In vielen Supermärkten ist das Toilettenpapier in diesen Tagen am schnellsten weg.
Foto: dpa/Patrick Seeger

Auch in unserer Kleinstadt ist das Toilettenpapier alle, obwohl es noch keinen offiziellen Fall von Covid-19 im ganzen Landkreis gibt. Nudeln und Reis, in der großen Stadt schon lange ausverkauft, liegen noch in den Regalen. Der Gedanke ist nicht so ganz falsch, dass vielen Deutschen das gepflegte Hinterteil näher ist als der Magen oder das Herz, obwohl das Herz näher am Hirn liegt.

Lesen Sie hier: Politiker mahnen: Hamsterkäufe bleiben unnötig

Nachts jedenfalls ist bei uns über dem Dorf der Himmel sehr klar und neuerdings auch kein Flugzeug mehr zu sehen: nur die Sterne blinken am Firmament und die Satelliten, während Frühling in der Luft liegt und die Bäume anfangen zu blühen.

Nie kalt genug

Es war ja ein komischer Winter diesmal, ganz ohne Frost, ohne kalte Füße, ohne rote Nasen. Ich gehöre noch zu den Menschen, die ihre dicken Pullover im Frühling einmotten und im Herbst ausmotten. Aber diesen Winter habe ich sie gar nicht erst ausgemottet. Es war einfach nie kalt genug, um sich wirklich einzumummeln, mit Mütze und Schal und dem dicken Mantel aus dem Fachhandel für Seefahrer in der Hamburger Innenstadt.

Man kann sich dort eindecken für die Tropen, für eine Expedition in die Wüste, für den Fischfang oder für eine Karriere bei der Marine. Manchmal habe ich aber den Eindruck, als sei der Fortbestand des Ladens mehr hanseatischer Nostalgie geschuldet als der Gegenwart mit ihren Schiffen unter der Flagge von Panama und ihren Ladungen, über die man sagen kann, dass außer Container aus China nichts gewesen ist.

Covid-19 viel harmloser als die Pest

Mit den Schiffen, mit der Eisenbahn, entlang der Handelsrouten kam früher die Pest. Das bekannteste Buch über die Plage stammt von Albert Camus und heißt wie sein Gegenstand: Die Pest. Ein Roman, der in einer Stadt am Mittelmeer spielt, in Oran. Dort bricht die Plage von einem Tag auf den anderen aus, mit toten Ratten. Die Bevölkerung nimmt die Pest zuerst nicht ernst. Dann hofft die Mehrheit, der Kelch möge vorbeigehen, ohne dass man daraus trinken muss. Schließlich beherrscht die Pest die Stadt, alle müssen sich beugen, ob Frauen, Männer, Kinder, Alte, Schuldige oder Unschuldige.

Lesen Sie hier: Der Corona-Newsblog

Für Camus war das Leben absurd und vergebens, weil es immer auf den Tod hinausläuft, was ihn nicht darin hinderte, darin eine große Freiheit zu sehen. Hat man nichts zu verlieren, kann man sein Leben in die eigene Hand nehmen. Man muss dem Tod die Stirn bieten, auch wenn man weiß, dass man verliert. Die gute Nachricht dabei ist, dass Covid-19 viel harmloser sein wird als die Pest und keine Landstriche entvölkert. Die schlechte Nachricht ist, dass es immer noch kein Toilettenpapier im Supermarkt gibt.

Covid-19: Krankheit der Gegenwart

Bemerkenswert aber bleibt, wie Covid-19 auf Prozesse, die sich seit Jahren abzeichnen, wie ein Brandbeschleuniger wirkt: die Einzelhändler, die zumachen, während Amazon neue Mitarbeiter einstellt. Die Restaurants und Gastwirtschaften, die leer sind, weil nur noch to go gegessen wird. Die Kinos, denen die Besucher weglaufen, weil es auf der Couch mit Mediatheken bequemer ist. Die sozialen Kontakte, die nicht mehr am Gartenzaun oder von Balkon zu Balkon stattfinden, sondern in Chatgruppen.

Die Selbstisolierung in kleinen Zellen. Die Schockwellen der öffentlichen Erregung. All das nimmt dramatische, vielleicht unumkehrbare Formen an. Covid-19 ist nicht nur eine Krankheit in der Gegenwart, sondern die Krankheit der Gegenwart: der Infarkt einer vernetzten Welt. Wenigstens kommt er ohne tote Ratten aus.