Die Risiken nuklearer Eskalation: Wo sich Ukraine-Krieg und Kubakrise treffen 

Im tiefen Morast der Abschreckung: Im Alliierten-Museum in Zehlendorf vergleicht der Historiker Bernd Greiner den Ukraine-Krieg mit 1962

 Kampfflugzeuge der US-amerikanischen und polnischen Luftwaffen über Polen
Kampfflugzeuge der US-amerikanischen und polnischen Luftwaffen über PolenSsgt Danielle Sukhlall/U.S Air/Planet Pix via ZUMA Press Wire/dpa

Irgendwann im Verlauf des Spielfilms „Thirteen Days“ über die entscheidenden Tage der Kubakrise im Jahr 1962 steht John F. Kennedy im Kreis seiner Berater und weiß nicht mehr weiter. Die Falken in der Runde wollen Kuba bombardieren und einmarschieren. Ein Atomkrieg droht. Härte kann also falsch sein, Zögern aber auch. Alles hängt von Deutungen des jeweils anderen ab und vom Bauchgefühl.

60 Jahre ist die Kubakrise jetzt her und wirkt doch plötzlich wieder hochaktuell. Diesen Eindruck konnte man jedenfalls am Sonntagabend im Berliner Alliierten-Museum in Zehlendorf gewinnen. Das Museum zeigte den Film. Vorher ging es allerdings um Russlands Krieg gegen die Ukraine.

Auf einem Podium diskutierte der Direktor des Museums, Jürgen Lillteicher, mit dem Kubakrisen-Experten Bernd Greiner darüber, was die Kubakrise mit der heutigen Situation zu tun hat. Und da fanden die beiden Historiker dann doch einiges: Putins Phantomschmerz eines verlorenen Imperiums, ein russisches Minderwertigkeitsempfinden in Verbindung mit dem Streben, von den USA auf Augenhöhe wahrgenommen zu werden, der drohende Kontrollverlust durch Eskalation oder auch ein mögliches Missverständnis durch die Handlungen irgendeines Militärs oder Politikers.

Die atomare Bedrohung ist plötzlich wieder aktuell. Seit Beginn der Invasion in der Ukraine hat Russland bereits mehrfach mit dem Einsatz taktischer Atomwaffen gedroht. US-Präsident Joe Biden kündigt für einen solchen Fall eine harte Reaktion Washingtons an. Die meisten Experten gehen davon aus, dass Wladimir Putin so weit nicht gehen würde. Nicht so im Alliierten-Museum.

Bernd Greiner hält zum Beispiel den Kreml derzeit für eine Blackbox. Niemand im Westen wüsste zurzeit genau, was dort so vorgehe. „Diese Mischung aus drohendem Gesichtsverlust, einer Obsession bezogen auf Glaubwürdigkeit und der Abwesenheit von Verhandlungen, das macht diese Lage brisant“, sagt Greiner.

In den jüngsten Äußerungen aus den USA sieht Bernd Greiner seine Befürchtungen bestätigt. Dort würde das Geschehen offenbar genauso interpretiert. Er macht das an Joe Bidens aktuellster Äußerung fest. Biden hatte mit Blick auf Drohungen aus Moskau erklärt, die Welt habe seit der Kubakrise im Oktober 1962 nicht vor der Aussicht auf ein „Armageddon“ gestanden. „Das war eine doppelte Botschaft von Biden. Der Begriff Armageddon impliziert, uns können die Dinge aus dem Ruder laufen, wir können die Kontrolle über diesen Prozess verlieren“, sagt Greiner. Wenn das der Fall sei, stehe ein Atompilz, nicht nur über der Ukraine, sondern auch über Russland und den USA. „Biden sagt nicht, das kommt zustande, weil einer von uns mit Vorsatz auf den Atomknopf drückt. Er sagt, es kann passieren, weil sich die Dinge verselbstständigen und zu Resultaten führen, die keiner intendiert hatte, und wenn wir mit dem Feuer spielen, gehen wir dieses Risiko ein“, so Greiner – Kontrollverlust als Erfahrung aus der Kubakrise.

Indirekt drücke Biden mit seiner Anspielung auf Kuba aber auch eine mögliche Lösung aus. In Kuba sei der Konflikt am Ende ja eben nicht über eine bedingungslose Politik der Stärke und kompromissloses Festhalten an Entschlossenheit gelöst worden, sondern Kennedy habe einen Kompromiss angeboten, damit Chruschtschow gesichtswahrend aus der Sache rauskommen konnte, und dieser trat dann auch auf die Bremse.

Spiel mit Ambivalenz, Unsicherheit, Ängsten

Greiner hält Bidens Äußerung für absolut gezielt und das Ganze sowieso für eine wunderbare Illustration, wie Abschreckung funktioniere. „Abschreckung lebt nie von Klarheit, sie lebt immer von Ambivalenz, von Unsicherheit und spielt mit Ängsten“, sagt er. Man müsse die andere Seite im Unklaren darüber lassen, was als Nächstes passiert. Die andere Seite müsse mehr Angst haben als man selbst. Insofern wertet er auch die Äußerungen des französischen Präsidenten Emmanuel Macron, wenn die Ukraine mit Atomwaffen angegriffen werde, sei es noch kein Grund, ebenfalls Atomwaffen einzusetzen, als Verstoß gegen die Grundregel von Abschreckung.

Die Kehrseite bei alldem ist natürlich, dass in einer solchen Unsicherheit auch vieles von Zufällen, Deutungen und dem Naturell der handelnden Personen abhängt. Die Unklarheit heute wirkt bedrohlich. Die Kubakrise ist dagegen gut erforscht. Im Rückblick weiß man, wie Entscheidungen zustande kamen. Es gibt Tonbandmitschnitte aus dem Weißen Haus und Protokolle aus dem Kreml. Nur ging das den handelnden Personen damals natürlich anders.

Insofern ist der Kuba-Vergleich, der im Alliierten-Museum in Zehlendorf angestellt wird, durchaus interessant. „Es schnürt zusammen auf einen Punkt. Die Ausgangsvoraussetzungen mögen verschieden gewesen sein, aber vergleichbar ist das Spiel mit Unkontrollierbarem“, sagt Greiner. Es gebe eben keinen weisen, abwägenden Akteur im Hintergrund, und wo der Gegner genau stand mit seinen Schiffen und Flugzeugen und was alles schiefging und hätte falsch interpretiert werden können, wusste man erst hinterher“, sagt Greiner. Der Krieg ist für ihn eine Grauzone, ein nebliger Morast.

Hat man all das im Kopf, wirken die aktuellen Vorgänge plötzlich umso bedrohlicher. Am Montag übte die Nato über der Nordsee für den Atomkrieg. Zeitgleich wurde betont, die jährliche Übung sei keine Reaktion auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und es kämen keine scharfen Waffen zum Einsatz. Nach Bernd Greiners Logik muss das der Kreml aber auch so verstehen. „Es gibt immer die einen, die sagen, Stärke und Entschlossenheit ist das Gebot der Stunde, und die anderen, und zu denen gehöre ich, die sagen, viel zu morastig, viel zu unkalkulierbar. Am Ende muss es ein Angebot zu einem Kompromiss geben, der für alle Seiten tragbar ist“, sagt Greiner. Sonst gehe es immer weiter bergab auf der abschüssigen Bahn. Das könne man aus Kuba lernen.