Auf unsere Wochenfrage haben wir viele Antworten erhalten. Das Fazit: Heimat bedeutet für jeden Menschen etwas anderes.
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BerlinEin einfaches Wort und ein großes Thema: Heimat. Ein Ort? Ein Gefühl? Oder Menschen? Die Kommentatoren der Woche näherten sich dem Begriff aus verschiedenen Richtungen. Der Philosoph Peter Sloterdijk zitierte andere Kulturen, wie die Römer, für die Heimat dort ist, wo es dem Menschen gut geht.

Die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann erweiterte den Begriff. Heimat sei ein „tiefer Gedächtnisspeicher“, eine „langfristige emotionale Bindung an einen bestimmten Ort auf der Welt“, schrieb sie.

BLZ/Tagesspiegel/BpB
30 Jahre Meinungsfreiheit

Vor 30 Jahren fiel die Mauer, aus der geteilten Stadt wurde ein geeintes Berlin. Gemeinsam mit dem Tagesspiegel und der Bundeszentrale für politische Bildung feiern wir die Meinungsfreiheit – mit guten Argumenten und großen Debatten. 


Der Student Abdul Alzuabi ist vor dem Krieg aus Syrien geflüchtet und lebt seit vier Jahren in Berlin. Er möchte der Stadt etwas zurückgeben, obwhl er sie noch nicht als seine Heimat sieht. „Heimat, das bin ich“, lautete sein Fazit, denn er fühlt sich überall zu Hause.

Die Friseurin Birgit M. betrauerte den Verlust des alten Berlins. Die neuen Mitbewohner zeigten ein rücksichtsloses Verhalten. Berlin sei im Moment keine Heimat mehr. Die Stadt solle einmal innehalten und eine neue Richtung suchen.

Die Studentin Susan Mudallal bezeichnete sich als heimatlos. In Deutschland als Kind arabischer Eltern geboren, müsse sie ständig ihre Herkunft erklären, noch bevor sie gefragt werde, wie sie heiße oder was sie tue. Das sei verletzend und übergriffig, kritisierte sie.


Das sind die Reaktionen der Leser


Heimat ist da wo ich mich wohlfühle und gerne bin. Etwas, wohin ich mich freue zurückzukehren... unsere schöne Wohnung in Berlin und unser Familienhotel auf Mallorca, ganz ruhig gelegen wohin wir jedes Jahr fliegen und bereits nach der Rückkehr die Tage zählen. 

Keslinberlin über Instagram

Ein Gefühl des Nichtverortens

Heimat ist für mich schon immer ein problematischer Begriff. Unser Vater stammte aus Danzig, siedelte nach Mecklenburg um und kehrte der DDR den Rücken, als er gezwungen werden sollte, seine Kollegen zu bespitzeln. Das Dorf, in dem wir Geschwister unsere Kindheit erlebten, machte es der Familie schwer, in die Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Nur in der Kleinstadt wurde es besser. Dennoch habe ich weder im Dorf noch in der Stadt nachhaltige Freundschaften geschlossen. Was lediglich existiert, ist eine Art Freude, wenn ich mich Südniedersachsen nähere. Ich denke, dass ich dieses Gefühl des Nichtverortens mit anderen Menschen teile. Rüdiger Schlagowski

Meine Geschwister machen mich stark

Was bedeutet Heimat für mich? Heimat ist für mich Familie und Freunde. Familie sind meine Mutter und meine Geschwister. Meine Geschwister machen mich stark. Mit meinen Freunden habe ich viel Spaß in der Freizeit. Heimat ist auch der Ort, wo ich geboren bin, Syrien in Aleppo. Meine Schule, meine Erinnerungen und unsere Nachbarin. Mohammad O., Konrad-Adenauer-Schule in Mellendorf

Als echter Berliner muss ich ihr leider uneingeschränkt zustimmen... Berlin achtet zu sehr auf seine Außendarstellung und merkt nicht wie lächerlich es sich dabei macht.

