Ghislaine Maxwell im Jahre 2013 – auf einem Symposion für „Frauen, Innovationen und Unternehmen“.
Foto: Getty Images/Laura Cavanaugh

BerlinDas Ende war dann doch einigermaßen spektakulär oder, wie sich auch sagen ließe: standesgemäß. Seit der US-Milliardär Jeffrey Epstein im vergangenen Sommer erneut wegen Sexualverbrechen angeklagt wurde und sich kurz darauf im Gefängnis das Leben nahm, brodelten die Gerüchte über mögliche Aufenthaltsorte seiner Ex-Partnerin Ghislaine Maxwell. Sie wurde von zahlreichen Frauen als Mittäterin beschuldigt. Aber die 58-Jährige blieb weitestgehend stumm und ließ sich nicht blicken.

Damit war es Anfang Juli vorbei: Die New Yorker Staatsanwaltschaft und das FBI erklärten, Maxwell sei im Örtchen Bradford im nordöstlichen US-Bundesstaat New Hampshire festgenommen worden. Am Ende einer Sackgasse mitten in der Natur soll die 58-Jährige im Dezember für eine Million Dollar in bar (880.000 Euro) und geschützt durch eine Tarnfirma das Anwesen „Tuckedaway“ (auf Deutsch: Versteckt) gekauft haben: mit vier Schlafzimmern, vier Badezimmern und einem großen Grundstück.

Ein „wunderschönes Anwesen“, zeigte sich sogar der stellvertretende New Yorker FBI-Chef William Sweeney beeindruckt. Seit der Festnahme wohnt Maxwell allerdings in einer Gefängniszelle, zunächst in New Hampshire, inzwischen in New York. An diesem Dienstag steht der nächste Gerichtstermin für sie an, dann soll ihr in New York offiziell die Anklage vorgelesen und über eine mögliche Freilassung auf Kaution entschieden werden. Maxwell werden sechs Anklagepunkte vorgeworfen, darunter die Verführung Minderjähriger zu illegalen Sexhandlungen und Meineid.

High Society im Jahre 2000: Donald Trump, seine spätere Frau Melania Knauss, Jeffrey Epstein und Ghislaine Maxwell (v.l.).
Foto: Getty Images

Auf die Anklagepunkte stehen jeweils Höchststrafen von fünf bis zehn Jahren im Gefängnis. Die Staatsanwaltschaft bezieht sich auf die Jahre 1994 bis 1997. Der Missbrauch von Frauen und Mädchen, von denen eines nur 14 Jahre alt gewesen sein soll, habe hauptsächlich in Epsteins Anwesen in New York, Palm Beach und Santa Fe sowie in Maxwells Wohnsitz in London stattgefunden. Maxwell gehörte laut Anklage zu Epsteins „engsten Verbündeten“ und spielte eine „entscheidende Rolle“ bei seinen Machenschaften.

Der einschlägig vorbestrafte Geschäftsmann soll Dutzende Minderjährige missbraucht und zur Prostitution gezwungen haben. Maxwell sei ihm dabei behilflich gewesen, so die Anklage, indem sie Epstein jahrelang junge Mädchen ausgesucht und zugeführt und für den Sex mit Epstein regelrecht trainiert habe. Dafür soll sie sich das Vertrauen der Mädchen erschlichen und sich ihnen gegenüber wie eine gute Freundin verhalten haben, um sie gefügig zu machen. Bei einigen Missbrauchshandlungen sei sie selbst dabei gewesen und habe aktiv teilgenommen.

Maxwell hatte Epstein in den USA kennengelernt, aber eigentlich kommt sie aus Großbritannien. Sie ist das neunte Kind des Medienzaren Robert Maxwell und der französischstämmigen Holocaust-Forscherin Elisabeth Meynard. Der Vater soll sein Nesthäkchen vergöttert haben und benannte sogar eine Jacht nach ihr. Von der „Lady Ghislaine“ verschwand der fast 130 Kilogramm schwere Patriarch 1991 vor den Kanaren und wurde später tot im Meer treibend gefunden.

Ghislaine Maxwell 2014 auf einer Benefizgala für Kinder.
Foto: Getty Images/Rob Kim

Ob es nur ein Unfall gewesen war? Ein Herzinfarkt oder gar Selbstmord? Nach seinem Tod wurde bekannt, dass Robert Maxwell viel Geld aus der Pensionskasse seiner Verlage gestohlen hatte, um einen Bankrott abzuwenden - die Verschuldung seines Konzerns wurde Ende 1991 auf rund drei  Milliarden Pfund (rund 3,4 Milliarden Euro) beziffert. Für Tochter Ghislaine war indes klar: „Er hat keinen Suizid begangen. Ich glaube, er wurde ermordet.“ Beweise konnte sie nicht vorlegen.

