Die ehemalige Vorsitzende der Grünen, Claudia Roth, ist zufrieden mit dem Parteitag in Bielefeld.
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Berlin Frau Roth, was ist das Ergebnis dieses Parteitages? Und wie erklären Sie sich die Harmonie, die es bei allen Gegensätzen gab?

Wir haben uns mit unglaublicher Geschlossenheit sowie mit unfassbarer Kompetenz, Energie und Leidenschaft den großen Herausforderungen gestellt. Man konnte spüren, welche Verantwortung auf uns lastet angesichts einer Politik, die ignoriert, verleugnet und die Zukunft verzockt – und dass wir dieser Politik etwas entgegensetzen müssen. Wir ignorieren nicht die Schwierigkeiten. Wir stellen uns der Radikalität des Realen und versuchen zu beschreiben, wie Schritte aussehen könnten.

Was nehmen Sie sonst noch mit?

Obwohl es gar nicht als Haupttagesordnungspunkt drauf stand, war die Frage der Demokratie zentral. Es gab kaum eine Rede, die nicht darauf abhob, dass es um die Verteidigung unserer Demokratie geht. Auch die Klimapolitik ist nicht nur eine soziale Frage, sondern auch eine der Demokratie. Und schließlich war das ein Parteitag von starken Frauen. Es gab unglaublich tolle Beiträge von Frauen, die diesen Parteitag gerockt haben. Unsere Männer können ganz schön froh sein, dass sie in so einer Partei sind.

Hat der Parteitag die Möglichkeit der Kanzlerkandidatur auch für Annalena Baerbock offengehalten? Sie hat nach Ihnen das beste Ergebnis in der Geschichte der Grünen bekommen.

Der Parteitag hat vor allem gut daran getan, sich nicht auf diese merkwürdigen, interessengeleiteten Debatten einzulassen – also Personaldebatten und Farbspielchen. Wir haben so viel darüber zu diskutieren, wie wir der Klimakrise und der sozialen Spaltung in unserem Land etwas entgegensetzen können und wie Klimagerechtigkeit in der einen Welt aussehen kann, dass diese Fragen nicht im Zentrum standen. Da gab es eine große Geschlossenheit. Es ist aber klar, dass die grünen Frauen in der ersten Liga spielen.

Wie sollte die Frage der Kanzlerkandidatur denn geklärt werden?

Die Frage wird in großer Geschlossenheit dann geklärt, wenn sie ansteht. Jetzt steht etwas anderes an.

Es ist in Bielefeld auch ein klarer Wille zur Macht deutlich geworden, oder?

Ja, aber nicht um der Macht willen oder weil regieren so unglaublich toll wäre, sondern weil wir keine Zeit verlieren dürfen. Wir brauchen Macht, um mit Macht etwas zu verändern.

Sind die Grünen reifer geworden?

Wir sind stärker geworden. Wir sind jünger geworden und jung geblieben. Und wir sind weiblicher geworden. Wir wissen aber alle, dass wir noch nie so viel Verantwortung hatten in den vergangenen 40 Jahren wie heute.