Klaus Lehmann über Facebook

Heimat ist tiefe Zugehörigkeit

Heimat, ein Ort wo man aufgewachsen ist, seinen Ursprung hat, dort wo man verwurzelt ist. Mit Heimat verbindet man ganz tiefe Zugehörigkeit, einen Ort wo man sich immer wieder niederlassen und sich sammeln kann, sich geborgen fühlt. Wer unterwegs ist, ist dort Zuhause wo er lebt und sein Leben gestaltet. Ich komme gerne in meine Heimat, aber gehe gerne wieder dorthin, wo ich zuhause bin. Holger Weberpals über Facebook

Heimat kann jeder Ort sein

Ist Horst Seehofers Heimatverständnis exkludierend? Horst Seehofer gibt uns dazu eine klare Definition. In einem Interview mit Die Zeit sagte er, Heimat sei der Ort, an dem er sich zu Hause und geborgen fühle, wo er merke, dass er dazugehöre. Seehofer entgrenzt somit den Heimatbegriff, und löst diesen vom Geburtsort eines Menschen. Heimat kann somit jeder Ort sein: Auch der Fußballverein, wenn dies der Ort ist, an dem wir uns als geschätztes Mitglied einer Gruppe begreifen. Folglich kann jeder Einzelne an jedem Ort dieser Welt „eine Heimat" finden. Seehofer ist nicht irgendein Politiker in diesem Land: Er ist der Bundesminister des Inneren, für Bau und Heimat. Ein solches „Heimatministerium“ ist eine Besonderheit, da die wenigsten Länder über ein solches Ministerium verfügen. In Deutschland wurde es unter anderem auf Grund der sog. „Flüchtlingskrise“ ins Leben gerufen. Auf der Online-Seite des Ministeriums werden die Themen, mit welchen sich das Ministerium beschäftigt, in mehreren Grafiken dargestellt. Die Überschrift einer dieser Grafiken lautet „Heimat & Integration“. Seehofer appellierte in seiner Rede am 12.9.2019 vor dem deutschen Bundestag: „Man sollte jedem eine zweite Heimat bieten.“ In diesem Zusammenhang möchte er die Asylanträge beschleunigen, um Migranten die Chance zu bieten, schneller Deutschland als Heimat anzusehen. Denn schon die alten Römer wussten, „wo es dir gut geht, bist du zuhause“ (Ubi bene ibi patria. Pacuvius 220 -130 v. Chr.). Aus unserer Sicht ist diese politische Sichtweise Seehofers dennoch nicht ausgrenzend, da er das Ziel verfolgt, den Menschen durch beschleunigte Entscheidungen Sicherheit zu bieten, damit sie in Deutschland ein normales Leben führen können. Auch die Menschen, die bereits in Deutschland leben, können dazu beitragen, diesen Menschen zu helfen, sich in Deutschland wohl zu fühlen und damit auch ein Stück Heimat zu finden. Diese Ansicht wird auch von der Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann geteilt. Sie schreibt in ihrem Zeitungsartikel zum Ereignis „30 Jahre Mauerfall“, dass es Aufgabe der Gesellschaft sei, Einwandernden durch Zusammenhalt und Raum für Entwicklungsmöglichkeiten eine zweite Heimat zu bieten. Der Großteil der Bevölkerung in Deutschland dürfte diese Ansicht teilen, denn Horst Seehofers Heimatverständnis führt dazu, dass man auch mehrere „Heimaten“ haben kann und somit nicht ausgegrenzt werden sollte. Lukas Klatt und Tamayo Patolla, Willi-Graf-Gymnasium

Verstehen kann ich die Wahrnehmung dieser Veränderungen, aber die ständige Wandlung der Stadt ist auch ihre Stärke, mit allen Vor-und Nachteilen! Gerade das liebe ich an Berlin und sehe auch sehr viele positive Entwicklungen!

Marina Geurten über Facebook

In die Berliner City – nur noch unter Zwang

Mir ist meine Heimatstadt Berlin mehr als nur fremd geworden. Zum Glück bin ich vor ca. 30 Jahren an den Stadtrand gezogen, eine der sinnvollsten und besten Entscheidungen meines Lebens. Heute in die Berliner City – nur noch unter Zwang. Von mir aus können sie da jetzt wieder eine Mauer bauen und grün anstreichen. Kurt Helmut Neumann über Facebook

Die Stimme meines Vaters

Für mich bedeutet Heimat Familie. Besonders wichtig ist mir mein Vater. Er lebt schon lange nicht mehr. Meine Mutter erzählt immer von ihm. Als ich klein war, haben meine Eltern unsere Stimmen gespeichert, wie wir reden. Ich höre die Stimme meines Vaters noch immer. Imad S., Konrad-Adenauer-Schule aus Mellendorf

Bei aller berechtigten Kritik, man sollte Berlin aber auch nicht schlechter machen, als es ist! Ich bin vor knapp 33 Jahren von Hamburg nach Berlin gezogen und es bis heute nicht bereut!

