New York - Eine haarsträubende Verschwörungstheorie kursiert in diesen Tagen im Internet. Dort – genauer: bei YouTube – findet man eine Reihe von Video-Clips, die mit allerlei technischem Aufwand versuchen, diese Theorie zu belegen. Zu sehen sind extrem verlangsamte Ausschnitte aus den Nachrichtensendungen von Fox News, in die einzelne, kaum wahrnehmbare Bilder von Donald Trump eingestreut sind. Bilder, die sich angeblich direkt ins Unterbewusstsein einbrennen sollen. Den Sender Fox in die Ecke der Propaganda für den US-Präsidenten Trump zu stellen, ist nicht weit hergeholt. Der Gedanke jedoch, dass Fox so weit geht, mit solchen Mitteln zu arbeiten, erscheint allzu kühn.

Doch in der vergangenen Woche passierte dann dies: Mitten in einem Nachrichtensegment von Fox flimmerte für mehrere Sekunden ein Schriftband auf dem Bildschirm, das das Ableben der obersten Bundesrichterin Ruth Bader Ginsburg meldete.

Der Sender entschuldigte sich flugs, nachdem Tausende Zuschauer protestiert und angemerkt hatten, dass es der 85 Jahre alten Richterin bestens gehe, wenngleich sie in einer Klinik auf einen möglichen Lungentumor untersucht worden war. Noch sei es nicht so weit, hieß es, dass die Konservativen des Landes über das Ende der vom linksliberalen, feministischen Amerika so heiß geliebten Juristin frohlocken können.

Mehr als die bloße Gier

Linke wie Konservative beobachten derzeit in den USA mit gleicher Angespanntheit den Gesundheitszustand von Ruth Bader Ginsburg, die seit 1993 im obersten Gremium der amerikanischen Rechtssprechung dient. Links hält man die Daumen, dass Ginsburg, die, wie alle obersten Bundesrichter, auf Lebenszeit benannt ist, durchhält, bis Donald Trump abgewählt wird. Rechts hofft man hinter vorgehaltener Hand, dass Ginsburg die nächsten zwei Jahre nicht überlebt und Trump mit einer dritten Nominierung die konservative Mehrheit im Obersten Bundesgericht auf Jahrzehnte zementieren kann.

Die Fehlleistung von Fox offenbarte mehr als bloß die Gier danach, die dritte Gewalt im Staat dauerhaft in konservative Hände zu bringen. Ruth Bader Ginsburg hat in den vergangenen Jahren Kult-Status erlangt, sie eint die Opposition im Land über Generationen, Geschlechter, ethnische Zugehörigkeiten, sexuelle Orientierungen und religiöse Überzeugungen hinweg. Nichts wäre der Trump-Anhängerschaft lieber, als wenn Ginsburg von der Bildfläche verschwände.

Doch derzeit gibt es für die amerikanische Rechte nicht viel Hoffnung, dass der Einfluss von Ruth Bader Ginsburg in absehbarer Zeit schwindet. Im Gegenteil – die Hollywood-Verfilmung ihres Lebensweges, „On the basis of sex“ war zur Weihnachtszeit ein Hit in amerikanischen Kinos. Der begleitende Dokumentarfilm „RBG“, den es nun auch online zu sehen gibt, ist für einen Oscar nominiert worden.

Das bemerkenswerte Leben der Frau aus Brooklyn

Die Filme haben das Leben und Werk von Ruth Bader Ginsburg in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt. Ihr Aufstieg zur Pop-Ikone begann jedoch schon Jahre zuvor. Genau genommen seit eine Jura Studentin aus New York begann, „RBG“ mit einem Blog zu würdigen.

