Berlin - Es hat in der vergangenen Woche ein kleines Beben in der deutschen katholischen Kirche gegeben. Zum ersten Mal wurden Namen genannt von Entscheidungsträgern, die den sexuellen Missbrauch in ihrem Verantwortungsbereich verbuddelten, anstatt die Umstände aufzuklären, die Täter zu bestrafen und sich um die Opfer zu sorgen. Es gab dann auch gleich Konsequenzen. Einige Köpfe sind gerollt. Ein großes Beben ist das allerdings noch nicht gewesen, und es ist auch ungewiss, ob von alleine noch mehr folgen wird.

Die Erschütterung ging von jener Pressekonferenz am vergangenen Donnerstag aus, in der das mit Spannung erwartete Rechtsanwaltsgutachten über den Umgang mit Missbrauchsvorwürfen im Erzbistum Köln vorgestellt wurde. Eine Statistik des Versagens listete der Rechtsanwalt Björn Gercke auf: 75 Pflichtverletzungen, davon geht zwar ein Drittel auf das Konto des verstorbenen früheren Kardinals Joachim Meisner, aber auch aktuelle Bischöfe wie der Hamburger Bischof Stefan Heße wurden genannt und haben mittlerweile Rom um ihren Rücktritt ersucht.

Bemerkenswert machte diesen Moment vor allem der Umstand, das hier zum ersten Mal Aufklärung den Schutz der Institution überstrahlte. Endlich ging es einmal nicht zuallererst darum, Schaden von der Kirche abzuwenden, sondern um die Übernahme von Verantwortung. Darauf haben die von sexuellem Missbrauch Betroffenen, aber auch die Gesellschaft lange gewartet. Da fällt es außerhalb des Kölner Erzbistums weniger ins Gewicht, dass dem aktuellen Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki in dem Gutachten nichts vorgeworfen wird, obwohl er im Zentrum der öffentlichen Vertuschungsdebatte stand, weil er zwar ein Gutachten über das Handeln der Kirchenverantwortlichen in Auftrag gegeben hatte, dann aber, als es fertig war, aktiv die Veröffentlichung verhinderte und eine neue Begutachtung beauftragte. Woelki wird sich noch moralischen Fragen stellen müssen, und eine erste Gelegenheit bietet sich bei seiner Pressekonferenz in dieser Woche.

Darüber hinaus stellt sich aber für die gesamte deutsche katholische Kirche die Frage, ob sie an diesem Punkt stehen bleiben wird oder nicht. Der Reformstau ist derart gewaltig und er erstreckt sich auf so viele Bereiche, dass es eine Weile dauert, sie alle aufzuzählen.

Die verschleppte Aufarbeitung ist nur einer davon. Es gibt sie in vielen Bistümern. Die wenigsten der 27 Bistümer haben bisher ein Gutachten vorgelegt, in dem Namen von Verantwortlichen genannt werden. Unabhängige Aufarbeitungskommissionen gibt es im Grunde nicht, weil sie immer mit Kirchenleuten besetzt sind.

Viel grundlegender sind aber andere Fragen. Wie lange will die Kirche noch zusehen, wie Gesellschaft und Institution immer weiter auseinanderdriften? Angefangen bei den Frauen, die zwar die Hälfte der Gläubigen ausmachen, aber keine Macht haben. Sie sind weder Priester noch Bischöfe, und hier kann tatsächlich niemand behaupten, das wäre, weil Frauen sich nicht interessierten für anstrengende und zeitfressende Jobs, wie es sonst so oft und gern gesagt wird. Da können sich die Aktivistinnen von Maria 2.0 noch so sehr die Finger an den Kirchentüren wundhämmern.

Keine Teilhabe der Macht

Aber Teilhabe an der Macht gibt es in der katholischen Kirche eben kaum. Für Laien grundsätzlich nicht. Das Zentralkomitee der Deutschen Katholiken (ZdK) organisiert Kirchentage und hat ansonsten ausschließlich eine beratende Funktion. Macht hat die Laienvertretung nicht. Sie bestimmt weder über den Bischof noch über die Finanzen.

Sie äußert ihre Meinung, und die steht nur zu oft der offiziellen Kirchenposition diametral gegenüber. Immer wieder befürwortete das Zentralkomitee die Zulassung wiederverheirateter geschiedener Katholiken zum Kommunionempfang. Am Ende gab es einen Formelkompromiss, der keinen glücklich macht. Das ZdK befürwortete die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare und den Zugang von Frauen zu allen kirchlichen Ämtern. Aber das geschieht nicht.

Begründet wird die jeweilige Absage gern theologisch. Tatsächlich geht es um Macht. Und die Abgabe von Macht ist offenbar derart angstbesetzt, dass sich trotz des rasanten Wandels unserer Gesellschaft bis heute eine katholische Kirche in Deutschland halten konnte, die diese Abgabe von Macht verweigert. Das wird früher oder später, aber wahrscheinlich eher früher ihr Untergang in diesem Land sein.

Die katholische Kirche in Deutschland muss sich endlich der Frage stellen, welches Menschenbild sie eigentlich hat. Ist es wirklich eins, in dem alle Menschen gleiche Rechte haben? Es sieht nicht so aus, und das nicht nur in Köln.