Maxwell zog in die USA. Sie wurde an Bord einer Concorde fotografiert, um den Atlantik zu überqueren, was aufgrund der hohen Flugkosten und vor dem Hintergrund des Rentenskandal zu einiger Empörung führte. In New York arbeitete sie für ein Wohnungsunternehmen und lernte auf einer Party den Investmentbanker Epstein kennen. Anfangs waren sie für einige Jahre ein Liebespaar, später sprach er von seiner besten „Freundin“. Er war vermögend, sie hatte beste Kontakte bis hin zum Königshaus – offenkundig eine Win-win-Situation.

Der Skandal im Skandal: Prinz Andrew

Maxwell machte Epstein auch mit Prinz Andrew bekannt, die beiden Männer freundeten sich an. Das war 1999, also zu einer Zeit, als der Royal wegen seiner zahlreichen Affären von der britischen Presse als „Randy Andy“ – geiler Andy – verspottet wurde. Dem Herzog von York, so Andrews offizieller Titel, wird vorgeworfen, in den Epstein-Skandal verwickelt zu sein, seitdem ihn die Amerikanerin Virginia Roberts Giuffre beschuldigte, sie als 17-Jährige zum Sex gezwungen zu haben.

In den letzten Jahren kamen immer wieder Aufnahmen zutage, die Andrew mit Epstein oder in dessen Anwesen in New York zeigten – selbst nachdem Epstein 2006 als Sexualstraftäter verurteilt wurde und eine erste Gefängnisstrafe abgesessen hatte. Zu einer klaren Distanzierung konnte sich der Prinz nie durchringen: Ein BBC-Interview im letzten Jahr geriet deswegen zu einem PR-Desaster. Der Prinz zog sich von seinen Ämtern und aus der Öffentlichkeit – weitgehend – zurück. 

Die Aufnahme aus dem Jahre 2001 zeigt Prinz Andrew und die damals 17-jährige Virginia Roberts. Im Hintergrund steht Ghislaine Maxwell.
Foto: picture alliance/Captital Pictures

Vor dem Hintergrund der Verhaftung Ghislaine Maxwells ist die Frage, ob Andrew nun endlich mit dem FBI sprechen wird. Bislang zeigte er sich wenig kooperativ. Mit der Verhaftung von Maxwell ändert sich jedoch die Lage. Denn ihre Aussagen könnten den Prinzen schwer belasten. Und die britische Monarchie in eine schwere Krise stürzen. Beobachter sprechen schon von Panik im Königshaus.

Virginia Roberts konnte fliehen. Sie war 19, als sie im Auftrag von Epstein zu einer Massage-Schulung nach Thailand flog; sie sollte auf sein Geheiß auch ein thailändisches Mädchen zurück in die Vereinigten Staaten begleiten. Zu ihrem Glück, wie sie heute sagt, lernte sie in Bangkok den australischen Kampfsportler Robert Giuffre kennen und verliebte sich. Das Paar zog nach Australien und heiratete.

Roberts brach jeden Kontakt zu Epstein ab. Sie bekam drei Kinder und gründete 2014 die Hilfsorganisation „Victims Refuse Silence“ – mit dem Ziel, den „Überlebenden zu helfen, die Scham, das Schweigen und die Gewalt zu überwinden, wie sie Opfer sexuellen Missbrauchs normalerweise erleben, und anderen zu helfen, nicht Opfer von Sexhandel zu werden“.

Ein Interview mit der heute 36-jährigen Virginia Roberts.

Video: Youtube/Miami Herald

In einem Interview mit dem Miami Harald erzählte Giuffre, 2007 in rascher Folge eine Reihe von Telefonanrufen erhalten habe. Der erste Anruf kam von Maxwell, dann einen Tag später von Epstein, beide fragten, ob sie mit den Behörden gesprochen habe. Es folgte der dritte Anruf eines FBI-Agenten, der Giuffre erklärte, sie sei während des ersten Strafverfahrens gegen Epstein als Opfer identifiziert worden, und sie fragte, ob sie als Zeugin aussagen wolle. Giuffre weigerte sich, bis sie sechs Monate später erneut gefragt wurde, diesmal von der australischen Bundespolizei.

Damit begann ihr juristischer Kampf gegen Epstein und Maxwell. Über die Frau an der Seite des Sexualstraftäters sagt Giuffre: „Sie hat so viele Leben zerstört, sie ist einfach die narzisstischste, bösartigste, eitelste Frau, die ich je kennengelernt habe.“