Michael Klein über Facebook

Man kann sich überall heimisch fühlen

Abdul Alzuabi hat recht... Der Heimat Begriff wird hierzulande ziemlich verklärt und überhöht, denke ich. Wer viel herum kommt, hat eben Orte, an denen man einen wichtigen oder intensiven Teil des Lebens verbracht hat, an die man immer gern zurückkommt und sich dort wohl und aufgehoben fühlt, wenn man dort geprägt wurde und positive Erinnerungen hat... viele Leute erfahren das nur an einem Ort, andere an mehreren... wenn man will, kann man sich überall heimisch fühlen. Claudia Schmidt-Grosse

Sehnsucht nach Familie und Freunden im Kosovo

Wenn ich an Heimat denke, fallen mir meine Familie und Freunde im Kosovo ein. Wenn wir Zuckerfest feiern, fehlen sie mir sehr. Ich muss mich dann immer erinnern, wie viel Spaß wir hatten und wie geborgen ich mich gefühlt habe. Mir fehlen diese Tage in meinem Elternhaus. Schade, dass wir es nicht mehr haben, dort hatte ich alle meine Erinnerungen. Elvire S., Konrad-Adenauer-Schule in Mellendorf

Mersin ist die schönste Stadt der Welt

Für mich bedeutet Heimat auch die Orte, an denen ich gelebt habe, die Türkei und Deutschland. In der Türkei habe ich 5 Jahre gewohnt. Ich finde, Mersin ist die schönste Stadt der Welt. Jetzt lebe ich seit 4 Jahren in Deutschland. Ich habe die Sprache gelernt. Am Anfang war das sehr schwer, aber langsam wird das besser. Ich freue mich, dass ich nach Deutschland gekommen bin. Imad S., Konrad-Adenauer-Schule aus Mellendorf

Berlin ist nicht nur City

Ich bin in dritter Generation Berliner und ich fühle mich wohl in „meinem“ Berlin. Allerdings kommt es wohl immer darauf an, in welchem Stadtbezirk man lebt. Im Citybereich ist es sicher viel schwieriger zu leben (möchte ich nicht einen Tag) als am Rand, wie etwa in Pankow, Mahlsdorf, Kaulsdorf oder Köpenick. Berlin ist ja nicht nur City, sondern auch herrlich grün, mit Wald und Wasser. Sara Engelbrecht über Facebook

Heimat kennt viele Facetten

Heimat ist der Geburtsort, die Heimatregion mit den Naturschönheiten/Kulturgütern und das Familiengefüge in welchem ich dort aufgewachsen bin. Heimat ist kulturelle Identität, Sprache, Religion, Zugehörigkeit, die Geschichte der eigenen Region. Heimat ist der Kirchturm, die Glocken, die Feste im Kreis der Jahreszeiten, von Ostern bis Weihnachten. Heimat ist sehr wohl auch ein Ort. Martin Blaczejewski über Facebook

Arabische Musik macht mich glücklich

Heimat ist für mich Eltern und Kumpel. Ich erinnere mich, wenn wir alle zusammensitzen und reden und lachen und zusammen essen. Das freut mich. Ich bin in Latakia geboren und habe fast meine ganzen Kindertage da gelebt. Jetzt lebe ich in Deutschland. Ich habe hier viele tolle Freunde aus allen Ländern gefunden. Heimat ist für mich auch Musik: Arabische Musik macht mich glücklich. Najdat R., Konrad-Adenauer-Schule in Mellendorf

Der Berliner war schon immer ruppig

Leben ist Wandel! Wer damit nicht klarkommt, hat die Zeit verschlafen oder ist eben einfach nur alt. Sorry! Ich fühle mich nach wie vor in Berlin sehr Zuhause. Veränderungen und Wandel gehören dazu. Ich erlebe Berlin nicht als "aggressiv". Der Berliner war schon immer ruppig. Schnauze mit Herz eben. In Berlin kann man noch immer bezahlbaren Wohnraum finden. Und das hippe Berlin finde ich auch toll! Mirjam Aaron-Zach über Facebook

Zu viel Hektik, zu viel Egoismus, zu viel Stress

Brigitte M. spricht mir aus dem Herzen... Und ich bin hier geboren und lebte immer hier. Mittlerweile hat sich mein Bewegungsradius eingeschränkt. Ich meide Areale mit zu vielen Menschen in der Innenstadt. Weil die mich (ich bin leicht eingeschränkt beim Gehen) oft glatterdings umrennen würden. Ich vermisse oft die gegenseitige Rücksichtnahme und auch ein wenig Freundlichkeit. Ich versuche immer mit einem Lächeln durch die Gegend zu gehen... manchmal hilft das, oft leider nicht. Zu viel Hektik, zu viel Egoismus, zu viel Stress... Sabine Donath über Facebook