Abstand halten beim Protest, die jungen Menschen zeigten in Berlin, dass sie das können. 
Foto: Ostkreuz/Sebastian Wells

BerlinUm halb 12 Uhr steigt Quang Paasch die Treppen hinter der Bühne hoch und macht ein Foto. Der Platz vor dem Brandenburger Tor, die Straße des 17. Juni: überall Menschen. Nicht dicht gedrängt; mit Abstand. Er weiß noch nicht, wie viele es sind, aber das muss er gar nicht. Er sei auch so überwältigt, sagt er. Es sind genügend, um zu zeigen: Wir sind noch da. 21.000 ist die Zahl, die später kursiert, die Polizei wird von 10.000 sprechen. Quang Paasch muss weiter, jede Menge Leute wollen gerade etwas von ihm. Er ist „Fridays for Future“-Aktivist und auch einer der Sprecher der Bewegung, die an diesem Freitag zum ersten Mal seit Ausbruch der Corona-Pandemie wieder zum globalen Klimastreik aufgerufen hat.

Auch mit Fahrrädern machten sich die Jugendlichen auf den Weg, um ihre Botschaften mitzuteilen.
Foto: Ostkreuz/Sebastian Wells

Gefüllt hat sich der Platz vor dem Brandenburger Tor schon seit halb zehn. Als Erste platzieren die „Omas gegen Rechts“, treue „Fridays for Future“-Unterstützerinnen, ihre Campingstühle ordentlich über den weißen Punkten, die Helfer seit sechs Uhr morgens im Corona-konformen Abstand von 1,50 Meter markiert haben. Weil der Regen die Kreide wieder wegwusch, hatte jemand die Idee, kleine Mehlhaufen zu verteilen. Die vermischen sich mit dem Wasser zu Klümpchen, aber sie halten. Bald hört dann auch der – nach vielen Sonnentagen dringend benötigte - Regen auf. Als ob er sich entschieden hätte, nicht gerade die nass zu machen, die verhindern wollen, dass das Klima noch mehr durcheinandergerät. Der erste Redner um kurz vor 12 Uhr ist der Klimaforscher Stephan Rahmstorf, auch er sagt, dass er überwältigt sei, wie viele gekommen sind. „Lasst euch nicht entmutigen, wir brauchen euch!“, ruft er.

Die Welt retten und die Natur schützen – darum geht es der „Fridays for Future“-Bewegung.
Foto: Ostkreuz/Sebastian Wells

Am Dienstag saß Quang Paasch im Invalidenpark in Berlin-Mitte, auf der großen Wiese waren kleine Gruppen junger Menschen verteilt. Ein letztes Treffen der Berliner „Fridays for Future“-Aktivisten vor der Demonstration am Freitag. Es gibt einiges zu besprechen: Wie viele Ordner werden im Einsatz sein, wie sollen sie sich verteilen. Tatendrang liegt in der Luft, Freude darüber, dass es endlich wieder losgeht. Aber auch Spannung, weil niemand weiß, was das genau heißt.

Der Freitag wird ein wichtiger Tag werden für die Bewegung, so viel ist klar. Vielleicht sogar ein Gradmesser dafür, welchen Stellenwert die Klimakrise noch einnimmt in der Gesellschaft, mehr als ein halbes Jahr nachdem ein Virus plötzlich alle Aufmerksamkeit auf sich zog.

„Fridays for Future“ organisierte Demonstrationen im Internet

Auf der sonnenbeschienenen Bank sagt Quang Paasch, dass er nicht voraussagen könne, wie viele kommen werden. Sie haben getan, was sie konnten: haben in Schulen bekannt gemacht, dass wieder gestreikt wird, Plakate aufgehängt und in den sozialen Netzwerken täglich das Streikdatum gepostet. Ein Video zeigte die Aktivisten als Zombies, die aus Gräbern kriechen und auf den Reichstag zuwanken: ein Gruß an alle, die die Bewegung schon totgesagt hatten. An 400 Orten in Deutschland sind Klima-Demonstrationen geplant, an 2500 Orten auf der ganzen Welt. Die Planung hatte vor Wochen begonnen, Terminvorschläge wurden um die Welt geschickt, Pro-und-contra-Listen für einzelne Daten folgten.