Der Studentin Shana Knizhnik imponierten die bissigen Gutachten, mit denen Ginsburg ihre Minderheiten-Meinung im zunehmend konservativen Gericht artikuliert. So schrieb Ginsburg etwa zu einem Urteil, das den Wählerschutz für Minderheiten im Süden aufhob, das sei so, „als würde man mitten in einem Gewitter den Schirm wegwerfen, weil man nicht nass genug wird.“ Die Formulierung schaffte es auf Kaffeetassen und auf T-Shirts und elektrisierte ihre Fan-Gemeinde.

Knizhnik nannte ihren Blog „The notorious RBG“ in Anspielung auf den nicht minder wortgewaltigen Rapper Notorious BIG, der, wie Ginsburg, aus Brooklyn stammte. Notorious RBG wurde zu einer Internet-Ikone, bald wurde sie zur Campus-Heldin der Bernie-Sanders-Generation. Youtuber vertonten gar ihre Kommentare und verwandelten sie in Songs. Knizhnik begann die Biografie von RBG zu recherchieren und veröffentlichte 2015 das erste von mittlerweile drei populären Werken über das bemerkenswerte Leben der Frau aus Brooklyn. Und je mehr Amerika über RBG wusste, desto mehr schloss das Land sie ins Herz.

Eine von neun Frauen an der juristischen Fakultät von Harvard

Joan Ruth Bader wurde 1933 in New York als Tochter eines russisch-jüdischen Vaters und einer österreichisch-jüdischen Mutter geboren. Als sie 14 Monate alt war, starb ihre ältere Schwester Melanie. Die Hoffnungen auf sozialen Aufstieg lasteten nun allein auf der jüngeren Tochter. Die Eltern hatten sich einst beide keinen College-Besuch leisten können.

Bader Ginsburg war erfolgreich auf der High School und dem College und wurde 1956 als eine von nur neun Frauen unter 500 Studenten in die juristische Fakultät von Harvard aufgenommen. Wie ihre Biografie eindrücklich darstellt, musste sie dort von Anfang an gegen die Widerstände einer sich bedroht fühlenden Männerriege ankämpfen. So ließ der Dekan des Fachbereiches bei einem Dinner jede einzelne der neuen Studentinnen aufstehen, um zu erklären, warum sie sich dazu berechtigt fühlten, einem männlichen Kommilitonen den Platz wegzunehmen.

„Man hatte als Frau damals das Gefühl unter ständiger Beobachtung zu stehen“, sagt Ginsburg. „Man hatte immer Angst, dass man nicht nur sich selbst, sondern alle Frauen herunter enttäuscht, wenn man versagt.“

Eine der ersten Juristinnen auf dem Gebiet des Frauenrechts

Der Druck trieb Bader Ginsburg zu schier übermenschlichen Leistungen. Nachdem ihr Ehemann Marty Ginsburg, den sie mit 17 kennenlernte und der sie ein Leben lang rückhaltlos unterstützte, an Hodenkrebs erkrankt war, erledigte sie sowohl seine als auch ihre eigenen Studienarbeiten und kümmerte sich um die gemeinsame Tochter. Der Nachtschlaf fiel weitestgehend aus. Trotz allem aber war sie die beste Studentin ihres Jahrgangs.

Dass dem Alltags-Sexismus der 50er-Jahre mit harter Arbeit und Intelligenz nicht beizukommen ist, musste sie jedoch erleben, als sie nach dem Studium in New York, wo ihr Mann einen Job als Steueranwalt antrat, eine Anstellung suchte. Trotz ihrer tadellosen akademischen Auszeichnungen lud sie nicht eine einzige renommierte Anwaltsfirma auch nur zu einem Gespräch ein.

