Ein halbes Leben für die Grünen: Hans-Christian Ströbele spricht 1986 bei der Bundesdelegiertenkonferenz Nürnberg.
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BerlinHans-Christian Ströbele kommt diesmal mit Rollator an die Tür seines Büros in Berlin-Moabit. Und wenn man den 80-Jährigen fragt, wie es ihm geht, dann antwortet er unumwunden: „Schlecht.“ Die Nervenkrankheit, unter der der langjährige grüne Bundestagsabgeordnete seit einigen Jahren leidet und die seine Muskeln schwinden lässt, schreitet voran. Arme und Beine werden schwächer, was die Bewegungsfreiheit einschränkt. Das geliebte Fahrrad lässt Ströbele schon seit zwei Jahren stehen. Und wenn er vor die Tür geht, dann nur noch mit Begleitpersonen – wegen der Sturzgefahr. Als wir auf den Rollator blicken, sagt Ströbele: „Das ist mein Porsche.“

Noch längst nicht abgemeldet

Das alles bedeutet nicht, dass der gelernte Rechtsanwalt abgemeldet wäre, ganz und gar nicht. Unaufhörlich brummt während unseres zweistündigen Gesprächs das Smartphone, das auf dem Schreibtisch liegt. Die 282 000 Follower bei Twitter wollen unterhalten werden. ARD und ZDF haben sich angemeldet. Und am Freitag wird ein Taxi vorfahren und Ströbele nach Weißensee bringen – ins Motorwerk Berlin.

Am Freitagabend feiern die Grünen dort ihre 40-jährige Existenz im Westen und ihre 30-jährige Existenz im Osten. Neben Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, als Kanzleramtschef eine der tragenden Säulen der rot-grünen Koalition unter Kanzler Gerhard Schröder, und dem ehemaligen Außenminister Joschka Fischer ist Ströbele einer der Stargäste.

Er hat die Windungen und Wendungen der Grünen miterlebt – und vielfach mit zu verantworten. So holte Ströbele in seinen späten Jahren in Friedrichshain-Kreuzberg dreimal das Direktmandat für den Bundestag. Im Juni 1990 wurde er zum Bundessprecher der Partei gewählt, also einem der drei gleichberechtigten Vorsitzenden. In diese Zeit fällt freilich auch Ströbeles größte Niederlage: der verpasste Wiedereinzug der West-Grünen in den Bundestag. Allein die Ost-Grünen schafften es damals, da Ost- und Westdeutschland als getrennte Wahlgebiete gezählt wurden.

Bestandsaufnahme und Zukunft

Wer mit Ströbele heute über die Grünen spricht, hört eine gleichermaßen entschiedene wie zwiespältige Bilanz. „Mit ihren Forderungen zum Umweltschutz sind die Grünen ein Erfolgsprojekt“, sagt er. Wer sich ökologisch engagiert habe, sei seinerzeit „nur belächelt und verhöhnt“ worden. Man habe verächtlich von „Müsli-Fressern“ gesprochen.

Heute seien die Umwelt- und die Klimafrage in der ganzen Gesellschaft angekommen. Im gesellschaftspolitischen Bereich, sagt Ströbele, sei das, was die Grünen einst gefordert hätten, inzwischen weitgehend Realität. „Als ich studiert habe, war der uneheliche Vater eines Kindes mit dem Kind offiziell nicht verwandt. Der hatte nur die Aufgabe, Geld zu zahlen. Heute hat er dieselben Rechte wie die Mutter. Von den Fortschritten bei der Akzeptanz homosexueller Gemeinschaften brauchen wir gar nicht zu reden.“

Das von 1998 bis 2005 amtierende rot-grüne Bündnis habe da viel bewegt. Allerdings gehört in jene Periode auch das Ja zu den Kriegen im Kosovo 1999 und in Afghanistan ab 2001. Beide Kriege haben die Grünen unter Schmerzen mitgetragen – so wie die Agenda 2010 mit ihrem inzwischen berüchtigten Bestandteil Hartz IV. „Auch auf uns färbte der Politikbetrieb ab“, sagt Ströbele. „Das wurde besonders deutlich in der rot-grünen Zeit.“  In der mutmaßlich nächsten Regierung mit grüner Beteiligung habe die Partei „eine große Verantwortung, dass das reale Politik wird, was wir jetzt so berechtigt fordern.