Dass die komplexen basisdemokratischen Abstimmungsprozesse, mit denen in der „Fridays for Future“-Bewegung Entscheidungen getroffen werden, am Ende Ergebnisse hervorbringen, begeistert Quang Paasch selbst immer wieder. Am Ende war klar: Am 25. September würden auf der ganzen Welt wieder Schüler und junge Erwachsene auf die Straße gehen, um eine Klimapolitik einzufordern, mit der die Erderwärmung noch auf 1,5 Grad Celsius begrenzt werden kann. Ziemlich genau ein Jahr nach dem letzten globalen Klimastreik. Am 20. September 2019 demonstrierten allein in Deutschland 1,4 Millionen Menschen. Es war ein zwiespältiger Tag für die deutschen „Fridays for Future“-Aktivisten: Sie hatten so viele Menschen mobilisiert wie noch nie. Und gleichzeitig zu spüren bekommen, dass das nicht bedeutet, von der Politik gehört zu werden. Das Klimapaket, das die Bundesregierung am selben Tag verabschiedete, war weit von den Forderungen der Demonstranten und der Wissenschaft entfernt. Drei Tage später schleuderte Greta Thunberg den Staatschefs beim UN-Klimagipfel in New York ihr „How dare you“ entgegen.

Quang Paasch sagt, ein Innehalten habe es schon Ende vergangenen Jahres gegeben: „Wir haben uns zusammengesetzt und überlegt: Was haben wir erreicht, wo stehen wir?“ Sie hatten das Thema Klimaschutz in die Gesellschaft getragen, Türen zur Macht hatten sich geöffnet, Politiker luden sie ein. Ihre Forderungen wurden gehört. Umgesetzt wurden sie nicht. Es hatte Kritik gegeben, dass sich in der Bewegung vor allem privilegierte Mittelschichts-Kinder träfen. Sie nahmen das ernst. Sie wollten mit neuer Kraft weitermachen, nach der Pause, die der Winter ohnehin brachte. Wie lange die Pause sein würde, ahnten sie nicht.

Seit der ersten Demonstration in Berlin dabei: Aktivist Quang Paasch.
Ostkreuz/Sebastian Wells

Mit dem Virus wurden die Bilder von Kindern und Jugendlichen, die dicht an dicht in den Städten demonstrierten und in Sprechchören einen entschiedenen Kampf gegen die Klimakrise verlangten, zu Erinnerungen an eine andere Zeit. Fridays for Future organisierte Demonstrationen im Internet, in Berlin legten sie Tausende Protestplakate vor den Reichstag. Als im Juni entschieden wurde, dass die letzten deutschen Kohlekraftwerke erst 2038 vom Netz gehen, bauten sie im Invalidenpark ein Klassenzimmer für Wirtschaftsminister Peter Altmaier auf, zum Nachsitzen. Sie gaben sich Mühe, es war nicht das Gleiche. „Uns ist unsere wichtigste Ausdrucksform weggebrochen“, sagt Quang Paasch.

Zudem hatte die Welt jetzt andere, scheinbar drängendere Sorgen. Ein Virus, das weltweit tötete und die Wirtschaft lahmlegte. Es wurde still um Fridays for Future, und aus dem, was zu hören war, sprach Resignation. Im Juli schrieben vier Klimaaktivistinnen, darunter Greta Thunberg und Luisa Neubauer, in einem offenen Brief an die Europäische Union: Angesichts des entschlossenen Umgangs mit der Corona-Krise sehe man erst recht, dass jene Krise, bei der es um die Bewahrung unserer Lebensgrundlagen geht, nie wie eine behandelt wurde.

