Die „Kursk“ (links) war ein mit Marschflugkörpern bestücktes Atom-U-Boot. Hier eine Aufnahme aus dem Januar 2000.
Foto: ITAR-TASS/AFP

MoskauDer erste Schlag war noch schwach, aber zwei Minuten und 15 Sekunden später, gegen 11.28 Uhr, spürten die Seeleute der russischen Kriegsschiffe im Manövergebiet eine viel heftigere Erschütterung – der Rumpf des Kreuzers „Pjotr Weliki“ erzitterte, auf Alaska schlugen Seismografen aus.

Zwei Minuten und 15 Sekunden besiegelten den Untergang des Atom-U-Bootes K-141 „Kursk“ und seiner 118 Besatzungsmitglieder. Niemand weiß, wer von ihnen bei der Explosion eines leckenden Übungstorpedos im Bug umkam, wer beim Kampf gegen das sich ausbreitende Feuer. Und wer starb, als sich fünf bis zehn weitere Torpedo-Sprengköpfe entzündeten und mit der Gewalt mehrerer Tonnen TNT ein großes Loch in den 154 Meter langen Rumpf rissen. Aber ein Teil der Mannschaft überlebte und wartete in der neunten Sektion der „Kursk“ auf Rettung. Sie warteten auf dem Meeresgrund, in 104 Metern Tiefe.

Der Untergang der Kursk am 12. August vor 20 Jahren mit 118 Toten ist freilich nicht das größte submarine Unglück der Weltgeschichte. 1963 riss das amerikanische Atom-U-Boot „Thresher“ seine 129 Matrosen nach einem Wassereinbruch im Atlantik in eine Meerestiefe von 2,5 Kilometern hinab, ein Tod vermutlich in Sekundenschnelle. Die „Kursk“ aber starb langsam, die Öffentlichkeit Russlands und der Welt erlebte ein wochenlanges Drama voller Ängste und Hoffnungen. Und voller Lügen.

Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: FAS, globalsecurity.org, dpa

Das russische Flottenkommando meldete das Boot erst zwölf Stunden nach der Explosion als vermisst, die Öffentlichkeit erfuhr nach 48 Stunden davon: Die „Kursk“ sei gesunken, aber es gäbe Funkkontakt zu ihrer Besatzung. Danach schränkte ein Militärsprecher ein, man verständige sich durch Klopfsignale. Eine – zutreffende – Meldung des Fernsehkanals NTW, der Bug des Schiffs stehe voll Wasser, dementierten die Militärs, sie schoben den Zeitpunkt des Unglücks außerdem auf den Sonntag.

Nicht nur in den Familien der Besatzung begann das Zittern. Leben die Unsrigen noch, und wenn ja, sind sie zu retten? Ganz Russland wollte wissen, warum die Mannschaft nicht selbstständig ausstieg, warum ein Dutzend Versuche russischer Tauchapparate, an die Luken der „Kursk“ anzudocken, scheiterten, aber auch, warum die Staatsführung britische und norwegische Hilfsangebote erst nach vier Tagen annahm.

U-Boot-Fahrer, denen in einem gesunkenen Schiff der Erstickungstod droht, sind wie Astronauten, die ein defektes Raumschiff ins All davonträgt – ein moderner Albtraum. Eine klaustrophobe Debatte brach aus: über verbleibende Atemluft, Klopfzeichen, über festgeschweißte und deshalb unbrauchbare Rettungsbojen.

Trauernde Angehörige der „Kursk“-Opfer bei einer Trauerfeier.
Foto: Imago Images

Man hoffte noch und suchte schon nach Schuldigen. Böse Zungen behaupteten, die Manöverrakete eines eigenen Kriegsschiffs habe die „Kursk“ versenkt. Der verantwortliche Admiral redete von einem Zusammenstoß mit einem fremden U-Boot, die liberale Tageszeitung Nesawissimaja Gaseta bezeichnete später die britische HMS Splendid als „Mörderin der Kursk“. Tatsächlich lauerten vor Murmansk Nato-U-Boote, unter der Meeresoberfläche hatte der Kalte Krieg nie aufgehört. 