Sind die Grünen wie die etablierten Parteien geworden? 

Wenn etwas nicht gleich klappt, müssen wir erklären, warum. Sonst verlieren wir Glaubwürdigkeit, wie heute die anderen Parteien.“ Ströbele, der früher oft lange gegen die eigene Regierung opponierte und sich in den entscheidenden Abstimmungen dann meistens doch loyal verhielt, findet ohnehin: „Die Grünen sind ein bisschen das geworden, was wir eigentlich nicht wollten – so wie die etablierten Parteien. Das bedauere ich.“

Zufrieden ist er hingegen mit den Vorsitzenden Annalena Baerbock, die mit 39 Jahren jünger ist als die Partei, und Robert Habeck, der 50 Jahre zählt und damit immer noch 30 weniger als Ströbele. Da höre er „durchaus interessante Töne, auch als Linker. Das begrüße ich. Die beiden machen das gut. Ich bin für eine grüne Kanzlerin oder einen grünen Kanzler“. Erfolgreich ist dieser Ton noch dazu. Nach dem Ende der Regierungsbeteiligung 2005 folgten für die Grünen schwere Jahre. Da waren der Streit um Veggie-Day und Steuerpolitik – oder die Pädophilie-Debatte. Übervater Fischer sagte Adieu. Die Wahlergebnisse fielen  bescheiden aus.

Wieder bergauf

Jetzt liegen die Grünen bei den Demoskopen seit Monaten stabil bei 20 Prozent und regieren in elf von 16 Bundesländern mit – mal mit der CDU und der FDP, mal mit der SPD und den Linken. In Baden-Württemberg ist Winfried Kretschmann der erste grüne Ministerpräsident. In Hamburg könnte ihm Katharina Fegebank nach der Bürgerschaftswahl am 23. Februar folgen.

Die Zahl der Parteimitglieder nähert sich der 100 000er-Marke. Kurzum: Während die SPD bei der Bundestagswahl 1998 noch 40,9 Prozent der Stimmen holte und die Grünen bloß 6,7 Prozent, sind Letztere rund 20 Jahre später im Begriff, die Sozialdemokraten als führende Mitte-links-Partei abzulösen. An einer Kanzlerkandidatur Baerbocks oder Habecks führt längst kein Weg mehr vorbei. Dabei hatte Petra Kelly 1982 gesagt: „Wenn die Grünen eines Tages anfangen, Minister nach Bonn zu schicken, dann sind es nicht mehr die Grünen, die ich mit aufbauen wollte.“

Nur nicht zu viel Anpassung

Ströbele denkt in Teilen ähnlich, hält das Widerständige und Unangepasste hoch. Er habe das Fraternisieren auf Empfängen stets gemieden, sagt Ströbele, und möge es nicht, „wenn junge Leute heute teilweise direkt nach der Schule in den Bundestag kommen und da Legislaturperiode um Legislaturperiode verbringen“.

Das verändere sowohl äußerlich als auch innerlich. „Zu viel Anpassung ist nicht der richtige Weg.“ Als Hans-Christian Ströbele im Sommer 2017 aus dem Bundestag ausschied, befestigte er seinen Gehstock auf dem Gepäckträger und fuhr mit dem Fahrrad durchs Regierungsviertel. Jetzt steht  er von seinem Schreibtischstuhl auf, schiebt den Rollator zur Bürotür und erzählt unterdessen, dass er die Bundestagsdebatten gelegentlich im Fernsehen verfolge. Der Politpensionär, der dann und wann gern wie früher eine Zwischenfrage stellen würde, ist unverändert fröhlich. An diesem Freitag wird die Republik wieder von dem freundlichen Unbequemen hören.