Herr Sabrow, die Zwanzigerjahre lösen wie kein anderes Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts alle möglichen Bilder von politischer Angst bis zum exzessiven Tanz auf dem Vulkan aus. Was sind die Zwanzigerjahre für einen Zeithistoriker?

Martin Sabrow: Die Zwanzigerjahre sind ein im Nachhinein geschaffener Mythos, der eine Facette der Weimarer Republik hervorhebt und medial inszeniert. Die Zwanzigerjahre leben vom Kontrast zwischen den tristen Folgen des Ersten Weltkriegs und dem Glamour der kulturellen Avantgarde und des urbanen Amüsements. Dieser Gegensatz ist das Leitmotiv des Jahrzehnts, das kommt in den Bildern von George Grosz grell und leitmotivisch vor – die Krüppel, die Prostitution, das Elend, der Schieber, die überhitzte Stimmung, das Fiebrige, der Tanz auf dem Vulkan. In ihm steckt der Eindruck der Diskontinuität, des Abreißens, des unwiederbringlichen Verlusts mit dem Beginn von Hitlers Herrschaft.