Eine Demo in Köln gegen die Corona-Maßnahmen. 
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BerlinEin halbes Jahr ist sie jetzt alt, die Corona-Pandemie. Und ein halbes Jahr lang konnte man die Gesellschaft beobachten, wie sie damit umgeht. Die meisten Menschen haben pragmatisch reagiert. Bei anderen dagegen staunt man. Sie scheinen nach dem Motto zu handeln: „Was man nicht sehen kann, ist auch nicht da.“

Viele von denen, die in der Hasenheide Party machen, werden sicher nicht großartig über Corona nachdenken. Andere aber zelebrieren ihre Haltung bewusst. Sie leugnen noch immer offen das Pandemie-Geschehen. Auf ihren Demos kann man Sprüche lesen, wie: „Wer nicht denkt und wer nichts weiß, glaubt den ganzen Corona-Scheiß“, „Stoppt die Lügen-Pandemie“ und „Freiheit vor Fürsorge“.

Man fragt sich, was zu solchen Aussagen führt. Wie suchen solche Leute nach Quellen? Suchen sie überhaupt? Wie bewerten sie Informationen? Als Wissenschaftsredakteur, der diese Pandemie seit einem halben Jahr beobachtet, hat man manchmal das Gefühl, in die frühe Neuzeit versetzt zu sein, in der es noch keine evidenzbasierte Medizin gab. Damals lebte man in dem Glauben, dass Miasmen – Ausdünstungen aus dem Boden – für Infektionskrankheiten verantwortlich sind. Über Bakterien und Viren wusste man noch nichts.

Heute dagegen sind die Grundlagen bekannt. Seit Monaten wird in den Laboren dieser Welt an Sars-CoV-2 geforscht. Es gibt Elektronenmikroskope und Sequenzierungsmaschinen. Man weiß inzwischen, welche Mutationen das Virus durchmachte, welche Varianten in welchen Regionen vorherrschen. Man kennt den Routenverlauf der Pandemie. Regelmäßig erscheinen neue Studien, über die Folgen der Krankheit Covid-19, die Art der Viren-Verbreitung, den Sinn bestimmter Schutzmaßnahmen und so weiter. Gewiss, auch Forscher irren, lernen dazu, stehen unter Profilierungsdruck. Doch im Prozess des Überprüfens und Bewertens baut sich am Ende ein Wissen auf, an dem niemand vorbeikommt.

Das Corona-Halbjahr zeigte einen großen Widerspruch: Wir leben in einer Zeit des größten technologischen Fortschritts. Jeder, der wirklich wissen will, was vor sich geht, hat die Chance, sich zu informieren. Denn die Ergebnisse empirischer Studien sind im Internet zu finden, und zwar für jeden – anders als früher. Auf der anderen Seite aber ist eine Bewegung gewachsen, die aus einem diffusen Gefühl und dem Bauch heraus argumentiert – oder sogar offen jegliche empirische Erkenntnis leugnet.

Das Nicht-wissen-wollen gilt manchem als neue coole Tugend! Das kann man beim Klimawandel beobachten und auch bei Covid-19. Es ist auch ein besonderer Ausdruck des Populismus, wie die Äußerungen von Trump, Bolsonaro und anderen zeigten.

Doch auch in der Allgemeinheit ließen sich im letzten Halbjahr interessante Dinge beobachten, zum Beispiel eine emotionale Achterbahnfahrt. Nicht wenigen schien es nämlich so, als sei das Virus völlig verschwunden, als man vor Wochen die Beschränkungen lockerte. Sofort wollten sie wieder in die totale Normalität überspringen. Und jetzt erschrickt mancher vor einer „zweiten Welle“, die plötzlich aufzutauchen droht. Doch wer die Entwicklung seit Monaten verfolgt, der sieht im letzten halben Jahr ein großes, zusammenhängendes Geschehen. Forscher rechneten im Wissenschaftsjournal Science vor, in welchem Maße jede einzelne Corona-Maßnahme in Deutschland zur Eindämmung des Virus beigetragen hat. Wenn man jedoch von dieser Eindämmung in eine neue Sorglosigkeit hinübergleitet, dann kommt es nicht zu einer dubiosen „zweiten Welle“, sondern zum Aufwallen innerhalb desselben fortlaufenden Prozesses, der einfach neue Nahrung bekommt. Kurz gesagt: Es war zu erwarten. Und der kühle Herbst könnte das noch verstärken.

Irrationalität lernte man im vergangenen Halbjahr leider auch auf der Seite der Pandemie-Warner kennen. Da gab es einige Überhöhungen. Laborforscher wie Christian Drosten erschienen in manchen Darstellungen als Gurus und Spindoktoren. Dabei gehören sie wie jeder echte Forscher zu den Suchenden, nicht zu den Allwissenden, wie zum Beispiel auch der Podcast Drostens zeigte.

Für den weiteren Verlauf der Pandemie wünscht man sich ruhige Rationalität. Keine personellen Überhöhungen, kein reflexhaftes Hin und Her, sondern ein angepasstes Handeln. Wir haben in den vergangenen Monaten gezeigt, dass wir Entwicklungen beeinflussen können. Wir sind nicht die hilflosen Opfer eines undurchschaubaren Geschehens wie die Menschen zu Zeiten der Cholera, Pest oder Pocken früherer Zeiten. Und diesen Vorteil sollten wir nutzen.