Auch Quang Paasch sagt im Invalidenpark, dass er zuerst wütend war, als er sah, dass in der Pandemie plötzlich passierte, was sie in jeder Freitags-Demonstration gefordert hatten: Die Politik ließ sich von Wissenschaftlern die Lage erklären und handelte danach. Dass er jetzt aber findet, „wir können nicht die negative Fahne schwenken“. Quang Paasch, 19 Jahre alt, spricht mit Bedacht und verwendet Worte wie „Aufmerksamkeitsökonomie“ und „Handlungswille“. Er ist in Berlin-Pankow aufgewachsen, studiert Politikwissenschaft und engagiert sich seit Dezember 2018 bei Fridays for Future. Vier Monate zuvor hatte sich ein 15-jähriges Mädchen namens Greta Thunberg in Stockholm zum ersten Mal vor das Parlament gesetzt, neben sich ein Plakat, auf dem „Schulstreik fürs Klima“ stand. In den sozialen Medien verkündete sie, dass sie so lange freitags streiken werde, bis die schwedische Regierung ihre Klimapolitik ändere, Hashtag „Fridays for Future“.

Der Klimawandel sei für ihn bis dahin kein Thema gewesen, sagt Quang Paasch. Aber nun war da dieses Mädchen, dem man anmerkte: „Die meint es ernst.“ Er verbrachte Stunden vor dem Computer, informierte sich über die Erderwärmung. Als an einem Freitag im Dezember 2018 in einigen deutschen Städten zum ersten Mal Schüler den Unterricht schwänzten, um zu demonstrieren, war er dabei. „Ich habe geglaubt, wir demonstrieren zwei, drei Monate, dann ist das Klima gerettet“, sagt er. „Das war natürlich naiv.“

Quang Paasch: „Radikaler müsste man werden, wenn es keine Hoffnung gäbe.“

Und jetzt? Müssen sie was ändern? Radikaler werden, andere Protestformen finden? Quang Paasch überlegt und sagt dann, dass der freitägliche Streik „Fridays for Future“ ausmache. „Radikaler müsste man werden, wenn es keine Hoffnung gäbe. Aber die gibt es ja.“ Die Gesellschaft stehe in großen Teilen hinter ihren Forderungen, die Wissenschaft sowieso. Nur die, die etwas ändern können, Politik und Wirtschaft, sind zu langsam. Man kann Quang Paasch vielleicht als Realpolitiker unter den Aktivisten bezeichnen. Andere sind ungeduldiger, erste Mitstreiter wollen selbst in die Politik gehen.

Die Philosophin Eva von Redecker fände ein Gespräch mit Quang Paasch wahrscheinlich interessant, nicht nur, weil er verkörpert, was sie für Teile seiner Generation feststellt: dass die „Klimafrage als Eingangstor der Politisierung“ dient. So steht es in ihrem Buch „Revolution für das Leben“, das soeben erschienen ist, ein augenöffnender Blick auf aktuelle Proteste und eine ebensolche Vision einer gerechteren und nicht mehr von Umweltzerstörung bedrohten Welt. Die 38-Jährige, die an der Humboldt-Universität und in Cambridge geforscht und gelehrt hat, macht einen neuen Protest-Typus aus, den eint, dass seine Aktivisten für das Leben an sich kämpfen, das bedroht ist – und davon ausgehend dann auch für ein besseres, gerechteres, solidarisches Miteinander. Dieses Motiv findet sie in dem „March for our lives“, den Schüler nach dem Amoklauf in einer Schule in Parkland/Florida organisierten, bei Black Lives Matter und bei den Klimaaktivisten von Fridays for Future, deren spezielle Protestform sie als „Katastrophenvergegenwärtigung“ beschreibt. Weil sie Handeln erzwingen wollen, indem sie ausmalen, wie schlimm es werden wird.

