Die langen Ermittlungen zum Loch in den Nord Stream Pipelines

Vor knapp zwei Monaten wurden die Nord-Stream-Leitungen zerstört. Die Hintergründe sind immer noch unklar, wundert sich unser Kolumnist.

Sieht aus wie ein großer Whirlpool: die Stelle mit dem Leck in der Nord-Stream-Pipeline.
Sieht aus wie ein großer Whirlpool: die Stelle mit dem Leck in der Nord-Stream-Pipeline.dpa

Eine Stadt sucht einen Mörder. Bürgermeister und Lokalpresse spielen verrückt. Der Staatsanwalt macht den Kommissaren die Hölle heiß: Wenn ihr der Meute nicht bis gestern wenigstens einen der üblichen Verdächtigen zum Fraß vorwerft, dann seid ihr den Fall los. – So läuft die Aufklärung von Kapitalverbrechen in Krimis, wiewohl nicht zwingend im wahren Leben. Hier herrschen schon mal Geduld, Gelassenheit und Gleichmut.

Vor bald zwei Monaten wurde Nord Stream perforiert. Die Pipelines galten als zentrale Objekte deutscher Energieinfrastruktur. Noch nach ihrer Schließung boten sie die Option, preisgünstiges Heizmaterial später wieder direkt aus dem Reich des Bösen zu beziehen. Doch dann zitterten eben die Nadeln der Seismologen. Tagelang sprudelte die Ostsee wie methangetriebene Whirlpools. Wenig praktikabel wurde somit für die Behörden das After-Eight-Prinzip: „Mortimer, tun wir am besten so, als hätten wir es nicht bemerkt.“

Allerdings ist es bis jetzt gelungen, dass die Öffentlichkeit auf einem vergleichbaren Informationsstand verharrt. Als einziges Ermittlungsergebnis verlautet, bei der rustikalen Wiedereröffnung von Nord Stream handele es sich um eine menschengemachte Treibhausgasemission. Erdbeben oder ein Amoklauf von Ohrschlammschnecken sind mithin auszuschließen. Genauso gut könnte Sherlock Holmes seinem Adlatus Watson nach acht Wochen eröffnen, dass der Kerl mit Schaschlikspießen in den Augäpfeln auf unnatürliche Weise gestorben sei.

Angeblich haben Dänen oder Schweden am Meeresboden etwas entdeckt. Was, wird nicht verraten. Deutschland, die Patentante des Anschlagsopfers, untersucht das Delikt mit besonderer Dringlichkeit. Schon nach zwei Wochen brachen laut einem ARD-Bericht Schiffe der Bundespolizei auf, „um das Ausmaß der Zerstörung zu begutachten. (…) Allerdings kamen die Taucher vor Ort nicht zum Einsatz, da sie nicht die nötige Ausrüstung für einen Tauchgang in 70 Metern Tiefe haben.“ Demnach war es für die Ermittler auf hoher See ein Schock, dass der Tatort sich unter Wasser befindet.

Noch nie gab es einen derartigen Angriff auf die Bundesrepublik

Einen derartigen Angriff auf die Bundesrepublik, mutmaßlich unter Beteiligung eines anderen Staates, gab es nie zuvor. Das klingt brisant. Zum Glück lässt die Politik sich dadurch nicht unter Druck setzen. Auch Medien fokussieren sich lieber auf einen Rohrbruch in der Biesenbrower Straße. Allenfalls der Feindsender RT streut das Gift das Zweifels und lässt den serbischen Präsidenten Vučić sagen: „Jeder Politiker weiß, wer die Sabotage begangen hat. Aber um den Interessen unserer Länder nicht zu schaden, tun wir alle so, als wären wir Schwachköpfe.“ Nun, angesichts der Berliner Ampelkoalition hat der Gedanke, Funktionsträger würden sich dumm stellen, durchaus auch etwas Tröstliches.

Sahra Wagenknecht hat die Bundesregierung gefragt, welche und wessen Schiffe denn zur Tatzeit in der Nähe der Leitungen waren. Die Antwort war, dass eine Antwort „das Staatswohl in besonderem Maße berühren“ würde. Ah ja, das kommt mir bekannt vor: Meine Frau hatte mal eine Kollegin, die wiederholt mit marmoriertem Jochbein ins Büro schlich. Jedes Mal wollte die Ärmste gegen Besenstiele gelaufen oder in Pürierstäbe gestürzt sein. Eine andere Auskunft hätte wohl das Statuswohl berührt. „Bis wir uns aus den Augen verloren“, sagt meine Frau, „war ihre Partnerschaft offiziell harmonisch.“