Aber er war doch so ein guter Autofahrer...
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BerlinEs ist morgens um zwei Uhr, und es klingelt an deiner Tür. Du bist noch total verschlafen. Aber spätestens, wenn sich an der Gegensprechanlage die Polizei meldet, bist du sofort hellwach. Stunden scheinen zu vergehen, während die beiden Polizisten die Treppen zu deiner Wohnung hochgelaufen kommen. Jeden einzelnen Schritt kannst du hören, und deinen Puls spürst du in jedem Teil deines Körpers. Die beiden Polizisten reden nicht miteinander, aber an ihren Gesichtern kannst du sehen, dass etwas Schlimmes passiert sein muss.

Können wir reingehen und uns setzen?

Sind sie der Vater von xy? Ich muss Ihnen eine schlimme Nachricht überbringen. Können wir bitte reingehen und uns setzen? Du willst nicht reingehen, schon gar nicht dich hinsetzen. Deine Frau ist jetzt auch bei dir. Sie nimmt deine Hand und ihr geht mit den Polizisten in euer Wohnzimmer.

Ihr Sohn hatte vor drei Stunden einen schweren Autounfall und ist noch an der Unfallstelle verstorben.

Ruhe. Die beiden Polizisten sagen nichts mehr. Deine Frau lässt deine Hand los und fängt an zu schreien. Du aber, du kannst nichts sagen. Die Stimme ist weg. Kein klarer Gedanke. Alles rauscht. Dir kommen Bilder in den Kopf. Du mit deinem Sohn, als ihr sein Zimmer ausgeräumt habt, bevor er sich auf den Weg zum Studium gemacht hat.

Warte, sind die sich wirklich sicher?

Du hast ihm doch das Autofahren gezeigt. Am Ferienhaus an der Ostsee. Ein Auto sollte er haben. Damit er möglichst oft nach Hause kommen kann. Wie sagt ihr es seiner Schwester? Weckt ihr sie jetzt? Aber warte, sind die sich wirklich sicher, er war doch so ein guter Autofahrer. Vielleicht hat er ja sein Auto verliehen? Das sind die ersten Worte, die du wieder findest. Aber du siehst schnell, dass sie sich sicher sind. Man hat seinen Ausweis und den Führerschein gefunden.

Deine Frau schreit immer lauter und lässt sich auf den Boden fallen. Du gehst zu ihr auf den Boden und versuchst, sie in den Arm zu nehmen, aber sie wehrt sich.

Ob man einen Arzt rufen soll, fragen dich die Polizisten, du schüttelst nur mit dem Kopf. Von dem Lärm ist jetzt auch deine Tochter wach geworden und steht völlig verpennt im Wohnzimmer. Sie versteht sofort, dass etwas Schlimmes passiert ist. Der Polizist signalisiert dir, dass er bei deiner Frau bleiben würde, wenn du mit deiner Tochter alleine reden möchtest. Aber ihr habt keine Geheimnisse in der Familie, habt die nie gehabt. Du sagst ihr, was passiert ist, und sie fällt zu euch auf den Boden.

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Wir müssen reden

Wie und unter welchen Umständen man geboren wird, kann man selbst nicht kontrollieren. Und wie man stirbt in den meisten Fällen auch nicht. Während fast alle unserer Lebensbereiche heute kontrolliert und durchorganisiert sind, entziehen sich die beiden existenziellsten Ereignisse in unserem Leben weitgehend der Kontrolle. Um genau diese Ereignisse soll es in dieser Kolumne gehen. Sie heißt „Leben & Sterben“, und sie wird abwechselnd von zwei Menschen geschrieben, die sich beruflich damit befassen: von der Hebamme Sabine Kroh und dem Bestatter Eric Wrede.

Ein Seelsorger? Wir waren noch nie in der Kirche

Die beiden Polizisten sagen nichts und lassen euch. Eine gefühlte Ewigkeit vergeht. Bevor sie gehen, werden sie euch noch fragen, ob ihr einen Seelsorger oder Pfarrer an eurer Seite wollt. Aber ihr wart doch nie in der Kirche. Was soll der jetzt helfen? Aber warte, wo ist euer Sohn jetzt? Könnt ihr zu ihm?

Bei Unfällen werden Menschen im Normalfall immer beschlagnahmt. Das heißt, sie sind in der Obhut der Staatsanwaltschaft. Meistens sind sie dann in der Gerichtsmedizin, die für die jeweilige Region zuständig ist. Sie werden genau untersuchen, woran dein Sohn gestorben ist. Hatte er was getrunken oder Drogen genommen? War er körperlich gesund? In drei bis vier Tagen aber könnt ihr zu ihm.

Ein guter Bestatter wird dir und deiner Familie aber die Möglichkeit geben, noch mal zu ihm zu kommen. Wie oft habe ich gehört, dass es genau dieser Moment des noch einmal Vorbeikommens war, der für Klarheit gesorgt hat. Klarheit darüber, dass es wirklich er war in dem Auto. Wenn er sehr doll verletzt ist, wird er ihn vielleicht in ein Tuch einschlagen und zumindest seine Hände rausschauen lassen. Diese Hände würdest du immer erkennen. Zu oft hast du ihm dabei zugeschaut, wenn ihr gemeinsam beim Angeln wart.

Kein Herumgerede, schnell die Wahrheit

Schlechte Nachrichten zu überbringen ist eine der schwierigsten Aufgaben überhaupt. Wie die Polizisten es vorgemacht haben, ist es richtig. Kein Herumgerede, sie haben euch hinsetzen lassen, um dann schnell die Wahrheit zu sagen. Ihr wusstet eh, dass etwas Schlimmes passiert ist. Dann sind sie so lange geblieben, bis sie das Gefühl hatten, dass zumindest du die Situation unter Kontrolle hast. Sofern man von Kontrolle sprechen kann.


Die Autoren

Sabine Kroh

  • ... ist Jahrgang 1969, stammt aus Dresden und hat mehr als 25 Jahre Berufserfahrung als freie und festangestellte Hebamme. Sie arbeitete als Hebamme nicht nur in Deutschland, sondern auch in Mexiko, Guatemala, England und Tanzania.
  • 2016 gründete sie das Online-Portal call a midwife, das Frauen zu allen Fragen rund um Schwangerschaft und Geburt berät.
  • Sie ist Mutter einer erwachsenen Tochter.

Eric Wrede

  • ... wurde 1980 in Rostock geboren, studierte Gemanistik und Geschichte und arbeitete danach als Musikmanager.
  • Im Frühjahr 2013 schmiss er seinen Job hin und entschloss sich Bestatter zu werden, „um etwas zu ändern an der gängigen Trauerkultur“. 2014 gründete er in Berlin sein eigenes Unternehmen lebensnah-Bestattungen.
  • 2018 veröffentlichte er das Buch „The End: Das Buch vom Tod“.