Berlin - Als der Schweizer Torhüter Jan Sommer den letzten Elfmeter gehalten hatte und mit aufgerissenen Augen zu den Fans lief, war das einer der grandiosen Momente, die nur der Sport – und vor allem der Fußball – liefern kann. Gänsehaut pur. Wer hat sich nicht danach gesehnt, endlich wieder Freude, Begeisterung und Ekstase im Fernsehen zu sehen? Dazu die Gemeinschaft mit den jubelnden Zuschauern. Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt, wusste schon Schiller. Mehr Mensch als in diesen Momenten geht nicht.

Doch nach dem Rausch der Bilder ist vor den nächsten Horror-Nachrichten in Sachen Corona. Ein Jahr lang haben die Menschen das Abstandhalten geübt, sich vorsichtig verhalten, Hygieneregeln eingehalten, um die Verbreitung des Virus nicht zu befördern. Das war ein anstrengender Prozess, und er ist noch nicht vorbei. In deutschen Parks wurden Jugendliche von der Polizei bedrängt, als sie die Corona-Maßnahmen nicht einhielten, dicht an dicht tanzten. Diese Bilder gab es am Tag zuvor in einer Halbzeitpause in den Nachrichten zu sehen. 

Das passt alles nicht zusammen, auch weil im Fernsehen die meisten Kommentatoren nur in ihrer Fußball-Blase unterwegs sind, die gesellschaftliche Vorbildfunktion des Sports in Sachen Corona außer Acht lassen. Auch von den Spielern, die bei diesem Turnier durchaus politisch engagiert auftreten, ist in diesem Zusammenhang wenig bis gar nichts zu hören. So beschleicht einen der Eindruck, dass dieses Turnier auch die EM der Corona-Leugner ist, die Masken und Abstände ablehnen. Die Europäische Fußball-Union als Veranstalter hat das sicherlich nicht im Sinn, aber sie tut nichts dagegen, um diesen Eindruck zu widerlegen.

Was noch dazu kommt: Als die Europameisterschaft geplant wurde, war sie als Symbol eines mobilen und grenzenlosen Europas gedacht. Die Funktionäre wollten ihr Konzept mit Spielorten in vielen Ländern auch nicht ändern, als Reisebeschränkungen von den Regierungen eingeführt wurden. Dem Image dieser Sportart wird diese Ignoranz, dieser Irrsinn mit Ansage, auf Dauer nur schaden, auch weil eine weitere Spaltung der Gesellschaft entsteht. So emotional die Bilder der jubelnden Menschen auch sind: Zu viele Fernsehzuschauer haben gesundheitlich oder wirtschaftlich stark unter der Corona-Zeit gelitten oder leiden noch immer, sodass sie kein Verständnis haben für die laschen Sicherheitsmaßnahmen in den Stadien und sich fürchten vor der nächsten Welle.

Viele Eltern werden sich überlegen, ob sie ihre Kinder in Fußballvereine schicken, wenn den Funktionären gesellschaftliche Standards offensichtlich gleichgültig sind.

Die Bedenken, dass das Turnier nicht nur ein schlechtes Vorbild ist, sondern auch zum Superspreader in Europa werden könnte, lassen sich durch Zahlen belegen. Infektionen von dänischen und finnischen Fans sind bekannt, auch die Zahl der infizierten Nationalspieler steigt. Zur Erinnerung: Im Februar 2020 hat eine Champions-League-Partie von Atalanta Bergamo in der Stadt und in den angrenzenden Tälern zu Tausenden Sars-CoV-2-Infizierten geführt.

In der kommenden Woche sollen die letzten drei Spiele in London stattfinden, die Uefa hat gefordert, dass mehr Zuschauer zugelassen werden, als ursprünglich geplant waren. Trotz der gefährlichen Delta-Variante. Auch bei den nächsten Begegnungen wird die Angst vor der nächsten Welle der Epidemie mitspielen.