Bader Ginsburg zog sich vorerst in die Akademie zurück und unterrichtete als eine der ersten Juristinnen der USA das neue Gebiet des Frauenrechts. Wie keine andere Expertin des Landes studierte sie die Stellen im amerikanischen Recht, an denen die Ungleichheit von Mann und Frau kodifiziert ist. „Ich habe jeden Fall gelesen, der mit der Gleichstellung der Frau zu tun hatte“, erinnert sie sich. „Das wirkt vielleicht wie ein gigantisches Unternehmen, das war es aber nicht. Es gab gar nicht so viel, die Jurisprudenz sah die Geschlechterdiskriminierung überhaupt nicht als Problem an.“

Das Ziel der rechtlichen Gleichstellung der Geschlechter

Der Hollywood-Film „On the basis of Sex“ will uns glauben lassen, dass dieses Studium eine Art Trainingslager war, das sie, gleich Rocky, auf ihren ersten großen Kampf vorbereitet – den ersten Fall von Geschlechterdiskriminierung, den sie vor Gericht brachte. Die Wirklichkeit war etwas weniger dramatisch, doch es war in der Tat der Fall von Charles Moritz, der Ruth Bader Ginsburgs Laufbahn als Frauenrechts-Anwältin begründete.

Klugerweise wählte Ginsburg damals einen Fall aus, an dem ein Mann vor dem Gesetz ungleich behandelt wurde – in diesem Fall einem Mann, der für eine kranke Mutter sorgte und dem wegen seines Geschlechts staatliche Unterstützung verweigert wurde. Noch viel folgenreicher war jedoch, dass die Verhandlung, die Ginsburg gewann, ihre Strategie begründete, nach und nach, in einem Fall nach dem anderem, die rechtliche Gleichstellung der Geschlechter in Amerika zu erzielen.

„Durch Ruths Arbeit fühlte ich mich erstmals durch die Verfassung geschützt.“

„Unsere Strategie damals war eigentlich sehr simpel“, sagt sie. „Wir haben die Vorurteile gesucht, die in Gesetze festgeschrieben waren und versucht zu zeigen, dass solche Vorurteile allen schaden, nicht nur den Frauen. Wir wollten, dass Menschen danach beurteilt werden, was sie zur Gesellschaft beitragen, nicht danach, welchem Geschlecht sie angehören.“

Viele ihrer Fälle kamen in den 70er-Jahren vor das Oberste Bundesgericht und werden heute als wegweisend betrachtet. Prozesse wie der Fall Frontiero gegen Richardson, in dem einer Militärangehörigen Beihilfen für ihren Mann zugesprochen wurden, der sich um Haushalt und Kinder kümmerte, sorgten im amerikanischen Case-Law nach und nach für die juristische Gleichstellung von Mann und Frau. Die berühmte Feministin Gloria Steinem drückte es so aus: „Durch Ruths Arbeit fühlte ich mich in den USA erstmals durch die Verfassung geschützt.“

Sie wollte verändern, nicht stürzen

Dennoch ist es ironisch, dass Ruth Bader Ginsburg heute als feministische Ikone gefeiert wird. Die Frauenbewegung der 70er-Jahre war ihr eigentlich fremd. Auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren, war nicht ihre Sache. Und sie sah es auch nie als ihr Ziel an, dramatische gesellschaftliche Veränderung herbeizuführen.

Als ihren Leitsatz zitiert Bader Ginsburg immer Sarah Grimke, eine große amerikanischen Feministin des 19. Jahrhunderts: „Ich bitte nicht um viel für mein Geschlecht. Alles, was ich von meinen Brüdern verlange, ist, dass sie ihre Stiefel aus unserem Nacken nehmen.“

Ginsburg sah sich nie als Radikale. So kritisierte sie in einem berühmt gewordenen Vortrag das Bundesurteil Roe gegen Wade von 1973, das in den USA die Abtreibung faktisch legalisierte. Ginsburg setzte sich sehr wohl für das Recht auf Abtreibung ein, doch sie fand, dass es nicht die Rolle der Gerichte sei, derart große politische Richtlinien vorzugeben. Vielmehr sah sie es als ihre Aufgabe an, eine „juristische Landschaft“ zu schaffen, die schlussendlich die Politik dazu zwinge, in Gesetzen den Wandel festzuschreiben. Bader Ginsburg wollte immer die Institutionen verändern, nie stürzen.