Katja Kipping, Vorsitzende der Linken.
Foto: Future Imago/M. Wehnert

BerlinKatja Kipping, Parteivorsitzende der Linken, fordert, Luftfilteranlagen in Schulen und Restaurants zu installieren, um neue Corona-Infektionen und einen zweiten Lockdown zu verhindern. „Schulen, Büros und Gastronomiebetriebe müssen vor dem Winter Luftfilter zur Verfügung haben, die Aerosole mit Corona-Viren sicher aus der Luft filtern können“, sagte Kipping dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Finanziert werden sollen die Filter über ein Leasingprogramm des Staates. Auch Grünen-Chefin Annalena Baerbock fordert Filteranlagen in Schulen. Gewerkschaftsvertreter begrüßen den Vorschlag der Politikerinnen, bezweifeln jedoch die Umsetzbarkeit.

„Es scheint mir ein gut gemeinter Vorschlag zu sein, mehr aber nicht“, sagt Ilka Hoffmann, Schulexpertin der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) der Berliner Zeitung. Denn häufig scheitere die Corona-Bekämpfung in den Schulen bereits an ganz einfachen Dingen. So gebe es vielerorts nicht genügend Reinigungskräfte, um Oberflächen oder PC-Tatstaturen regelmäßig zu desinfizieren. „Aus einigen Gebieten, gerade auch aus Berlin, hören wir, dass Bezirke kein Geld haben, um zum Beispiel ordentliche Fenster einzubauen.“ Schulen scheiterten daher schon am Lüften. „Wir reden jetzt über Filter und Maskenpflicht, dabei sind nicht einmal die hygienischen Basics gegeben.“

Kippings Idee scheitere am Bildungsföderalismus

Ursache dafür sei der Sanierungsstau an deutschen Schulen, der im Vorfeld der Schulöffnungen ignoriert worden sei. „Wir haben geteilte Zuständigkeiten. Für Schulgesetze, Bildungspläne und die Lehrkräfte ist das Land zuständig, und für das Gebäude die Kommune.“ Wenn nun das Land Hygienemaßnahmen beschließe, übertrage es die Verantwortung, diese auch umzusetzen, an die Kommune als Schulträger. „Das schwächste Glied ist dann die Schulleitung, die die Quadratur des Kreises vornehmen muss, nämlich Hygiene einzuhalten in einem Gebäude, in dem ein erheblicher Sanierungsstau herrscht.“

Kipping bezeichnet Zustände wie von Hoffmann benannte als „unverantwortlich“. Sie warnt davor, unvorbereitet dazustehen und pocht dringend auf Lösungen für den Winter. Doch selbst wenn die von ihr vorgeschlagen Filter beschlossen werden sollten, sieht Hoffmann Probleme bei der Umsetzung. „Dass man in Deutschland sagt, das ist gut, so machen wir das und morgen haben das alle Schulen, widerspricht der Erfahrung. Das ist eine Vorstellung, die im Reich der Märchen angesiedelt ist.“ Die Umsetzung des Digitalpakts zeige, wie weit man von der Gleichzeitigkeit der Lebensverhältnisse entfernt sei. Während einige Schulen digital bereits sehr gut aufgestellt seien, hätten andere noch nicht einmal die nötigen Anträge für die Anschaffung von technischem Equipment gestellt. „Wir haben bei Politikern eine Flut guter Ideen und Absichten, aber oft nicht den Realitätssinn, wie Abläufe in diesem zersplitterten System verschiedener Zuständigkeiten sind.“

Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) zeigt sich zwar ebenfalls aufgeschlossen und fordert „alles zu tun, was dem Schutz der Beschäftigten dient und verhindert, dass gastronomische Betriebe zu Hotspots der Corona-Pandemie werden“, wie Jonas Bohl, ein Sprecher der NGG, der Berliner Zeitung sagt. Allerdings ist die Gewerkschaft skeptisch, was die Umsetzung betrifft. Die Betriebe selbst könnten keine zusätzlichen Kosten stemmen. „Allein im Gastgewerbe sind Stand Juli noch 460.000 Menschen in Kurzarbeit. Die Situation ist weiterhin dramatisch. Weitere Kosten in dieser Branche zu verursachen, meinetwegen auch gedeckelt oder unterstützt durch Kredite, scheint mir sehr schwierig umsetzbar.“ Darüber hinaus sieht Bohl die Gefahr, dass entsprechende Virus-Filter Menschen dazu verleiten könnten, die Maskenpflicht zu ignorieren. „Die Verwendung von Luftfiltern ändert natürlich nichts daran, dass da, wo Abstände nicht eingehalten werden können, Masken zu empfehlen sind“, sagt Kipping.

Bundeswehruniversität München empfiehlt den Einsatz von Filtern

Dass Raumluftfilter, wie von Kipping gefordert, die Infektionsgefahr durch Aerosole in geschlossen Räumen stark verringern, zeigt unter anderem eine Untersuchung der Bundeswehruniversität München. Die Wissenschaftler schreiben, dass das Lüften oft nicht effizient sei. Spätestens im Winter sei es nicht mehr möglich, häufig zu lüften, ohne die Gesundheit von Menschen zu gefährden oder Energie zu verschwenden. Ihre Untersuchung zeige, dass bestimmte Raumluftreiniger mit hochwertigen Filtern in der Lage sind, die Viruslast in der Luft binnen weniger Minuten zu halbieren. Sie empfehlen daher ausdrücklich deren Einsatz, unter anderem in Schulen, Wartezimmern oder Büros, um die indirekte Infektionsgefahr durch Aerosole zu verringern.