Es gibt ja unendlich viel über Hans-Christian Ströbele zu sagen, aber ein Satz bewies sich am Abend seines Abschieds aus der Bundespolitik aufs Neue: Er ist noch immer ein Ur-Grüner, wie er im Buche steht. Immer gewesen, immer geblieben.

Dass er zur Bundestagswahl im nächsten Jahr nicht erneut antritt, erklärte er nämlich zuallererst, wie es sich bei den Grünen gehört, der Basis: Bevor Ströbele seine Entscheidung über den Kurznachrichtendienst Twitter der Welt mitteilte – da ist der Grüne schon seit Jahren so modern wie erst heute Donald Trump, der in diesem Punkt ja auch eine Art Sponti ist – verkündete er sie der grünen Bezirksgruppe Friedrichshain-Kreuzberg.

Dort gab es viel Applaus, Standing Ovations, generationsübergreifend traurig dreinschauende Mitglieder und immer wieder ausdrücklich bekundeten Respekt. Natürlich für sein Lebenswerk, aber auch dafür, dass der 77-Jährige versprach, bis zum Ende der Legislatur im nächsten Herbst im Bundestag weiter alles zu geben, ebenso im nächsten Wahlkampf und auch danach noch „aktives Basismitglied“ zu bleiben.

Liebling der Basis

Alles andere hätte auch überrascht bei einem, der seinen jahrzehntelangen Weg durch die Politik nie wie eine Karriere wirken ließ, sondern wie einen unermüdlichen Einsatz für seine von der 68er-Revolte geprägten Ideale – oft genug auch gegen die eigene Parteiführung, vor allem während der Jahre der grünen Regierungsbeteiligung nach 1998.

Die Basis liebte das immer, vor allem eben in Kreuzberg, wo er vor nun schon 14 Jahren das bis heute einzige Direktmandat für die Grünen gewann und viermal verteidigte. Seine Wahlkämpfe voller grüner und 68er Folklore waren schnell Kult.

Superlative und Pioniertaten hat die Biografie des Juristen und Aktivisten noch viele zu bieten, die Mitgründung der Grünen, als sie in West-Berlin noch „Alternative Liste“ hießen, der linken „tageszeitung“, aber auch der ersten rot-grünen Koalition in Berlin sind da nur einige.

Anwalt der RAF-Terroristen

Auch umstritten ist er bis heute geblieben, spätestens seit er in den 70er-Jahren als Anwalt die RAF-Terroristen verteidigte; sein letzter Coup, der viele Konservative aufregte, war 2013 sein überraschender Besuch samt Verbrüderung mit dem flüchtigen NSA-Aussteiger Edward Snowden. An dem Thema bleibt er bis heute dran wie kaum ein zweiter.

Obwohl Ströbele – der trotz seines fortwährenden Einsatzes für die Freigabe des Hanfs längst als echter Asket lebt – schon vor dem 2013er Wahlkampf von einer Krebserkrankung geschwächt war, hatte ihn seine Partei gerade noch zu einer erneuten Kandidatur bewegen wollen.

Man nutzte dafür auch das Argument, dass nur so ein Alterspräsident Alexander Gauland zu verhindern sei. Ohne Ströbele, so die linke Horrorvision, werde dem derzeit 75-jährigen AfD-Bundesvize die Ehre zuteil, die allererste Bundestagssitzung 2017 zu eröffnen – sofern der zur mutmaßlichen Fraktion der Rechtspopulisten zählen wird und nicht die FDP mit Hermann-Otto Solms, derzeit 76 Jahre alt, einzieht. Doch Ströbele mag diesen Kampf nicht mehr aufnehmen.

Wer seinen aussichtsreichen Berliner Wahlkreis nun beerben darf, ist bislang offen. „Wir werden im März eine Kandidatin oder einen Kandidaten aufstellen“, sagte der neue Berliner Landesvorsitzende der Grünen, Werner Graf, am Dienstagabend. Er würdigte Ströbeles politisches Lebenswerk: „Die ganze Republik hat ihm viel zu verdanken“, so Graf. „Hans-Christian Ströbele hat Deutschland vielfältiger, bunter und gerechter gemacht.“ (mit fred.)