Aktivisten der Extinction Rebellion bei der Demonstration.
Foto: Ostkreuz/Sebastian Wells

Beim Treffen in einem Café an der Kreuzberger Oranienstraße sagt Eva von Redecker, dass sie selbst gespannt ist, wie sich Fridays for Future entwickeln wird. „In deren Rhetorik steckte immer ein Appell an die Vernunft der Autoritäten, der Elternfiguren, denen man doch nur klarmachen muss, wie groß das Problem ist, dann werden sie handeln.“ Der gänzlich unzynische Aktivismus habe sie beeindruckt, und er sei auch wichtig gewesen – es schwingt mit, dass sie dessen Ende gekommen sieht. Weil nun ein „bitterer Erfahrungsgewinn“ dazugekommen sei: Das Vertrauen in jene Autoritäten wurde enttäuscht. Bei Greta Thunberg sieht sie diese veränderte Haltung, wenn sie etwa sagt: „We are the change“, „Wir sind die Veränderung“. Von Redecker hat dafür die schöne Formulierung: „Da ändert sich die Trägerschaft des Wandels.“

Wenn die Klimaaktivisten die älteren Generationen also erst einmal abgeschrieben haben – werden sie von den schulschwänzenden Kindern zu Revolutionären, steht doch eine Radikalisierung bevor? „Radikalisierung ist vielleicht ein falsches Wort“, sagt Eva von Redecker. „Ich glaube, die Entschlossenheit wird steigen.“ Eine ernüchterte Emanzipation also von den Älteren, was nicht heißen muss, dass man unauflöslich auf verschiedenen Seiten steht: „Vielleicht inspiriert der Ernst, den sie rantragen, und man kämpft dann gemeinsam mit den Eltern, die ja auch nicht weiterwissen.“

Eva von Redecker verhehlt nicht, dass sie es gut fände, wenn die jungen Klimaaktivisten zur gleichen Überzeugung gelangten wie sie, die gewissermaßen ältere Schwester, die ihre Erkenntnis in ihrem Buch auf hohem diskursivem Niveau darlegt: dass die gerechte, solidarische, die Natur bewahrende Gesellschaft, von der sie selbst auch träumt, nur aus einem Systemwandel entstehen kann. Einem, der Profit und Besitz durch Teilhabe ersetzt. Ein „Wandel auf ganzer Linie – vielleicht macht diese Generation ihn vor“, sagt sie.

„Wir sind da, aber so was von“, sagt Luisa Neubauer

Es ist am Freitag jedenfalls zu spüren, dass sich der Blick weitet, auf die Zusammenhänge, die die Welt zu dem machen, was sie ist. Ein „Black Lives Matter“-Aktivist spricht. Zwei junge Frauen von „Fridays vor Future“ halten eine Rede zu Rassismus, Kolonialismus und darüber, dass der wohlhabende globale Norden verantwortlich ist für die Klimakrise. Luisa Neubauer, so etwas wie der Star unter den deutschen „Fridays for Future“-Aktivisten, kündigt an, dass auf die Bewegung zu zählen sein wird: „Wir sind da, aber so was von“, sagt sie.

Klimaaktivistin Luisa Neubauer redet bei der Demonstration von Fridays for Future.
Foto/ Ostkreuz/Sebastian Wells

Der Regen geht nicht wieder los, es bleibt nur grau und kühl, ein weiterer zu heißer und trockener Sommer ist zu Ende. Die Welt hat sich wieder in Gang gesetzt und gemerkt, dass die Klimakrise während der Pandemie keine Pause gemacht hat. Die Nachrichten übertreffen teils die Prognosen der Klimaforscher: Das arktische Eis schmilzt noch schneller als gedacht, 38 Grad in Sibirien, die amerikanische Westküste brennt. In New York wurde gerade eine Uhr aufgestellt, die einen Countdown von sieben Jahren zeigt, als der Zeit, die noch bleibt, um der Klimakrise Einhalt zu gebieten. Auf der Bühne am Brandenburger Tor in Berlin singt die Band AnnenMayKantereit: „Phrasen, Versprechen, Parolen, so laut, so leer. Phrasen, Versprechen, Parolen, ich will mehr, mehr, mehr.“