Berlin - Das Gespräch ist etwa eine halbe Stunde alt, da wird es auch Sahra Wagenknecht ein wenig unheimlich. Gerade hat Peter Gauweiler – Peter Gauweiler, Christlich Soziale Union! – sich öffentlich ihr zu Füßen geworfen, hat sie umschmeichelt als eine Erscheinung aus dem Andromeda-Nebel, die präzise und klug die irdischen Verhältnisse erfasst habe. „Das ist alles sehr lesenswert“, hat der Bayer recht bayerisch über ihr Buch gesagt. Und gleich daneben saß Frank Schirrmacher – Frank Schirrmacher, Frankfurter Allgemeine Zeitung! – und hat sich spontan solidarisch erklärt. Er sei selbst ganz „baff“, näselt der bürgerliche Seismograph. Da ist ein Buch, es heißt „Freiheit statt Kapitalismus“, das er vor zehn Jahren womöglich nicht mal ignoriert hätte. Und plötzlich findet er das gut. Das muss man sich mal vorstellen.

Es ist nun der Zeitpunkt gekommen, an dem Sahra Wagenknecht im rot verhangenen Palais der Berliner Kulturbrauerei aufpassen muss, nicht in eine merkwürdige Koalition gezwungen zu werden. „Wir sind ja auch hier, um ein bisschen zu streiten“, sagt sie also fast ein wenig schüchtern. Dann holt sie aus zu einem ihrer kleinen Stegreif-Referate, in denen druckreif von Zockerbanden an der Börse und schizophrenen Politikern die Rede ist, von Herrschenden, die für Banken alles, für die Beherrschten nichts tun, und vom kommenden Aufstand, der so lange wohl nicht mehr auf sich warten lassen wird. Aber so sehr sie sich auch bemüht – es will ihr einfach niemand dröhnend widersprechen an diesem Frühlingsabend. Die beiden Herren oben auf dem Podium wirken irgendwie beseelt, und unten im vollen Saal, wo eher die Prenzlauer-Berg-Schickeria als das Prekariat versammelt ist, klatschen alle höflich bis frenetisch.

Es ist ein bisschen verwirrend. Wie überhaupt im politischen Betrieb zuletzt ja alles ein bisschen verwirrend war. Die Regierung verstaatlicht Banken. Die Christdemokraten sind gegen Atomkraft. Ein Grüner regiert Baden-Württemberg. Hans-Werner Sinn lästert über den Neoliberalismus. Und Sahra Wagenknecht? Sahra Wagenknecht verteidigt neuerdings Ludwig Erhard und findet, dass nicht alles schlecht war im westdeutschen Kapitalismus. Dafür wird sie nun bisweilen von noch Linkeren verhöhnt. Dabei war doch auch das jahrelang eine liebgewonnene Gewissheit: dass links von Sahra Wagenknecht kein Gras mehr wächst.

Ein trotziges Loblied

Was ist da eigentlich passiert? Hat sie sich verändert? „Ja, schon“, sagt Sahra Wagenknecht. Sie würde zum Beispiel heute die DDR nicht mehr als besseres Deutschland und die Mauer nicht mehr als notwendiges Übel bezeichnen. Sie hat das so hingerotzt damals, nach 1989, „als alles mit Häme in den Dreck getreten wurde, was die DDR ausmachte“. Sie fand das anmaßend, überheblich und unfair, also hat sie das kleinere Deutschland verbissen verteidigt, in dem sie selbst nicht studieren durfte, weil sie sich dem Wehrkundeunterricht verweigert hatte. Trotzig sang sie nach der Wende das Loblied des Arbeiter- und Bauernstaates, die westdeutsche Wirtschaftsordnung hielt sie aus dem Bauch heraus für Teufelswerk. Sahra Wagenknecht wurde unter Protest vereinigt, und weil sie ihre Wut laut und oft herausschrie, nannte man sie Stalinistin. Unverbesserlich. Nicht resozialisierbar.