Berlin - Am Dienstag sieht Deutschland rot, denn die Veranstaltungsbranche sieht schwarz. An ebendiesem 22. Juni findet die zweite Night of Light nach 2020 statt, werden rote Lampen in Fenster gestellt, will sich der sechstgrößte Wirtschaftszweig hierzulande sichtbar machen, weil er übersehen wird, was ein Kunststück ist angesichts eines Jahresumsatzes von rund 130 Milliarden und geschätzt 1,5 Millionen Beschäftigten – vor Corona. Ein Kunststück, schlimmstenfalls jedoch handelt es sich um eine Gleichgültigkeit der politisch Verantwortlichen oder, was angesichts der Herausforderungen eines ökonomischen Wiederaufbaus nach der Pandemie beängstigend wäre, um Unfähigkeit?

Die Branche hat finanzielle Hilfen erhalten, die Möglichkeit von Kurzarbeit bekommen, wurde abgefedert wie andere Branchen auch. Doch was sie nun dringend benötigt, ist eine Perspektive. Deshalb stellen Unternehmer, Arbeitnehmer, die Soloselbstständigen auf Rot, hoffen auf Solidarität und Eigennutz all derer, die bald wieder Konzerte, Festivals, Events besuchen wollen und deshalb ebenfalls ihr Fenster rot ausleuchten. Konsumenten, die verstehen, dass es Menschen gibt, die Konzerte, Festivals, Events erst möglich machen. Menschen, die gebraucht werden nach der Ära des Virus.

Für Berlin sieht die Perspektive derzeit unter anderem so aus: Die Messe dürfte in diesem Jahr keine nennenswerte Veranstaltung mehr beherbergen. In der Waldbühne treten am 26. Juni die Philharmoniker vor 6000 Zuschauern auf, 22.000 passen in die Freiluftarena. Ein Pilotprojekt wie andernorts auch, ein sehr zaghafter Versuch.

Klarer Fahrplan? Nicht in Deutschland

Die Messe in Frankfurt hat in dieser Woche einen klaren Fahrplan gefordert, den es in den meisten anderen Staaten der Europäischen Union längst gibt, bei den deutschen Nachbarn Frankreich oder Österreich zum Beispiel. Großbritannien demonstriert derzeit, dass ein solcher Rahmen auch kurzfristig verlassen werden kann, wenn gesundheitliche Risiken dies erfordern, wie im Fall der Virusvariante aus Indien. Deutschland dagegen fährt permanent auf Sicht.

Großbritannien war es übrigens auch, das zwischen April und Mai neun Events mit insgesamt 58.000 Besuchern stattfinden ließ, teils in geschlossenen Räumen, darunter die Brit Awards und die Snooker-WM. Beim Pokalspiel der Fußballer von Leicester City und des FC Chelsea untersuchten Wissenschaftler die Kontrollierbarkeit großer Menschenströme. Sie setzten bei allen Events Maskenpflicht und Abstandsregeln außer Kraft. Medienberichten zufolge wurden 15 Eventbesucher positiv auf das Virus getestet.

Niemand verlangt ein virologisches Harakiri, nichts wäre verheerender für die deutsche Veranstaltungswirtschaft als ein Superspreading-Event, dem bundesweite Aufmerksamkeit garantiert wäre, im Gegensatz zu den existenzbedrohenden Sorgen, die auf ein eher dürftiges Echo zu stoßen scheinen: 20, 30 Prozent Umsatz, mehr lässt sich momentan in dem Gewerbe nicht erreichen. Zu wenig zum Leben, zum Sterben genug.

Das schien sich auch die Bundesagentur für Arbeit dieser Tage gedacht zu haben, als sie ein Video online stellte. Sie warb unter den deutschen Messebauern dafür, in den Beruf des Schreiners zu wechseln. Der Shitstorm war programmiert, die Aufregung bei den Unternehmern des Ausstellungsgewerbes groß. Die warten auf die Perspektive Neustart nach der Pandemie. Dafür wird Personal gebraucht, das nicht spontan verfügbar ist. Nicht so spontan jedenfalls wie die kurvenreiche Politik.

Quelle: YouTube