Berlin - Gerade scheint es ein bisschen so, als wäre den Grünen etwas Außergewöhnliches gelungen: ohne viel Tamtam eine Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl zu küren. Tatsächlich ist nur die Union an dieser Übung gescheitert. Die Sozialdemokraten haben Olaf Scholz ohne größere Umstände gewählt. Und an diesem Montag haben auch die Linken recht geräuschlos ihr Spitzenduo benannt: Dietmar Bartsch und Janine Wissler.

Dass die Ernennung ganz undramatisch verlief, ist ein erster Erfolg der neuen Parteiführung nach der desaströsen Außendarstellung der letzten Jahre. Wissler und Bartsch sind eine geschickte Wahl. Er steht für Erfahrung, sie für Aufbruch. Er vertritt den realpolitischen Flügel, der für Regierungsbeteiligungen wirbt. Sie versperrt sich dem nicht, ist aber dennoch anschlussfähig für die zahlreichen Genossen, die den natürlichen Platz der Linken in der Opposition sehen.

Ihren Auftritt bei der Kandidatenkür am Montag absolvierten Bartsch und Wissler rhetorisch geschickt. Sie verknüpften Klimakrise, Coronakrise und die allgemeine soziale Schieflage und wussten auch, wer derzeit zu wenig tut fürs Land: die Reichen.

Im Westen ist die Linke weiterhin eine Splitterpartei

Bleibt die Frage: Für wen will die Linke Politik machen? Für die Unterprivilegierten im Land, versichern Wissler und Bartsch, für die Pfleger und Paketboten, die Kranken und Alten, denen zu wenig zum Leben bleibt. Allein: In diesen Gruppen sammelt die Partei weiterhin nicht genug Stimmen, um glaubwürdig zu sein, insbesondere im Westen.

Bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg wählten laut einer Umfrage gerade mal drei Prozent der Arbeiter die Linke. Bei der vorigen Bundestagswahl schnitt sie nur in einer Gruppe überdurchschnittlich gut ab: bei den Arbeitslosen.

Bartsch und Wissler sind gut in den Wahlkampf gekommen. Die größten Herausforderungen liegen aber noch vor ihnen. Dass sie die Unterstützung der Partei haben, reicht nicht. Sie brauchen die Unterstützung ihrer Klientel.