Fall ist der Körper so ausgezehrt, dass man auch allein daran sterben kann. Diese Unterversorgung mit Kalorien betrifft ca. 700 Millionen Menschen weltweit. Leider steigt die Zahl der Menschen, die hungern, seit 2015 wieder an. Außerdem gibt es den sogenannten „Hidden Hunger“ (versteckten Hunger): Wer wenig Geld hat, versucht, pro Mahlzeit möglichst viele Kalorien zu sich zu nehmen, etwa mit Reis oder Hirse, weil das satt macht. Dazu gibt es nur wenig Gemüse und Proteine aus tierischen Produkten, daraus folgt eine chronische Unterversorgung mit Vitaminen und Mineralstoffen. Gerade bei Kindern führt das zu einer sogenannten Wachstumsverzögerung. Die Kinder sind dann nicht nur zu klein für ihr Alter, sondern können ihr mentales Potenzial nicht richtig ausbilden. Das ist das eigentliche Drama.

Der Welthunger-Index 2020 zeigt, dass der Hunger in der Welt sukzessive abnimmt. Ist das nicht eine Nachricht, die Hoffnung macht?

Global gesehen ist der Hunger tatsächlich weniger geworden. Aber die Fortschritte sind zu langsam, und in vielen Regionen nimmt er sogar wieder zu. In 14 Ländern hat sich die Hungersituation in den letzten Jahren erheblich verschlechtert, etwa in Haiti, Madagaskar oder Venezuela. Bis vor wenigen Jahren ist das Land bei uns auf dem Index kaum in Erscheinung getreten – jetzt ist Venezuela eines der Hungerländer. Ähnlich sieht es in Syrien aus.

Welthungerhilfe/Barbara Frommann
Zur Person

Mathias Mogge wurde 1964 in Göttingen geboren. Nach seinem Studium arbeitete der Umweltwissenschaftler beim Deutschen Entwicklungsdienst als Entwicklungshelfer im Natural Resource Management Project in Kutum, Region Darfur/Sudan. Seit 1998 ist Mogge in verschiedenen Funktionen bei der Welthungerhilfe tätig, im September 2018 wurde er zum Generalsekretär der Organisation berufen.

Was sind die Gründe für diese Verschlechterung?

Fast alle Länder, die im aktuellen Welthunger-Index als ernst eingestuft sind, sind Länder, in denen es bewaffnete Konflikte gibt. Etwa im Jemen, in Syrien, im Südsudan oder im Kongo. Es sind zudem Länder, die stark vom Klimawandel betroffen sind. Auch die Heuschreckenschwärme, die jüngst große Teile Zentral- und Ostafrikas heimgesucht haben, sind eine Folge des Klimawandels. Das Gleiche gilt für die massiven Überflutungen.

Im Bericht zum aktuellen Welthunger-Index heißt es, um den Hunger erfolgreich zu bekämpfen, müsse die Situation der Frauen verbessert werden. Warum ist das so wichtig? 

Frauen haben eine enorm wichtige Rolle für die Entwicklung von Gesellschaften. Zunächst haben sie erfahrungsgemäß ein ganz besonderes Interesse daran, dass es ihren Kindern gut geht – dass diese gut ernährt sind und zur Schule gehen. Frauen leisten oft den größten Teil der landwirtschaftlichen Arbeit. Gleichzeitig sind Frauen in sehr vielen Ländern aber strukturell benachteiligt. Sie werden übergangen, wenn es um die Verteilung von Land geht, sie verdienen weniger, haben weniger Zugang zu finanziellen Ressourcen und so weiter. Ein anderer wichtiger Punkt ist natürlich, dass die Frauen die Kinder zur Welt bringen. Die Weichen dafür, mit welchen Startchancen ein Kind geboren wird, werden in der Schwangerschaft gestellt: Man geht davon aus, dass es ab dem Zeitpunkt der Empfängnis ein Zeitfenster von 1000 Tagen gibt, wo das Kind entweder gut ernährt wird oder nicht. Das wirkt sich auf das gesamte Leben aus. Deshalb ist es so wichtig, dass gerade die schwangeren Frauen gut versorgt sind. Kinder mit Mangelernährung können ihr mentales und physisches Potenzial nicht in die Gesellschaft einbringen. Davon kann abhängen, ob ganze Gesellschaften besser oder schlechter dastehen. Aus all diesen Gründen müssen Frauen auch besonders unterstützt und bei Förderprogrammen bevorzugt werden.