Das Zentrum für Politische Schönheit wurde wegen „Verletzung der Totenruhe“ angezeigt. 
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BerlinAm vergangenen Freitag reiste Angela Merkel erstmals nach Auschwitz und hielt dort eine beachtliche Rede. Sie sprach nicht verschleiernd von Mordtaten, die „im deutschen Namen“ begangen worden seien. Sie verzichtete auf die üblichen Distanzformeln wie „die Rassenideologen“, „die Hitler-Diktatur“, „die Nationalsozialisten“ usw. Sehr klar sprach sie von „Verbrechen, die hier von Deutschen verübt wurden – Verbrechen, die die Grenzen alles Fassbaren überschreiten“. So hat noch kein Bundeskanzler oder -präsident vor ihr geredet. Warum? Die Politiker hatten endlos lang Rücksicht auf die Verbocktheit ihres Volkes zu nehmen. Im Westen forderten Journalistinnen wie Marion Gräfin Dönhoff jahrzehntelang den Schlussstrich; im Osten redete die SED-Führung den Leuten ein, sie alle gehörten zum geschichtlich edlen Teil der Deutschen.

Selbstverständlich legte Merkel in der Gedenkstätte Auschwitz einen Kranz nieder. Am Berliner Holocaustdenkmal geht das nicht. Starr, steril, klotzig und wortlos flatscht es neben dem Brandenburger Tor. Irgendwie soll es einen Friedhof symbolisieren. Und prompt schrie das deutsche Feuilleton auf, als die Künstlergruppe „Zentrum für Politische Schönheit“ (ZPS) provokativ vor dem Bundestag dokumentierte, dass die Asche und die Knochenreste der Ermordeten noch überall leicht zu finden sind. Denn so genau will man es nicht wissen, sondern sich mit Paul Celan einbilden, es handle sich um Gräber „in den Lüften“.

Der Volksbund deutsche Kriegsgräberfürsorge pflegt unsere Soldatengräber von Stalingrad bis Kreta, bettet verstreute Gebeine unserer Landser noch immer um. Doch die Asche, die Knochen der Millionen von Deutschen ermordeten Juden, Sinti, Roma, chronisch Kranken, sowjetischen Kriegsgefangenen und Polen, soll unsichtbar bleiben. Täglich trampeln Besucher in den Gedenkstätten darauf herum; bis zum Kaukasus finden sich tausende Massengräber, Leichenverbrennungsgruben, Ascheberge der Krematorien. Bei Bedarf werden sie überbaut und von Baggern durchpflügt. Aber der drogenfreudige Grüne Volker Beck hatte nichts Besseres zu tun, als die ZPS-Leute wegen „Verletzung der Totenruhe“ anzuzeigen.

Als Vorschlag zur Güte empfehle ich: Installieren wir am Berliner Holocaustmahnmal eine riesige Landkarte, auf der sukzessive alle bekannten Massengräber, Verbrennungsstätten und Fundorte menschlicher Asche eingezeichnet werden, die der deutschen Vernichtungspolitik zugerechnet werden müssen.

Zur Begründung sei aus dem Bericht jener britisch-amerikanischen Delegation zitiert, die Anfang 1946 Polen bereiste: „Der Besuch unserer Kommission im ehemaligen Warschauer Ghetto – einem einzigen Trümmerfeld, unter dem die Leichen unzähliger unbekannter Juden liegen – hat einen unauslöschlichen Eindruck hinterlassen. Wer das an einem kalten, grauen Februartag gesehen hat, kann die Abgründe menschlicher Qualen erahnen. In den Höfen einer benachbarten alten Kaserne fand man Gruben, gefüllt mit menschlicher Asche und menschlichen Knochen. Unbeschreiblich, wie bestürzend dieser Ort auf Juden wirken musste, die hier vergebens nach irgendeiner Spur ihrer Lieben suchten. Das System der Deutschen war so angelegt, dass es den Überlebenden kaum möglich sein wird, jemals festzustellen, wie und wann ihre Lieben umgekommen sind.“