Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU, rechts) und Prof. Dr. Lothar H. Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts-.
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Berlin - Die Lage ist angespannt. Am Donnerstagnachmittag wurde in ganz Berlin - nicht wie zuvor nur einigen Bezirken - der Schwellenwert von 50 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen überschritten.  Jetzt ist ganz Berlin ein Risikogebiet. Ebenso wie Frankfurt am Main. Mit Blick auf die kalten Jahreszeiten hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zuvor an die Bürger appelliert, sich an die bestehenden Corona-Regeln zu halten. Die aktuellen Zahlen von 4000 Neuinfektionen an einem einzigen Tag seien „besorgniserregend“. Das sind 1200 Neuinfektionen mehr innerhalb von 24 Stunden als am Vortag. Besonders jüngere Leute infizierten sich, „weil sie Party machen, reisen wollen, sich für unverletzlich halten. Das sind sie aber nicht“, sagte Spahn.

Im Gegensatz zu anderen Ländern hat Deutschland die Krise bisher gut gemeistert. „Deutschland ist ein Fels in der Brandung der Pandemie“, sagte Spahn. Er warnte allerdings davor, „die Kontrolle zu verlieren“. Wann dieser Punkt erreicht sein würde, wollte der Minister nicht definieren. Mit Wachsamkeit und Achtsamkeit könne man aber dazu beitragen, dass dieser Punkt gar nicht erst erreicht werde.

Angst vor dem Kontrollverlust

Die Gründe dafür, dass Deutschland die Pandemie bisher besser im Griff hat als beispielsweise Frankreich und Italien, sind nach Meinung des Präsidenten des Robert-Koch-Instituts (RKI) Lothar Wieler vielschichtig. So seien im Frühjahr einerseits die Hinweise, bei Symptomen nicht ins Krankenhaus zu gehen, sondern einen Arzt anzurufen und zu Hause zu bleiben, ein entscheidender Faktor gewesen. Zudem nannte Wieler die Familienstruktur als pandemiehemmenden Faktor. Die Menschen lebten vereinzelter als beispielsweise in Italien.

Dennoch zeigte sich Wieler durch die aktuellen Zahlen sehr beunruhigt. Bei weiterer Ausbreitung seien in den kommenden Wochen Neuinfektionen im fünfstelligen Bereich in 24 Stunden möglich. Um die Zahlen weitgehend niedrig zu halten, rät der RKI-Chef dazu, die „drei Gs“ in der kommenden Zeit zu vermeiden: „geschlossene Räume, Gedränge und lebhafte Gespräche“. Die Corona-Warn-App haben nach Angaben Wielers bereits 19 Millionen Menschen heruntergeladen. 15 Millionen nutzen diese aktiv.

Bundesweit werden aktuell 470 Menschen wegen Covid-19 intensivmedizinisch behandelt, über 8000 Intensivbetten stehen nach Angaben der kassenärztlichen Vereinigung noch in der Reserve. Das entspricht dem Umfang der Intensivbetten von Italien und Spanien zusammen. Die Grenzen des Gesundheitssystems wurden bisher nicht berührt. Wöchentlich werden mittlerweile 1,2 Millionen Corona-Tests durchgeführt. Im Frühjahr waren es nur 300.000 bis 400.000 pro Woche. Circa 1,5 Prozent davon sind positiv. Doch die Experten raten dazu, nicht nur die Infektionszahlen zum Maßstab zu nehmen. Ab kommender Woche sollen auch Schnelltests eingeführt werden. Die Bundesregierung hat sich dem Bundesgesundheitsminister zufolge durch Beteiligungen an Verträgen Schnelltests im Umfang von neun Millionen Stück pro Monat gesichert. Diese sollen vor allem in Pflegeeinrichtungen eingesetzt werden.

Neben Abstand, Alltagsmasken und dem Händewaschen zählt auch Lüften zu den Präventionsmaßnahmen. Dessen Bedeutung stellte Martin Kriegel, Professor für Energietechnik, heraus. Je mehr saubere Luft sich mit der potenziell virengeladenen Luft vermenge, desto geringer werde das Risiko, sich anzustecken. Auf null könne die Gefahr jedoch auch durch Lüften nicht reduziert werden.

Private Feiern als Spreader-Veranstaltungen

Gesundheitsminister Spahn betonte, dass es nicht zu wenige Regeln gebe. Das Problem sei die Ignoranz der Leute. Die Pandemie sei ein „Charaktertest für die Gesellschaft“. Die Ausbrüche erfolgten nicht „beim Einkaufen oder beim Friseur“, sondern auf geselligen Zusammenkünften im privaten Bereich, wo vor allem nach Bier- und Weinkonsum keine Regeln mehr eingehalten würden. Einen „zweiten Lockdown“ will Spahn deshalb nicht in Betracht ziehen. Eher sollten sich die Leute fragen, ob beispielsweise eine Hochzeit mit Hunderten Gästen sein müsse.

Undurchsichtigen Reiseregeln will der Minister bald ein Ende setzen, um die Akzeptanz in der Bevölkerung nicht weiter zu schmälern. „Ich finde es erstrebenswert, einen möglichst einheitlichen Rahmen zu erreichen“, sagte Spahn zu den kaum mehr überblickbaren Reisebeschränkungen innerhalb Deutschlands.

Einem am Mittwoch beschlossenen Kompromiss der Länder, Menschen aus Risikogebieten nicht mehr zu beherbergen, schließen sich nicht alle an. Der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) beispielsweise hat sich klar dagegen ausgesprochen. In mehrere Bundesländer dürfen Menschen aus innerdeutschen Risikogebieten nur mit einem maximal 48 Stunden alten negativen Corona-Test reisen.