Die offizielle russische Version hat sich in den 20 Jahren seit dem Unglück gedreht. Statt von Funkkontakt ist längst davon die Rede, die russische Admiralität habe schon sehr früh erklärt, die Mannschaft sei größtenteils in den ersten Minuten nach den Explosionen umgekommen.

Aber Taucher bargen zwei Briefe von Offizieren, beide schreiben von 23 Männern, die in der neunten Sektion im Bug überlebt hätten. Kapitänleutnant Dmitri Kolesnikow notierte am 12. August um 15.15 Uhr, knapp vier Stunden nach der Explosion, es gäbe kaum Chancen, „zehn bis 20 Prozent“. Aber man werde versuchen, herauszukommen. „Grüße an alle, ihr dürft nicht verzweifeln.“ Sein Kamerad Raschid Arjapow hatte ein Blatt aus einem Krimi herausgerissen und schrieb darauf: „Wir fühlen uns schlecht, geschwächt durch das Kohlenmonoxid, wir halten es nicht mehr als 24 Stunden aus.“

Die Männer lebten, sie trommelten mit eisernen Instrumenten SOS, die letzten Klopfzeichen wurden am 15. August gemeldet. Aber die Kriegsflotte zeigte sich unfähig, ihre Leute zu retten. Den viel zu spät zur Hilfe gerufenen und am 20. August eingetroffenen Norwegern gelang es nach einem Tag, eine Luke zur neunten Sektion zu öffnen. Sie stand inzwischen auch unter Wasser.

Dieses Foto vom Oktober 1999 zeigt die letzte Crew der „Kursk“. 
Foto:  STRINGER/AFP

Präsident Wladimir Putin war sechs Tage nach dem Untergang aus dem Urlaub in Sotschi zurückgekehrt, er redete von einer „unvorhergesehenen“ Lage. So etwas passiere, er mache den Admirälen keine Vorwürfe, die Flotte tue alles, um die Besatzung zu retten, aber leider herrsche Sturm. Auch Putin schien sich mehr um den Ruf der Kriegsflotte zu sorgen als um Leben und Tod ihrer Matrosen. Der TV-Journalist Sergei Dorenko, der Putin wenig später im Staatsfernsehen Unwahrheiten vorwarf, wurde entlassen.

„Mit dem Untergang der Kursk begann die Lüge. Danach fing der Staat an, sich ins Gerichts- und Rechtsschutzsystem einzumischen und die Massenmedien zu unterdrücken“, sagte der Rechtsanwalt Boris Kusnezow, der erst die Opferfamilien vertrat und dann ein Buch über die Katastrophe schrieb, später im Radio Swoboda: „Die Beseitigung der Demokratie in Russland begann mit der Katastrophe der Kursk.“

Der Moskauer Militärexperte Viktor Litowkin bezeichnet den Untergang dagegen als Aufbruchsignal: „Das Unglück hat gezeigt, in welch katastrophalem Zustand die Kriegsflotte war. Und der damals noch junge Staatschef Wladimir Putin hat verstanden, dass man schnell handeln musste, um sie zu retten.“ Putin habe allein für die Schwarzmeerflotte zwei Fregatten und sechs U-Boote neu bauen lassen, aber auch die Infrastruktur und die Garnisonen der Seeleute modernisiert.

U-Boot-Offiziere, die früher oft Monate auf ihren Sold von umgerechnet 60 bis 160 Euro warteten, verdienen inzwischen je nach Rang 1500 bis 2500 Euro. Allerdings leben sie weiter gefährlich: Im vergangenen Juli erstickten 14 russische U-Boot-Fahrer bei einem Brand auf einem Tiefseeapparat in der Barentssee. Abgesehen von der „Kursk“ beklagte die russische Unterseeflotte seit dem Ende der Sowjetunion mindestens 42 Tote, auf Nato-U-Booten kamen im gleichen Zeitraum 14 Mann ums Leben.

Knapp vier Wochen nach der Katastrophe gab Wladimir Putin in New York dem US-Talkmaster Larry King ein Interview. Auf die Frage, was mit dem U-Boot passiert sei, sagte Putin: „Sie ist gesunken.“ Und er lächelte etwas schräg. Für den Präsident war die „Kursk“ wohl vor allem die erste Staatsaffäre, die er erfolgreich durchgestanden hatte.